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22.11.2017

Das Warten auf den „Mann im Ohr“

Der Videobeweis (hier hält Schiedsrichter Christian Dingert beim Bundesligaspiel zwischen Mönchengladbach und Hannover Rücksprache mit Köln) sorgt für reichlich Diskussionsstoff. Auch bei Unparteiischen und Trainern in der Region.
Bild: Gambarini, dpa

Fußball Seit dieser Spielzeit gibt es in der Bundesliga den Videobeweis. Wirklich zufrieden scheint aber niemand zu sein. Wie Funktionäre aus der Region über das Hilfsmittel denken

Donauwörth Es läuft das WM-Finale 2014. 112 Minuten sind gespielt, als Mario Götze das Siegtor schießt. Gefühlt ganz Deutschland liegt sich in den Armen, ekstatische Freude, als der Ball die Linie überquert. Man stelle sich vor, dass Millionen von Fußballfans nicht jubeln, schreien, weinen – sondern auf ein Ohr starren. Nämlich auf das von Schiedsrichter Nicola Rizzoli aus Italien. Bekommt er vielleicht ein Signal des Videoassistenten? War irgendetwas beim Tor nicht in Ordnung? War es Handspiel oder Abseits?

Gegner des Videobeweises, die sich in den vergangenen Wochen vehement beschwert haben, monieren genau das: Die Emotionen beim Spiel gehen verloren. Zugegeben: Bis zur nächsten Fußball-Weltmeisterschaft dauert es noch ein gutes halbes Jahr. Doch auch in Russland soll der Videobeweis zum Einsatz kommen. Die bisherige Testphase in der Bundesliga stiftet gefühlt mehr Verwirrung als Klarheit – so lauten zumindest die Stimmen der Kritiker. Wann soll der Assistent in Köln genau eingreifen? Kaum vergeht eine Woche, ohne dass die Vereine ein neues Rundschreiben vom Deutschen Fußball-Bund erhalten.

Zu allem Überfluss musste der Videobeweis-Chef Hellmut Krug seinen Posten abgeben: Es standen Vorwürfe im Raum, dass er Schalke 04 bevorzugt und den Videoassistenten in Köln beeinflusst haben soll. Ist das Experiment also bereits gescheitert oder wäre der Aufschrei nicht viel größer, wenn ein WM-Finale oder der Abstiegskampf durch ein irreguläres Tor entschieden würde? Wir haben uns bei Schiedsrichtern und Trainern aus dem Landkreis umgehört, was sie zur aktuellen Debatte sagen.

Jonathan Schädle, Sportreferent der Stadt Donauwörth und selbst Schiedsrichter, ist ein Kritiker des Videobeweises: „Grundsätzlich ist es schade, dass so viel Zeit bis zu einer Entscheidung verloren geht. Allgemein ist ein Videobeweis schwierig, weil es im Fußball selten Schwarz-Weiß-Entscheidungen gibt.“ Man dürfe den Videoassistenten nur bei „1000-prozentigen Fehlern“ hinzuziehen. Denn aktuell, so Schädle, sei die Verwirrung groß. Aus Sicht eines Schiedsrichters kann er dem Videobeweis aber auch etwas Gutes abgewinnen: „Als Schiri bist du natürlich über jede Hilfe froh, die du bekommst. Im Moment wirken die Unparteiischen aber eher verunsichert.“ Der WM im kommenden Jahr blickt der 31-Jährige entspannt entgegen: „Ich gehe davon aus, dass die Verantwortlichen bis dahin eine Linie finden, die zufriedenstellend ist.“

Karl Schreitmüller, Trainer des Bayernligisten TSV Rain, ist ebenfalls kein Freund des Videobeweises: „Er nimmt den Spielfluss und wirft viele Diskussionen auf. Dabei lebt der Fußball von Tatsachen-Entscheidungen.“ Das Eingreifen des Assistenten in Köln müsse sich auf ein Minimum beschränken, so Schreitmüller weiter: „Tor, Rote Karte und Abseits. Sonst fordern Spieler immer wieder den Videobeweis, wodurch es zu Rudelbildungen kommt.“ Der 46-Jährige fordert, dass ein Urteil gefällt wird, ob man den Videobeweis im Fußball haben möchte oder nicht. „Bis zur WM“, hofft Schreitmüller, „wird er hoffentlich gekippt und kommt nicht mehr zum Einsatz.“

Den Videobeweis grundsätzlich gut findet Wolfgang Beck, Schiedsrichter-Obmann der Gruppe Nordschwaben: „Er verfolgt ja schließlich den Gedanken, krasse Fehler zu vermeiden. Ich finde es auch gut, dass er bei der WM zum Einsatz kommen soll. Die FIFA wird sicherlich aus den Fehlern des DFB lernen.“ Diesem wirft Beck vor, eine klare Definition verpasst zu haben. „Es wird zu viel diskutiert, der Schiedsrichter auf dem Platz muss der Entscheider sein. Fußball lebt von Tatsachen-Entscheidungen. Man muss den Assistenten eher vorschreiben, wann sie nicht einzugreifen haben.“ Aber der 47-Jährige kann dem Videobeweis auch Gutes abgewinnen: „Ein Eingreifen bei Abseits oder Elfmeter finde ich absolut super – da haben die Unparteiischen in Köln bessere Hilfsmittel.“ Als mögliche Verbesserung bringt der Obmann zudem sogenannte „Challenges“ ins Spiel. Eine Mannschaft dürfte dann den Videobeweis anfordern, das ist im Tennis und American Football schon gang und gäbe. „Schiedsrichter wären dann nicht mehr in der Verantwortung.“ "Pro und Kontra

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