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Landkreis Donau-Ries

07.04.2021

Donau-Rieser Historie: Die fürchterliche Sprache der Sterberegister

Obwohl eigene Krankenstationen bestanden, gab es im 19. Jahrhundert in den Strafanstalten wiederholt Tote infolge von Infektionskrankheiten. Der Blick in das Ordinationszimmer der Krankenabteilung der Justizvollzugsanstalt Niederschönenfeld ist von 1925.
Foto: Adalbert Riehl (Repro)

Plus Heute ist es Corona. Doch In früheren Jahrhunderten waren Pocken, Blattern, Typhus und andere Krankheiten Geißeln der Menschheit. Ein Blick in die Geschichte.

„Am 28. Januar lag ich an einem heftigen und hitzigen Fieber (Typhus) darnieder und war dem Tode nah. Meine Pfarrkinder hielten unaufgefordert öffentliche Bittandachten ab. Der Herr schenke ihnen dafür gar großen Lohn.“ Der Mertinger Pfarrer Friedrich Bauer schrieb diese Zeilen 1787 nieder und dokumentierte damit seine eigene Infektion. Mehr noch aber machte er sich dadurch verdient, dass er von 1786 bis 1807 aus der ganzen Gemeinde seuchenbedingte Krankheits- und Sterbefälle festhielt. Drei Epidemien an der Schwelle zum 19. Jahrhundert machen am Beispiel Mertingen deutlich, dass Infektionskrankheiten stets eine ständige Geißel der Menschheit waren.

Die Aufzeichnungen im ländlichen Raum sind vor den Staatsreformen unter Minister Montgelas (im Amt 1799 bis 1817) dürftig. Erst nach 1800 sind die Todesursachen in den Sterbebüchern festgehalten. 1792 notierte der Seelsorger Friedrich Bauer: „In diesem und im vorigen Jahr sind hier viele Kinder von 8, 10, 15 Jahren am hitzigen Fieber gestorben. Alle waren sie recht gute, fromme, unschuldige …“. 1793 bereits eine weitere Welle: „Im August und September starben hier 43 Menschen an der Ruhr, Große und Kleine. Alle wieder gute Christen.“ Sechs Jahre später hielt Pfarrer Bauer fest: „Im Januar, Hornung (Februar) und Merz sind in hiesiger Pfarrey 37 Kinder an Kindsblattern gestorben.“ Die gesamten „Merkwürdigkeiten“, die Pfarrer Bauer von 1786 bis 1807 aufzeichnete, liegen unter dem Titel „Ein guter Hirte“ gedruckt bei der Gemeinde Mertingen vor.

Impfungen als Erfolgsgeschichte - auch im Landkreis Donau-Ries

Die Bekämpfung von Infektionskrankheiten durch Impfungen ist seit 220 Jahren eine Erfolgsgeschichte. Es begann mit dem Zurückdrängen der Pocken – damals „Blattern“ oder auch „Kindsblattern“ genannt. Die Sterblichkeitsrate lag im 18. Jahrhundert bei sieben bis zwölf Prozent. Nach mehreren Vorläufern gelang dem englischen Arzt Edward Jenner 1796 der Durchbruch. Er prägte den Begriff „vaccination“ – vacca ist das lateinische Wort für Kuh. Den Impfstoff (vaccine) gewann er aus den harmlosen Kuhpocken, die noch heute übliche Bezeichnung „Vakzination“ geht auf Jenner und die Kuh zurück. 1972 war der letzte Pockenfall in der Bundesrepublik, 1980 waren sie weltweit ausgerottet. Erst an der Schwelle zum 20. Jahrhundert gelang ein echter Durchbruch im Kampf gegen weitere Infektionskrankheiten. Covid-19 zeigt, dass die Herausforderung für Medizin und Politik bleibt.

Unsere Heimat ist von den Infektionskrankheiten nicht verschont geblieben, die kirchlichen Sterberegister, die bald nach 1800 auch die Todesursache festhielten, sprechen eine fürchterliche Sprache.

Bereits 1874 wurde im Kaiserreich die Pockenschutz-Impfung Pflicht

Im 1871 gegründeten Deutschen Kaiserreich wurde 1874 die Pockenschutz-Impfung zur Pflicht. Schon 1799 nahmen einige Länder die Errungenschaften von Jenner an und boten die Impfung an. Massachusetts verfügte als erster US-Bundesstaat die Impfpflicht – und das Königreich Bayern verpflichtete seine Einwohner als erstes europäisches Land durch Verordnung von König Max Joseph vom 26. August 1807. Und das mit präzisen Anweisungen, von Fürsorge getragen – und bedroht mit drakonischen Strafen gegen Säumige.

