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Heimatgeschichte

06.04.2019

Die Rolle der Juden in den Vereinen

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Der „Gelöbnis-Schein“ von Fritz Nebel als Feuerwehrmann 1913. Er war das letzte jüdische Vereinsmitglied im Liederkranz und in der Feuerwehr Harburg. Dann kam das Dritte Reich.

In Harburg war die jüdische Herkunft lange Zeit ohne Belang. Im Dritten Reich änderte sich das

Eisig Blumgart ist der erste Name eines jüdischen Bürgers, der im Jahr 1816 in Harburg in Vereinsaufzeichnungen auftaucht. Er bezahlte einen Beitrag für die Teilnahme an einem Schießen der örtlichen Schützengesellschaft. Julius, Siegfried und Fritz Nebel waren die letzten jüdischen Vereinsmitglieder in Harburg: Sie gehörten zum Gesangsverein Liederkranz und zur freiwilligen Feuerwehr. Aus dieser wurden sie 1935 wegen „Fremdrassigkeit“ ausgeschlossen, als die Feuerwehr von der NSDAP „gleichgeschaltet“ wurde.

Zwischen diesen Daten findet man zahlreiche jüdische Bürger, die ihren Beitrag zur Entstehung des Vereinswesens in Harburg, wie man es heute kennt, geleistet haben. Darüber referierte Richard Hlawon bei einer Veranstaltung des Bildungswerks Harburg.

Beim Schützenverein übernahm 1854 der hoch angesehene jüdische Arzt Dr. Raphael Mai die Aufgabe des Kassenwarts, beim Liederkranz gehörte im Jahr 1849 neben dem Lehrer der christlichen Volksschule, Friedrich Schönemann, auch der Lehrer der jüdischen Schule, Emanuel Berolzheimer, als Sekretär zu den Gründungsmitgliedern. Der Rabbiner der Israelitischen Cultusgemeinde, Elkan Selz, trat dem Verein ebenfalls bei. In den folgenden Jahrzehnten wurden die jüdischen Mitglieder in beiden Vereinen weniger, was am starken Wegzug der jüdischen Bevölkerung in größere Städte und nach Übersee lag. Im Jahr 1888 ist mit dem jüdischen Lehrer Loeb Michael Weinbach beim Liederkranz das letzte jüdische Mitglied im 19. Jahrhundert verzeichnet, 1892 mit Julius Nebel der letzte jüdische Schütze.

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Im Jahr 1913 traten dem Liederkranz wieder drei jüdische Bürger bei, die Brüder Julius und Siegfried Nebel sowie ihr Cousin Fritz Nebel; sie blieben im Verein, bis er 1932, wohl wegen der Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise, seine Aktivitäten einstellte.

Unter den 23 Gründungsmitgliedern des Turnvereins im Jahr 1863 befanden sich vier Juden, darunter Gerson Stein als Schriftwart, der drei Jahre auch Vorstand wurde. 1864 feierte der Verein eine Fahnenweihe mit einem großen Fest. Im Vorfeld hatte das „Fräulein Elka Weinbach“, Tochter des jüdischen Lehrers, die „verehrlichen Damen von Harburg“ zu einer Spende für den jungen Turnverein aufgerufen. Bei dem Fest trat sie als „Erste der zwölf Festdamen“ auf. Gerson Stein überführte bereits 1868 den Turnverein in die sogenannte „Turnerfeuerwehr“, später freiwillige Feuerwehr, mit Einverständnis aller Mitglieder und der heute kurios mutenden Begründung, „dass das wenige Herumklappern auf dem Barren einen Zweck nicht haben kann“.

Die Feuerwehr nahm nach Überwindung von Anfangsschwierigkeiten eine recht stabile Entwicklung. In ihren Rettungs-, Spritz- und Wachmannschaften sowie bei den „Wasserträgern“ taten bis zum Ersten Weltkrieg 1914 regelmäßig fünf bis sechs jüdische Bürger Dienst und beteiligten sich an Löscheinsätzen bei Bränden, zum Beispiel in der Sonnenbrauerei oder im Kohlenlager der Zementfabrik.

Die drei letzten jüdischen Feuerwehrmänner waren die schon beim Liederkranz genannten drei Mitglieder der Familie Nebel. 1935 wurden sie nach dem Willen der NSDAP aus der Wehr ausgeschlossen.

Zu diesem Zeitpunkt waren Julius und Siegfried Nebel bereits nach Palästina ausgewandert. Fritz Nebel wurde mit seiner Frau Helene 1943 von Augsburg aus deportiert. Beide blieben verschollen.

Zwei weitere ehemalige jüdische Feuerwehrmänner, beide für langjährige Mitgliedschaft ausgezeichnet, wurden Opfer des NS-Terrors: Heinrich Guldmann, von Beruf Metzger, von 1889 bis 1912 Mitglied, nach Nördlingen gezogen, kam 1944 im KZ Theresienstadt ums Leben. Leopold Stern, von Beruf Kaufmann, Feuerwehrmann von 1894 bis 1912, nach Schweinfurt verzogen, wurde 1942 im KZ Treblinka ermordet.

Weitere Vereine mit mindestens einem jüdischen Mitglied waren der Veteranen- und Kriegerverein (1872), der Verschönerungsverein (1890) und der Bürgerverein (1911). Der Radfahrerverein (1898) und der wiedergegründete Turnverein (1907) hatten keine jüdischen Mitglieder. Alle diese Vereine spielten nach Erkenntnissen von Hlawon eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Leben Harburgs, und die jüdischen Mitglieder trugen wesentlich dazu bei: „Sie waren vollkommen akzeptiert. Vor 1935 spielt ihre jüdische Herkunft in der schriftlichen Überlieferung der Vereine überhaupt keine Rolle.“

Eine musterhafte Verkörperung dieser Stellung könne man in dem Kaufmann Gerson Stein (1844 – 1920) sehen, so Richard Hlawon: Er war Vorstand des Turnvereins, Ehrenmitglied der Feuerwehr, Mitglied in der Vorstandschaft des Verschönerungsvereins, Vorstand der Israelitischen Cultusgemeinde, Stadtrat und Mitglied im Armenpflegschaftsrat.

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