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DZ-Lesegeschichte 

07.04.2019

Die Geschichte eines Traktors

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8 Bilder
Schrottreif und von der Natur überwuchert stand der Schlepper nach dem Krieg im Garten eines Landwirts.
Bild: privat/Würth

Wie ein „Schlüter“-Traktor in der Familiengeschichte der Würths eine bleibende Rolle spielte und was seine Besitzer aus Buchdorf mit ihm erlebten.

Als der „Schlüter“ mit seinen Eisenrädern eines Tages im Januar 1942 in den Hof von Karl und Theresia Würth in Buchdorf einbog, lief fast das halbe Dorf zusammen ob dieser Sensation: Das Unikat erregte damals großes Aufsehen. Dass der Schlepper einmal eine Geschichte erleben würde, die noch heute nicht zu Ende ist, ahnte damals niemand. Edgar Würth war seinerzeit ein Bub von elf Jahren. Das Gefährt fand natürlich auch seine Bewunderung. „Ich bin schneller gefahren als mein Vater“, erinnert er sich, „er war nicht so sehr ein Freund der Technik.“

„Schon ein halbes Jahr nach der Auslieferung hat mein Vater Gummireifen montiert“, erinnert sich der heute 88-Jährige. Die ganze Geschichte des Traktors mit der Bezeichnung DZM 25 hat er für seine Enkel und Urenkel in einem Buch mit dem Titel „Opa, erzähl mal!“ zusammengefasst. Gerade einmal zwei Bulldogs gab es damals in Buchdorf gegeben.

Gruselige Touren auf Geheiß der Wehrmacht

Im April 1945 wurde der Traktor der Familie Würth zwangsentfremdet: Auf Befehl der Wehrmacht mussten die Würths mit ihrem „Schätzchen“ Möbel- und Truppentransporte durchführen. Edgar Würth ist immer wieder mitgefahren. „Das war manchmal gruselig. Nachts mussten wir ohne Licht unterwegs sein.“

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Der Höhepunkt dieser Aktionen damals: In einer sternenklaren Nacht mussten die Würths mit dem Bulldog und zwei Anhängern 50 Soldaten transportieren, die darauf mehrere Stunden stehend ausharren mussten. „Sie kamen abends um sechs Uhr, schwer bewaffnet, zu uns.“ Wohin die Fahrt führen sollte, war den Würths nicht klar. Am Ende landeten sie fast direkt an der Front bei Gunzenhausen, um nach dem „Absitzen“ der Soldaten auf Feldwegen den Weg nach Hause anzutreten, knapp an den Einschlägen vorbei. Zunächst hätten er und sein Vater an ein Gewitter geglaubt. Glücklicherweise seien sie gewarnt worden, die Heimfahrt aus Sicherheitsgründen über Feldwege anzutreten.

Momente, die der heute 88-Jährige nicht mehr vergisst

Es sind die zahlreichen Momente, die der 88-Jährige immer noch haarklein parat hat, die wohl auch die Enkeln und Urenkeln so begeistert haben, dass sie ihn dazu animiert haben, seine Erlebnisse aufzuschreiben. Dort ist auch zu lesen, wie kriegsgefangene Franzosen bei den Würths auf dem Heuboden untergekommen waren, total ausgehungert.

Sein Vater habe einen Kessel mit fast zwei Zentnern Schweinekartoffeln gefüllt. Eine Mahlzeit, die bei den Franzosen so gut ankam, dass schon nach zehn Minuten alle Kartoffeln verspeist waren. Dazu holten sich die Soldaten aus dem Garten Löwenzahn, um angemacht mit Brunnenwasser, daraus einen Salat zu zaubern.

Am 22. April 1945 beschlagnahmten Soldaten den Traktor. Dass sie das geliebte Fahrzeug noch einmal sehen würden, glaubte keiner der Familie. Doch ein Anruf des Landratsamtes Miesbach ließ sie wieder Hoffnung schöpfen: Ein Landwirt aus Wildbad Kreuth hatte den Schlepper an sich genommen, wollte ihn eigentlich nicht wieder hergeben. Doch Erhard Würth, der Sohn von Edgar Würth, holte den Bulldog nach Hause.

Blumenberankt wurde der Schlüter wiederentdeckt

Weil die Landwirtsfamilie mit einem neuen, modernen Hydraulik-Bulldog liebäugelte, entschloss sie sich zum Verkauf. Anton Stengel aus Walbach erwarb den Bulldog. Doch nach einigen Jahren diente er ihm nur noch zur Dekoration. Durch Zufall entdeckte Edgar Würth den „Schlüter“, blumenberankt, tief ins Erdreich gesunken, auf einer Wiese des neuen Besitzers. Mehrfach bemühte er sich darum, den Schlepper „zurück nach Hause“ zu holen – vergeblich. Doch dann gelang es Erhard Schiele sogar, das Fahrzeug zum Nulltarif zu bekommen. Mit einem 90 PS-Schlepper zog er den „Schlüter“ aus dem Morast, die Reifen hielten zur Verwunderung der Beobachter sogar noch die Luft.

Was dann folgte, war eine Sisyphusarbeit. Erhard und Edgar Würth zerlegten ihren „Schlüter“ in Hunderte von Kleinteile: vom Getriebe bis hin zur Zentrifuge. Alles wurde gereinigt, alles wurde poliert, einige Teile mit Original-Ersatzteilen des Herstellers ersetzt. Danach war der Bulldog wieder voll für die Straße einsetzbar. Mittlerweile wird der „Liebling“ nur noch zu besonderen Anlässen aus der Garage geholt: beispielsweise zu Oldtimer-Treffen.

Ein Buch über seine politische Karriere

Die ganze Geschichte hat die Nachfahren von Edgar Würth so in den Bann gezogen, dass sie mit dem „Opa“ sprachen. Die Folge: Jetzt sitzt der ehemalige Buchdorfer Bürgermeister und CSU-Landtagsabgeordnete über einem zweiten Buch. In ihm soll das dokumentiert werden, was er während seiner politischen Karriere erlebt hat. Das könnte möglicherweise noch spannender werden.

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