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Heimatgeschichte

13.10.2019

Ein Buch über die NS-Zeit in Ebermergen

Der Heimatgeschichtliche Verein Ebermergen hat ein Buch über die Herrschaft des Nationalsozialismus und seine Folgen in Ebermergen, Brünsee und Marbach herausgebracht. Hier: die Einweihung der Umgehungsstraße samt Brücke über die Wörnitz im Oktober 1935 mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Ludwig Siebert.
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Der Heimatgeschichtliche Verein Ebermergen hat ein Buch über die Herrschaft des Nationalsozialismus und seine Folgen in Ebermergen, Brünsee und Marbach herausgebracht. Hier: die Einweihung der Umgehungsstraße samt Brücke über die Wörnitz im Oktober 1935 mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Ludwig Siebert.
Bild: Archiv Stetter/Rothlauf

Plus Ein Buch beschäftigt sich mit dem Nationalsozialismus und seinen Folgen in Ebermergen, Brünsee und Marbach. Was die jahrelangen Recherchen ergeben haben.

„Krieg ist ein Verbrechen an der Menschheit.“ So lautet die Summe der Erfahrungen von Andreas Rau, Kriegsteilnehmer aus Ebermergen, und das könnte auch als Fazit des Heimatbuchs gelten, das der Heimatgeschichtliche Verein Ebermergen im Rahmen des Harburger Kulturherbsts der Öffentlichkeit vorstellte.

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Bernhard Röthinger, der Vorsitzende des Vereins, begrüßte zu der Präsentation rund 180 Gäste in der komplett gefüllten „Arche“. Die Erstellung des Buchs sei eine schwierige Aufgabe gewesen und habe große Sorgfalt und Akribie erfordert. Es gebe nach bestem Wissen und Gewissen den Wissensstand darüber wieder, was der Nationalsozialismus für die Dorfgemeinschaft bedeutet habe.

Diskussionen in den Familien anstoßen

Röthinger erklärte: Der enorme Aufwand mit seinen jahrelangen Recherchen habe sich aber gelohnt, wenn man zum Verständnis der damaligen Ereignisse beitragen und Diskussionen darüber in den Familien anstoßen könne. Der Vorsitzende dankte allen, die zum Gelingen des Werks beigetragen hatten, besonders den befragten Zeitzeugen sowie Wolfgang Widemann, der das Projekt initiiert, die meisten Recherchen angestellt und den größten Teil der Texte verfasst hat.

Ein Buch über die NS-Zeit in Ebermergen

Widemann referierte anschließend in Wort und Bild sowie mithilfe von Erinnerungsstücken und Schautafeln über das Zustandekommen des Heimatbuchs. Vor über fünf Jahren sei der Heimatgeschichtliche Verein auf der Suche nach Spuren des Ersten Weltkriegs gewesen, habe aber praktisch nichts mehr gefunden. Damit es mit der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und die Herrschaft des Nationalsozialismus nicht genauso gehe, habe man Zeitzeugen gesucht. Bei diesen habe man „offene Türen“ eingerannt, eine Zeitzeugin habe sogar geäußert: „Endlich kommt mal einer und fragt…“ In vielen Archiven wurde nach Dokumenten gesucht und zwei Glücksfälle kamen zu Hilfe: Nach einem Hinweis des Donauwörther Stadtarchivars Dr. Ottmar Seuffert stellte Robert Stetter aus dem Archiv des einstigen Fotostudios Rothlauf gestochen scharfe Fotos aus dem Jahr 1935 zur Verfügung: Sie zeigen die Einweihung der Wörnitzbrücke für die Ortsumfahrung Ebermergen der Landstraße, der heutigen Bundesstraße 25. Der andere Glücksfall: Die Entdeckung des Tagebuchs einer amerikanischen Krankenschwester jener Zeit im Internet mit Fotos von Ebermergen im Jahr 1945.

Widemann informierte über den Aufbau des rund 200 Seiten starken Buchs: Es beginnt mit einem Vorwort von Johannes Rau, früherer Dekan von Rothenburg, gebürtig aus Ebermergen und selbst Zeitzeuge. Der Hauptteil ist in drei farblich unterschiedlich gestaltete Kapitel gegliedert. Sie werden ergänzt durch Info-Einschübe zum geschichtlichen Hintergrund.

Gemeinde ernennt Adolf Hitler zum Ehrenbürger

Kapitel I befasst sich mit der Geschichte der drei Orte Ebermergen, Brünsee und Marbach „In der Zeit des Nationalsozialismus“. Es beginnt mit der Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Adolf Hitler im Mai 1933 (vom Stadtrat Harburg im Jahr 2013 posthum aberkannt) und endet mit dem Einmarsch der Amerikaner im April 1945. Dazwischen werden, ohne Scheu vor Namensnennungen, zum Beispiel die Etablierung des Nationalsozialismus in Ebermergen, die erwähnte Brückeneinweihung 1935, die Erziehung der Jugend für den Krieg und der Druck auf den evangelischen Dekan geschildert. Zwei Frauen aus Ebermergen, die wegen psychischer Erkrankungen in den 1940er-Jahren in der Heil- und Pflegeanstalt Günzburg untergebracht waren, kamen dort ums Leben.

