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Donauwörth

16.12.2018

Die Krippenwelten des Michael Veh

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8 Bilder
Krippe in der Donaulandschaft: Diese groß angelegte, detailreiche Szenerie lässt Michael Veh vor der Kulisse der Stadt Donauwörth mit Liebfrauenmünster und Heilig-Kreuz-Kirche spielen. 

Vor 100 Jahren wurde ein Mann geboren, der heute als der Krippenbauer Donauwörths gelten darf. Mit viel künstlerischem Geschick hat er Figuren und Szenerien geschaffen, die ihn bis heute dort unvergesslich machen

Miniaturdarstellungen haben etwas Faszinierendes. Die Welt im Kleinen zu erleben, große Ereignisse auf wenige Quadratzentimeter oder -meter gebannt zu sehen, sich mit den Blicken in winzigen Details zu verlieren, lässt einen staunen. Puppenstuben etwa gehören zu solchen reizenden Szenerien, Städte im Kleinformat, Modelleisenbahnen und dann natürlich vor allem auch Krippen. Sie betten die Geburt Christi in künstlerisch gestaltete Landschaften ein, erzählen die Weihnachtsbotschaft in filigran-figürlicher Sprache und machen uns so zu unmittelbaren Beobachtern eines der größten Ereignisse des christlichen Glaubens.

In Donauwörth ist die Krippenkunst untrennbar mit dem Namen eines Mannes verbunden, der heuer 100 Jahre alt geworden wäre: Michael Veh. Der aus Oberndorf stammende einstige Leiter der Mangoldschule, langjährige Stadtrat und Dritte Bürgermeister Donauwörth fertigte aus tiefer Religiosität heraus und mit großem handwerklichen Geschick 69 Krippen mit 1291 Figuren – vor allem in den 70er- und 80er-Jahren. Sie alle tragen seine ganz eigene Handschrift, lassen seine besondere Technik erkennen und strahlen eine Ausdruckskraft aus, der man sich nicht entziehen kann.

Veh hat bayernweit Einmaliges geschaffen

Heute stehen sie in Kirchen, Schulen, Kindergärten und Privathaushalten – sind beispielsweise in der evangelischen Christuskirche zu sehen oder im Münster Zu unserer lieben Frau. Oder sie gehören – wie die große Mehrheit – dem Donauwörther Krippenverein. Und der schätzt sich glücklich, das Erbe seines früheren Vorsitzenden bewahren und weitertragen zu können. Seine Mitglieder seien, wie Friederike Rieger sagt, stolz auf Michael Veh, von dem sie überzeugt sind, „dass er bayernweit Einmaliges geschaffen hat“.

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Veh selbst hätte es vermutlich ein wenig schlichter formuliert, denn er war, wie ihn Freunde und Wegbegleiter beschreiben, ein stets bescheidener Mensch. „Ich bin kein Künstler“, zitiert ihn beispielsweise der frühere DZ-Redaktionsleiter Hans Habermann in einem Artikel, der am Heiligen Abend 1986 erschienen ist.

Michael Veh nannte seine Passion des Krippenbauens auch immer nur ein „Hobby“, das seinem Drang entsprungen sei, Materialien mit Händen zu kneten. Überliefert ist folgender Ausspruch Michael Vehs: „Am liebsten wäre ich Maurer geworden. Es hat mir schon immer Spaß gemacht, mit dem Dreck von der Straße zu mörteln oder im Winter Schneemänner zu bauen oder Mauern aufzurichten oder Burgen zu bauen, oder aus Brettern Hütten aufzurichten.“

Keine Ausbildung war es also, die Veh die Fertigkeit des Krippenbauens hat erlernen lassen. An keiner Akademie hat er Anleitungen bekommen. Und trotzdem trifft er mit seinen Darstellungen unbedingt den Nerv der Betrachter.

Im Pappmaschee hatte Michael Veh einst den für sich geeigneten Werkstoff gefunden. Er liebte dieses „billige, ja geradezu wertlose Material“, wie er es bezeichnete. Für ihn war es weitaus kostbarer als edlere Materialien wie etwa Holz, Stein, Ton, Bronze oder gar Elfenbein.

