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Von Gregor von Kursell

22.12.2020

Das Fest der Liebe

Das Hauptthema der meisten Weihnachtsfilme ist und bleibt die Sache des Herzens

Weihnachten ist das Fest der Liebe – der Liebe Gottes zu den Menschen, der Liebe zwischen Kindern und Eltern, das Fest der Nächstenliebe. Zumindest ist das in Deutschland so, und zwar schon ziemlich lange. Weihnachten hat jedoch noch eine andere, frivolere Vergangenheit. Wer sie sucht, wird ausgerechnet in England fündig.

Der Brauch, die Kinder zu beschenken, reicht hierzulande zurück bis in Mittelalter. Lange Zeit war der heilige Nikolaus für das Verteilen der Gaben zuständig. Martin Luther, der die katholischen Heiligen nicht sehr schätzte, schon gar nicht, wenn sie volkstümlich waren und Geschenke brachten, verlegte die Bescherung auf den 24. Dezember. Nach und nach entwickelte Weihnachten sich von einem rein kirchlichen Feiertag auch zu dem Familienfest, das wir heute kennen. Die Liebe, die dabei beschworen wird, drückt sich in der Praxis vor allem durch Geschenke aus, die die braven Kinder als Belohnung erhalten. Diese wiederum basteln zum Dank etwas für die Eltern. Auch an die Alten, Armen und Kranken soll gedacht werden – ein pädagogisch also sehr wertvolles und vor allem jugendfreies Fest.

In einigen Regionen des alten Europas, vor allem in England, war die Weihnachtszeit bis in die frühe Neuzeit hinein ganz anderen Freuden gewidmet. Einmal im Jahr wurde die Ordnung auf den Kopf gestellt. Die Bauern und Knechte drangen in die Häuser der Gutsherren ein und forderten diesen nachdrücklich auf, sie mit Speis und vor allem Trank zu verwöhnen. Es wurde getanzt, gespielt und natürlich kamen sich Männlein und Weiblein näher. Historiker vermuten, dass dieser Ausbruch von Ausgelassenheit mit den wirtschaftlichen Gegebenheiten der Agrargesellschaft zusammenhing. Die Feldarbeit war getan, Brot und Fleisch, Bier und Wein waren im Überfluss vorhanden und mussten schnell aufgebraucht werden. Man musste nicht mehr so früh aufstehen wie zu den Zeiten, da alle auf dem Feld arbeiten mussten. Die Menschen waren ausgeruht, hatten viel Zeit für die angenehmen Dinge des Lebens und die Obrigkeit drückte ein Auge zu oder machte mit – wozu gab schließlich die Beichte? In Deutschland kennen wir eine solche Saison der Freizügigkeit auch, allerdings nicht zu Beginn des Winters, sondern in der Faschingszeit.

Doch nicht allen gefiel diese Art der Weihnachtsfreude. Mit der Reformation erwachte der Widerstand. Zwar war Martin Luther ein Freund und Förderer der – harmlosen – deutschen Weihnachtsbräuche, aber radikalere Strömungen, allen voran die Puritaner, bekämpften nicht nur die sexuellen Eskapaden, sondern gleich den ganzen Feiertag. Die Bibel enthalte schließlich keine Aufforderung, die Geburt des Herren so zu feiern, meinten sie. In Wirklichkeit sei Weihnachten eine Fortsetzung heidnischer Bräuche und überdies eine Ausrede für unmoralisches Treiben.

Als die Puritaner 1649 in England an die Macht kamen, verboten sie das Fest. Erst nach dem Ende ihrer Diktatur durften die Engländer wieder Weihnachten feiern. Zwar galten die derben Sitten der Vorfahren inzwischen als bäurisch und veraltet, aber bis heute hat Weihnachten in Großbritannien mehr von einer Party als das besinnliche Familienfest in Deutschland. Schon Charles Dickens beschreibt das in seiner Erzählung „A Christmas Carol“ einen fröhlichen Weihnachtsabend junger Erwachsener. Ein Blindekuh-Spiel bietet den Gästen die Gelegenheit, einander ausgiebig zu betasten, ohne damit allzu sehr gegen die damals strengen Anstandsregeln zu verstoßen. Der Brauch, sich unter dem Mistelzweig zu küssen, stammt ebenfalls aus England. Im englischsprachigen Christmas-Pop steht nicht umsonst die Zweisamkeit in der Weihnachtszeit im Mittelpunkt. „I don’t want a lot for Christmas / there is just one thing I need / I don’t care about the presents / underneath the Christmas tree / I just want you for my own / more than you could ever know / make my wish come true oh / all I want for Christmas is you“ – diese klare Ansage von Mariah Carey beschreibt sehr treffend, wie man das „Fest der Liebe“ auch feiern kann.

