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Donauwörth/Dillingen

12.07.2020

„Die Kirche muss sich öffnen – auch für Frauen“

Ottmar Kästle hat in den vergangenen 50 Jahren als katholischer Seelsorger viel erlebt. Der heutige Dillinger Krankenhausseelsorger ist überzeugt, dass der Glaube in existenziellen Nöten helfen kann. Das Foto zeigt den heute 76-Jährigen mit dem Album von seiner Primiz, die er am 12. Juli 1970 in Steinheim gefeiert hat.
Bild: Berthold Veh

Ottmar Kästle ist seit 50 Jahren Priester – heute in Dillingen, früher aber auch als Dekan in Donauwörth. Die Krise der Kirche bedrückt ihn. Aber er weiß aus eigener Erfahrung, dass ihre Botschaft in existenziellen Nöten helfen kann

Viele Menschen kennen Ottmar Kästle heute von Besuchen im Dillinger Krankenhaus. Der katholische Pfarrer engagiert sich dort als Klinikseelsorger. Viele aber erinnern sich auch noch an ihn aus seiner Zeit in Donauwörth. 2005 war er in die Pfarreiengemeinschaft Zu Unserer Lieben Frau mit St. Laurentius Berg, St. Georg Auchsesheim und Nordheim gekommen. 2006 wurde er zum Dekan gewählt. Die Zusammenlegung der bis dato eigenen Dekanate Rain und Donauwörth 2012 vergrößerte seinen Wirkungskreis weiter. 2015 schließlich verließ er Donauwörth in Richtung Dillingen, um dort Kranken und Sterbenden Beistand zu geben. Das zu tun, ist ihm Berufung. Heuer nun feiert Ottmar Kästle sein Goldenes Priesterjubiläum. Er ist seit 50 Jahren im Amt.

Gebürtiger Stuttgarter

Kästle wurde 1943 in Stuttgart geboren, wuchs aber in Steinheim bei Dillingen auf. Nach dem Abi am Sailer-Gymnasium in Dillingen begann er ein Philosophie-Studium, machte aber auch eine zweimonatige Ausbildung zum Krankenpflegehelfer. Dann wechselte er in die Theologie, bekam einen Platz im Priesterseminar Georgianum und wurde schließlich am 5. Juli 1970 vom damaligen Bischof Josef Stimpfle in der Ludwigskirche in München zum Priester geweiht. Am 12. Juli 1970 feierte Kästle in Steinheim Primiz.

Ein Tag voller Wehmut, aber auch Freude: Dekan Monsignore Ottmar M. Kästle.

Entscheidung nie bereut

Seine Entscheidung habe er nie bereut, betont der Seelsorger. „Ich bin mit Leib und Seele Pfarrer. Die Seelsorge war mir immer ein Anliegen.“ Kästle gesteht, dass er an der gegenwärtigen Situation der Kirche leide. Der Missbrauchs-Skandal sei furchtbar, und die Tatsache, dass immer mehr Menschen der Kirche den Rücken kehren, belaste ihn ebenfalls. Kästle ist davon überzeugt, dass die Kirche den Menschen in ihren existenziellen Grundfragen hilfreiche Antworten geben könne. Deswegen rät er allen Geistlichen: „Die Seelsorge muss ihr Ohr ganz intensiv am Herz der Menschen haben.“ Wenn das Leben an sein Ende komme, hätten Christen die Zuversicht, dass sie in der Herrlichkeit Gottes weiterleben. Diese Verheißung sei doch tröstlich: „Du kannst nicht tiefer fallen, als in Gottes Hand.“

Corona hat die Jubiläumsfeier ausgebremst

Ottmar Kästle, der sein Goldenes Priesterjubiläum gerne mit vielen Menschen gefeiert hätte und jetzt durch Corona ausgebremst wurde, fordert aber auch, dass sich die katholische Kirche öffnen müsse. Den Zölibat hält der 76-Jährige zwar für sinnvoll, aber auch nicht geweihte Frauen und Männer könnten anderen Menschen in der Verkündigung Hilfe geben, sagt Kästle. Da sei ein Aufbruch notwendig. Der Seelsorger ist der Ansicht: „Die Kirche muss einen Weg finden, damit Frauen Aufgaben eines Diakons wahrnehmen können.“

Die Arbeit hat durch die Pastoralreform nicht abgenommen, im Gegenteil. Dekan Kästle, 71, wird wahrscheinlich nach Dillingen gehen.
Bild: Hilgendorf

Anfangs wirkt Kästle ein wenig ernst, aber je länger er erzählt, desto heiterer wird er. In seinem Leben als Pfarrer hat er viel erlebt. Nach der Priesterweihe wurde Kästle Kaplan in Senden und Dekanatsjugendseelsorger. Als Pfarrer in St. Albert im Neu-Ulmer Stadtteil Offenhausen habe er in der Justizvollzugsanstalt Sprechstunden für die Häftlinge angeboten. Das sei für ihn eine heilsame Erfahrung gewesen. Er habe gelernt, die schlimmen Taten zu verurteilen, aber nicht die Menschen. „Es war furchtbar, zu sehen, was in diesen Männern vorher zu Bruch gegangen war.“

Er hat viele Bauprojekte begleitet

Von 1981 an war Kästle 24 Jahre lang Pfarrer in der Herz-Jesu-Pfarrei in Pfersee, er hat viel gebaut, die Projekte reichen vom Kirchenzentrum bis zur Installation der Kirchenheizung. 1999, vor Pfingsten, freute sich Kästle mit seinem Kirchenpfleger, dass alles fertig war. Einen Tag später kam das Pfingsthochwasser und flutete die Kirche. „Wir heulten beide“, erinnert sich der Geistliche.

Der Donauwörther Stadtpfarrer und Dekan Monsignore Ottmar Kästle
Bild: Foto: Widemann

Seit fünf Jahren ist Ottmar Kästle nun Krankenhausseelsorger. Er hat erfahren, dass gerade während einer Krankheit unheimlich viel passiere. „Da kann der Glaube helfen“, weiß er. Einmal hat ihn ein Patient drei Mal aus dem Zimmer komplimentiert. Kästle gab aber nicht auf. Und am Ende habe sich ein intensives Gespräch ergeben – mit dem Kommentar des Todkranken: „So lange hat mir noch nie jemand zugehört.“

Kästle betont, dass ihm auch die Kinder, Jugendlichen und jungen Familien wichtig seien. „Ein Seelsorger muss den Menschen zeigen, dass er sie mag“, sagt Kästle. Deshalb seien Güte und Barmherzigkeit angebracht und Urteile und Verurteilungen zu vermeiden.

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