Für die Zubereitung von Pappmaschee löste er Zeitungsbögen oder Klopapier in heißem Wasser auf, stellte eine zähflüssige Papiersuppe daraus her, seihte überflüssiges Wasser ab und fügte Kleister hinzu. Auf ein Drahtgerüst, das den Körper formte, trug er dann diese selbst hergestellte Knetmasse Schicht für Schicht auf und modellierte und bearbeitete sie ganz nach Wunsch mit den Fingern, mit Schnitzmessern oder anderem Werkzeug. So verlieh er seinen Figuren Haltung, Gestik und Mimik. Im Interview mit Hans Habermann sagte Michael Veh 1986, worauf es ihm bei seinen Gestalten ankam: „Charakter müssen sie zeigen!“

Zwei Stunden werkelte er an einem Schaf, eine Person beschäftigte ihn oft fünf Stunden oder länger. Menschen, Rösser, Kamele, Elefanten und was sich sonst noch in seinen Krippen tummelt – alles ist stets anatomisch perfekt. Von Veh heißt es, er sei ein guter Beobachter gewesen. Bewegungen und Körperhaltungen wie auch Gesichtsausdrücke habe er sich stets gut einprägen können.

Und dieses Talent strahlen seine Figuren auch heute noch so unmittelbar aus. Ob es der exakte Faltenwurf der Kleidung ist, ob die beredte Gestik, ob die Mienenspiele der Akteure – mal angestrengt, mal verzweifelt, dann wieder innig und froh. Michael Vehs Detailliebe schafft hochdramatische Inszenierungen, die mitunter einer erstarrten Theaterszene gleichen. Wenn das Jesuskind am Daumen lutscht, ein Neugieriger aus dem Spalt eines leicht geöffneten Tors herauslinst, ein Hund durch sein Kläffen Maria und Josef vom Hof verjagen will, dann hat das beste Bühnenqualität.

VisionäreThemen

Was Michael Veh in gut zwei Jahrzehnten Krippenbau thematisiert hat, darf heute zudem über die überlieferte Geschichte der Herbergssuche und Geburt im Stall hinaus gedeutet werden. Veh hat damals Situationen thematisiert, die wieder von größter Aktualität sind. Flucht und Vertreibung, die Bitte um Obdach wirken in Zeiten wie diesen im Rückblick nahezu visionär.

Und dann ist da noch die Gestalt des Josef, die bei Michael Veh eine ganz besondere Eigendynamik gewinnt. Bleibt er oftmals in anderen Darstellungen eine Randfigur, wird er neben der Gottesmutter und dem Jesuskind zum Statisten degradiert, so kommt ihm bei Veh die ganz aktive Funktion des Beschützers zu. Die des treu sorgenden Vaters.

Michael Vehs Sohn, Dr. Herbert Veh, erinnert sich in einer Festschrift zur Sonderausstellung „30 Jahre Veh-Krippen“ (erschienen 2011): „Die Weihnachtskrippen meines Vaters sind nicht nur Darstellungen einzelner Figuren (...). Sie sind aus meiner Sicht auch Familiendarstellungen. Jesus, Maria und Josef sind in Kommunikation. Nicht nur, dass Maria häufig ihr Kind im Arm trägt, nein, einige Darstellungen gehen noch weiter und beziehen Josef ausdrücklich als fürsorglichen Vater (...) mit ein. Insofern sind sie Ausdruck der Wertschätzung von Familie.“

Im Hintergrunddie Kulisse Donauwörths

Wie wenig Grenzen es bei der stilistischen Ausführung von Krippen gibt, zeigt sich in der großen Bandbreite, die man allerorten findet. Ob orientalisch, südtirolerisch, bayerisch, modern-sachlich, ob in einer Wüstenlandschaft mit Palmen, mit Bethlehem im Hintergrund, ob vor einem Alpenpanorama – die Gestaltung spiegelt oft schlichtweg den Geschmack des Künstlers wider. Und die tiefere, die symbolische Überzeugung: Bethlehem ist überall. Michael Veh hat stets eine heimatnahe Variation favorisiert. Er bettet das Jesuskind in einen Stall mitten in der Donaulandschaft vor der Kulisse Donauwörth. Oder aber er lässt Maria und Josef am Färbertörle um Unterkunft bitten. In diesem Lokalkolorit drückt sich Vehs große Verbundenheit mit der Region aus und er rückt zugleich das biblische Geschehen noch näher an die Betrachter vor Ort.

Vor 28 Jahren starb Michael Veh. Seine Krippen aber haben ihn überdauert und halten noch heute die Erinnerung an ihn lebendig. Und was kann es Größeres geben, als dass ein Mensch solche Spuren hinterlässt, die Jahrzehnte später noch den Menschen etwas so Tiefes vermitteln. Gegenüber Donauwörth jüngst verstorbenem Alt-OB Alfred Böswald äußerte sich Michael Veh einmal so: „In meinen Krippen such und finde ich Ruhe, Geborgenheit und Gottvertrauen. Grundwerte meines Lebens, die auch noch so bittere Realitäten nicht stören oder gar zerstören können ...“

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