Wer sich in der Weihnachtszeit vergeblich nach etwas Romantik sehnt, kann sich mit Leinwand-Liebe trösten. Die Gattung der „romantischen Komödie“ bestreitet einen erheblichen Anteil der Weihnachtsfilme. In diesem Genre können sich die Liebenden nach einer Periode harmloser Irrungen und Wirrungen zum Happy End in die Arme schließen.

Einer der der ersten Weihnachtsfilme Hollywoods, der Klassiker „Rendezvous nach Ladenschluss“ des Meisterregisseurs Ernst Lubitsch läuft genau nach diesem Muster ab. Alfred Kralik und Klara Novak sind Angestellte in einem Geschäft und können einander nicht leiden. Beide sind auf der Suche nach einer festen Beziehung und schreiben Briefe an unbekannte Personen, mit denen sie über Zeitungsanzeigen anonym in Kontakt treten. (Für Menschen, die das nicht mehr kennen: Als es noch keine Dating-Plattformen im Internet gab, konnte man per Kleinanzeige nach Partnern suchen. Der Film stammt aus dem Jahr 1940.)

Was Alfred und Klara nicht ahnen ist, dass sie miteinander korrespondieren. Das finden sie, nach einigen komischen Verwicklungen, erst am Weihnachtsabend heraus und werden ein Paar.

80 Jahre später gibt es unzählige Weihnachtsfilme, in denen das Christkind Amors Pfeile verschießt. Besonders beliebt sind Lovestorys, in denen der Hochadel unterm Weihnachtsbaum zarte Bande knüpft. Auf Prinzen und Prinzessinnen scheint die Weihnachtszeit auch heute noch so zu wirken wie im Mittelalter auf die englischen Bauern.

Neben viel Durchschnittsware finden sich unter den modernen Weihnachtsromanzen auch ein paar echte Schätze. „Tatsächlich...Liebe“ von 2003 ist so ein moderner Klassiker. Ein Weihnachtsfilm, über den Kritiker die Stirn runzeln, den die Zuschauer aber bejubeln. Regisseur Richard Curtis erzählt parallel die Liebesgeschichten ganz unterschiedlicher Menschen, vom Schuljungen bis hin zum Premierminister von England. Alle handelnden Personen sind auf die eine oder andere Art miteinander verbunden. Das ist so kompliziert, dass im Internet Infografiken zu finden sind, die das Verhältnis der Figuren zueinander erklären.

Die Handlung entfaltet sich in der Adventszeit und kommt an Heiligabend zum Abschluss. Stars wie Hugh Grant, Emma Thompson, Alan Rickman, Keira Knightley, Liam Neeson, Heike Makatsch und Rowan Atkinson machten den Film zu einem Kassenschlager und überspielen inhaltliche Schwächen meisterhaft. Die komplizierte Handlung lässt sich nur in ganz groben Zügen skizzieren: Paare finden oder trennen sich. Ein Ehemann beginnt eine Affäre mit seiner Sekretärin. Der beste Freund eines Bräutigams wird zu Stalker, weil er die Braut liebt. Ein englischer Proll, der bei den Damen nicht landen kann, fliegt nach Amerika, um dort mit seinem britischen Akzent heiße US-Girls zu verführen. Zwei Film-Doubles verlieben sich beim Porno-Dreh. Einige der Geschichten sind amüsant, einige anrührend, andere absurd. Das Ganze ist hochprofessionell umgesetzt, mit pointensicheren Dialogen, Situationskomik und einer in der Weihnachtszeit gerade noch erträglichen Portion Kitsch.

Eine ungewöhnliche Idee steckt auch hinter „Last Christmas“ von 2019, einem Film von Paul Feig und Emma Thompson. Die chaotische Kate (Emilia Clarke) bekommt weder beruflich noch in ihrem Liebesleben einen Fuß auf den Boden. Dann tritt ein einfühlsamer, aber geheimnisvoller Mann (Henry Golding) in ihr Leben, der ihr hilft ihre Probleme in den Griff zu bekommen. Das Happy End fällt jedoch ganz anders aus als erwartet. Der Titel des Films ist keineswegs nur eine wohlfeile Anspielung auf einen bekannten Popsong. Die Zeile „I gave you my heart“ wird auf überraschende Weise zum zentralen Thema des Films. George Michael persönlich segnete das Film-Projekt ab. Er stellte dabei die Bedingung, dass in der Geschichte auch die Hilfe für Obdachlose eine Rolle spielen müsse. Er selbst spendete nämlich nicht nur viel Geld für diesen Zweck, er arbeitete auch unerkannt in Hilfsprojekten mit.

Damit ist „Last Christmas“ eine durchaus sinnliche Lovestory, in der aber auch das Thema Nächstenliebe nicht zu kurz kommt. George Michael, der 2016 am Weihnachtstag starb, wäre hoffentlich zufrieden gewesen.

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