Erst mit der Einführung der Standesämter war der Staat 1876 unabhängig von den Kirchenbüchern. In die Pflicht genommen wurden Eltern und Ärzten die Pfarrer, nach 1807 sind bei uns keine Weigerungen aktenkundig. Dagegen gab es im von Bayern besetzten katholischen Tirol energische Proteste und Anfeindungen, weil man befürchtete, dass der Protestantismus eingeimpft werde.

Dr. Alois Schreyer war ab 1805 in Rain tätig

Begonnen hatten die Impfungen in Bayern schon vor dem Dekret – vorgenommen durch Ärzte, aber auch von Badern und sogar Pfarrern, weil Erstere oft noch fehlten. Die staatliche Neuordnung hatte vorgesehen, dass bis Anfang 1804 an jedem Landgerichtssitz ein akademisch gebildeter Arzt aufgestellt wurde. Die Stelle im Gericht Rain (über 10.000 Einwohner) war ab April 1805 mit Dr. Alois Schreyer besetzt. Selbst ein Berichtswesen über den Fortgang der freiwilligen Impfungen gab es. Die Impfquoten waren 1807 sehr unterschiedlich, von zwei Prozent im Gerichtsbezirk Wertingen bis 30 Prozent in Illertissen.

Mit dem Dekret über die Pflichtimpfung war nun jedem, der nicht geprüfter Arzt ist, bei Strafe die Vornahme der Impfung verboten, „selbst denjenigen, welche bisher für ihren Eifer öffentlich belobt wurden.“ Bereits am 20. Oktober 1807 wurden Provinzial-Impfärzte aufgestellt, darunter Medizinalrat Wetzler aus Ulm für die „Provinz Schwaben“. Geimpft wurde meist im Mai und Juni, am ersten Juli 1808 mussten alle Dreijährigen „durch“ sein.

Auch die Pfarrer erstellten Listen

Neben den Ärzten waren die Pfarrer die Stütze. Sie hatten Listen der Impffähigen zu stellen, die Termine mehrmals zu verkünden, durch „angemessene Reden die landesväterliche Absicht“ bekannt zu machen und bei der Impfung persönlich anwesend zu sein und die Impflisten mit zu unterzeichnen.

So vermerkte Pfarrer Karl Huber in Staudheim, beginnend mit Geburten von 1799, einige Jahre zusätzlich zur amtlichen Liste beim Taufeintrag „geimpft“. Sebastian Kranzfelder war 1830 nach Feldheim gekommen und übertrug die Impflisten bis 1838 komplett ins Matrikelbuch.

Die Impfung drückte die Todesfälle sehr rasch „gegen Null“. Sicher sein konnte man nie, wie ein „kleiner Ausbruch“ anfangs 1833 zeigte. Der Echsheimer Pfarrer berichtet von 14 Toten in der Umgebung (vermutlich Gerichtsbezirk Rain). Gestorben waren eine 23-jährige Frau in Rain, ein einjähriges Kind in Gempfing und sechs Personen in der Pfarrei Holzheim (zwischen drei Monate und 42 Jahre alt). In Donauwörth oder den Pfarreien Bayerdilling, Genderkingen und Mertingen gab es keine Toten. Furchtbar war die Bilanz in der Pfarrei Marxheim: Zwei Männer (24 und 25 Jahre) und vier Frauen im Alter zwischen 21 und 30 Jahren starben. Die Revakzination (Zweitimpfung mit etwa zwölf Jahren) gab es noch nicht, sie fand erst 1874 breiten Eingang in die Gesetzgebung.

Im Frühjahr 1838 sechs an Fleckfieber gestorbene Kinder in Donauwörth

Die Angst vor der Infektion war groß, denn die Beerdigungen fanden baldmöglichst, oft frühmorgens fünf Uhr, statt – ohne Geläut und Trauerzug und mit äußerster Vorsicht.

Von Fleckfieber liest man in vielen Sterbebüchern – so in Donauwörth von sechs verstorbenen Kindern im Alter bis zu vier Jahren einen Ausbruch (6. März bis 1. April 1838). „Halsbräune“ ist seit dem Altertum bekannt – die Diphtherie – auch „Würgeengel der Kinder“ genannt, flammte bei uns immer wieder auf. Die Immunisierung wurde erstmals 1894 erreicht. Tödlich verliefen in unseren Gemeinden auch oft Keuchhusten (Impfstoff ab 1912 entwickelt), Masern (1963 Erstzulassung), Tuberkulose, Typhus und vereinzelt Scharlach (keine Impfung entwickelt).

Sehr tückisch sind die Masern: Bei Durchimpfung unter 95 Prozent treten sporadisch Epidemien auf – hier gilt seit März vergangenen Jahres die (einzige) Impfpflicht in Deutschland. Die WHO reiht in die „Liste der unentbehrlichen Arzneimittel“ Impfstoffe gegen rund 20 Krankheiten ein.

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