Vier Themen gaben Stoff für eigene Geschichten: Die Entnazifizierungsverfahren gegen 75 Personen, die NSDAP-Mitglied waren und/oder eine Funktion im NS-System hatten, der Umgang mit den zahlreichen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern, vor allem aus Frankreich, Polen und der Ukraine, in den Jahren 1940 bis 1945; das Kinderheim, das von Ende 1943 bis Mai 1945 aus Augsburg-Oberhausen nach Ebermergen verlegt war und aus dem sich das Augsburger Josefinum entwickelte; das ausgedehnte Sanitäts-Zeltlager auf den Wörnitzwiesen vor der steinernen Brücke, das die US-Armee bei Kriegsende einrichtete und sogar mit einem Baseballstadion ausstattete.

78 Soldaten kommen im Krieg ums Leben

Kapitel II stellt „Soldatenschicksale“ vor. Eine „Gefallenentafel“ nennt 65 Namen aus Ebermergen, zehn aus Brünsee und drei aus Marbach. Von den Sterbebildern blicken einen fast nur junge Männer an. Zehn Soldatenschicksale werden erzählt, beispielsweise die lange Geschichte von Andreas Rau, 96, bei der Buchvorstellung persönlich anwesend, der als Panzerjäger der Waffen-SS Fronteinsätze in Jugoslawien, Russland, Finnland, Frankreich und Deutschland überlebte. Er rettete einem abgeschossenen und verletzten amerikanischen Bomberpiloten bei der Gefangennahme wohl das Leben und traf sich mit ihm später in den USA. Bei Kriegsende war Rau nach einer Verwundung auf Heimaturlaub und half, auf dem Kirchturm die weiße Fahne zu hissen.

Georg Ostertag, 93, ebenfalls bei der Veranstaltung anwesend, machte als Kriegsgefangener von 1944 bis 1948 eine wahre Odyssee durch, von Algerien über Amerika zurück in die Pyrenäen und nach Nordfrankreich. Der Sanitätssoldat Karl Röthinger machte während des Kriegs im Osten verbotenerweise Fotos, welche die Ermordung von Juden durch SS in Schytomyr (Ukraine) im Juli 1941 dokumentierten.

Vertriebene werden in Zimmern untergebracht

Kapitel III nennt sich „Die Heimatvertriebenen“. In ihm werden die heute kaum mehr vollstellbaren Zustände geschildert, die nach Kriegsende mit der Unterbringung von Flüchtlingen und Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten verbunden waren. Das Landratsamt Donauwörth beschlagnahmte praktisch in jedem Haus Zimmer und die Gemeinde war für die Versorgung der Menschen zuständig. In zahllosen Konflikten musste das „Wohnungsamt Harburg“ vermitteln, wo auf der einen Seite das Recht der Neuankömmlinge auf menschenwürdige Unterkünfte stand und auf der anderen Seite die Fassungslosigkeit der Einheimischen, die plötzlich die mittellosen Fremden in Häuser und Wohnungen aufzunehmen hatten. 1950 waren von 1100 Bewohnern Ebermergens 292 Flüchtlinge beziehungsweise Vertriebene, in Brünsee waren es 52 von 188 Bürgern.

Auf zwei Schicksale geht das Buch genauer ein: Die Steffls aus Kirchschlag im Böhmerwald, einst eine wohlhabende Bauernfamilie, die in Ebermergen zunächst zum Betteln gezwungen waren, und die Familie Peschke, Sudetendeutsche aus Seifersdorf. Ihre Angehörigen hatten die Besetzung durch die Rote Armee, Internierung durch die Tschechen, Zwangsarbeit im Bergwerk und schließlich die Vertreibung zu erdulden. Bei der Buchvorstellung war auch die Holzkiste zu sehen, in der sich alles Hab und Gut befand, das die Familie mitnehmen durfte.

Vorbildliche Erinnerungsarbeit

Der Heimatgeschichtliche Verein Ebermergen hat sich mit diesem äußerst lesenswerten Buch ein uneingeschränktes Lob verdient. Es wurde von Matthias Schröppel optisch sehr ansprechend und lesefreundlich gestaltet. Text und Bild sind sinnvoll verknüpft. Inhaltlich ist ein überzeugendes und vorbildliches heimatgeschichtliches Werk gelungen, umfassend in den behandelten Themen, tief in der Recherche, sachlich und klar in der Darstellung, emotional berührend bei der Darstellung von Einzelbiografien.

Der Mut, sich dieser Form der Erinnerungsarbeit und Vergangenheitsbewältigung zu stellen, ist nicht genug zu loben.

Hier ist das Buch erhältlich

Info: Das Buch „Diktatur.Krieg.Vertreibung. - Der Nationalsozialismus und seine Folgen in Ebermergen, Brünsee und Marbach“ kostet 23 Euro und ist erhältlich in der Filiale der Raiffeisen-Volksbank in Ebermergen, bei Backwaren Korhammer in Ebermergen, bei Gertrud und Fritz Beck in Ebermergen, im Rathaus in Harburg (Vorzimmer Bürgermeister), bei der Buchhandlung Greno in Donauwörth und in der Geschäftsstelle der Rieser Nachrichten in Nördlingen.  

 

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