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Donauwörth

22.02.2019

Das kärgliche Leben im Kinderheim

Blick in eine scheinbar heile Welt: Eine Herz-Jesu-Schwester und zwei Erzieherinnen kümmern sich im Kinderheim der Pädagogischen Stiftung Cassianeum um Kleinkinder. Die Ordensfrauen, die von 1920 bis 1966 im Heim tätig waren, werden durchwegs als fürsorglich beschrieben.
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Blick in eine scheinbar heile Welt: Eine Herz-Jesu-Schwester und zwei Erzieherinnen kümmern sich im Kinderheim der Pädagogischen Stiftung Cassianeum um Kleinkinder. Die Ordensfrauen, die von 1920 bis 1966 im Heim tätig waren, werden durchwegs als fürsorglich beschrieben.
Bild: Stadtarchiv Donauwörth

Plus Eine Kommission hat recherchiert, welche Zustände in der Einrichtung in Donauwörth über Jahrzehnte herrschten – und wie es zu Verbrechen kommen konnte.

„Wie sich die Sonne birgt in jeder Blume, birgt Gottes Antlitz sich in jedem Kinde.“

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Mit diesen Worten des Philosophen Julius Langbehn beendet Max Auer im Jahr 1950 einen Beitrag in einer Festschrift. In der stellt der Pädagogische Direktor der Stiftung Cassianeum das Kinderheim vor, das seit 1916 besteht. Max Auer schildert das Leben in der Einrichtung so: „Alle neu angekommenen Schützlinge fühlen sich bald wohl, heimisch und geborgen.“ Man sei bestrebt, die Grundsätze und Forderungen des Stifters Ludwig Auer auch im Kinderheim zu erfüllen – „und wir sind uns dabei wohl bewusst, welch große Verantwortung jedes einzelne Kind uns auferlegt“. Solche Sätze schaffen Vertrauen, erst recht in der damaligen Zeit nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs. Und erst recht, weil sie ein Priester schreibt. Der Enkel des Gründers der Pädagogischen Stiftung Cassianeum ist in Donauwörth hoch angesehen. Er ist in seiner Funktion für das Heim seit 1945 verantwortlich – und bleibt es bis zu dessen Schließung 1977.

Im Jahr 2019 ist von diesem Ansehen nichts mehr übrig. Max Auer, so hat eine vom Augsburger Bischof Konrad Zdarsa einberufene Kommission dokumentiert, führt in dem Kinderheim 32 Jahre lang ein eisernes Regiment, verprügelt Kinder und – was am schwersten wiegt – macht sich nach neuesten Erkenntnissen des sexuellen Missbrauchs an zwei Buben und einem Mädchen schuldig. Er duldet auch, dass sich andere Personen – von der Heimleiterin bis zu einem Gärtnereimitarbeiter – mit körperlicher und seelischer Gewalt an den Kindern vergehen.

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Pädagogisches Konzept wird kritisch betrachtet

In ihrem Untersuchungsbericht geht die Projektgruppe nicht nur auf die Taten ein, sondern beleuchtet auch das Umfeld und die Umstände in jener Zeit. Dies beginnt bereits mit der Persönlichkeit von Ludwig Auer, der im 19. Jahrhundert das Cassianeum gründet und – um sein Lebenswerk zu sichern – 1910 die Stiftung ins Leben ruft. In Donauwörth und Umgebung ist Ludwig Auer, der durch seine Geschäftstüchtigkeit und geschickte Eheschließungen rasch ein großes Vermögen anhäuft, als „Onkel Ludwig“ bekannt. Noch heute steht neben dem Kloster Heilig Kreuz, das er samt Kirche und Nebengebäuden kauft und in die Stiftung überführt, ein Denkmal, das den Gründer fürsorglich mit zwei Kindern zeigt. Allerdings, so stellt die Kommission fest, sei das pädagogische Konzept, mit dem Ludwig Auer seinen Nachfahren als Vorbild dient, durchaus kritisch zu betrachten, denn: „Eine nicht hinterfragbare, charismatische Führungspersönlichkeit schrieb Erziehungsstil, -grundsätze und -inhalte vor.“ Die Einrichtungen der Stiftung hätten sich im Laufe der Zeit verselbstständigt, merkt Professor Gerda Riedl aus dem Bischöflichen Ordinariat bei der Präsentation des Berichts in Augsburg an.

Hinzu kommt: Die Lebensbedingungen im Kinderheim bezüglich Unterbringung, sanitärer Verhältnisse und der Versorgung mit Lebensmitteln sind – auch gemessen an den Verhältnissen jener Zeit – nach Erkenntnissen der Kommission „prekär“. Das Totenbuch der Pfarrei Heilig Kreuz weist zwischen 1945 und 1953 eine ungewöhnlich hohe Säuglingssterblichkeit im Kinderheim aus. Die sei auf „ungeeignete Unterbringung und einen eklatanten Mangel an Nahrungsmitteln zurückzuführen“. Die Unzulänglichkeiten werden auch in den folgenden Jahren nicht behoben. Nach und nach wird dessen ungeachtet das Heim auf bis zu 70 Kinder vergrößert.

Max Auer tritt würdig und selbstsicher auf

In dieser Umgebung kann Max Auer nach Gutdünken agieren und niemand schreitet ein – weder die Stiftungsorgane noch die Behörden. Die strengen Befehls- und Gerhorsamsketten, so schildert die Projektgruppe, sorgen dafür, dass die Verfehlungen der Heimleitung oder anderer unter der Decke gehalten werden. Ein Heimkind beschreibt, Max Auer habe ein „sehr würdiges selbstsicheres Auftreten gehabt und in der Öffentlichkeit einen positiven Schein gewahrt“. Er sei auf der einen Seite „unberechenbar und bestialisch“, auf der anderen Seite „der Gutmütigste“ gewesen.

Das Ende des Heims im Jahr 1977 kann auch Max Auer nicht verhindern. Die Regierung von Schwaben als Aufsichtsbehörde erklärt, die Einrichtung entspreche in räumlicher und personeller Hinsicht nicht mehr den Anforderungen. Nur ein umfangreicher Ausbau oder ein Neubau könnte Abhilfe schaffen. Dazu sieht sich die Stiftung außerstande. Die Grausamkeiten, welche die Kinder hinter den Klostermauern erdulden müssen, bleiben der Öffentlichkeit lange verborgen – auch nachdem Max Auer 1980 stirbt.

Zu dem Thema lesen Sie auch den Kommentar Missbrauch: Respekt und Menschlichkeit für die Opfer

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