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Donauwörth/Kaisheim

20.04.2019

Ein Ei mit bewegter Geschichte

Günther Schiele hält ein ausgeblasenes Ei in der Hand, es stammt aus dem Jahr 1969. Mit dem Ei verbindet er ganz besondere Erinnerungen.
Bild: Alexander Millauer

Günther Schiele hat vor genau 50 Jahren ein Osterei bemalt, das er noch heute besitzt. Trotz vieler Schicksalsschläge blickt er mit einem Lächeln zurück.

Es ist das Jahr 1969, als ein Siebenjähriger ein Osterei bemalt. Und als er seine Mutter verliert. Günther Schiele erinnert sich noch gut daran. Auch daran, wie sich der Gesundheitszustand seiner Mutter immer weiter verschlechterte. „Wir mussten vom Schlafzimmer bis zur Toilette Stühle aufstellen, damit sie sich daran entlang hangeln konnte“, erinnert sich Schiele.

Zum Laufen ist die an Krebs erkrankte Mutter zu schwach, für Krücken hat die Familie kein Geld. Kurze Zeit später wird sie in ein Krankenhaus nach Schwäbisch Hall eingeliefert und stirbt.

„Ostern 1969“

Wenn sich Schiele daran erinnert. hadert er nicht mit seinem Schicksal. Der 57-Jährige ist ein fröhlicher Mensch, lächelt viel. Trotz allem, was er in jungen Jahren schon erlebt hat und noch erleben wird. Seine ganz besondere Erinnerung an jenes Jahr: Ein ausgeblasenes Osterei. In krakeliger Schrift hat er damals die Worte „Ostern 1969“ darauf geschrieben. Winzige, willkürlich angeordnete Farbtupfer zieren das blau bemalte Ei. Es ist das Kunstwerk eines Kindergartenkindes.

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Nach dem Tod seiner Mutter lebt Schiele für ein halbes Jahr bei seiner Oma in Donauwörth. Eigentlich stammt er aus Baden-Württemberg, doch seine Oma macht sich nach dem Tod ihrer Tochter Sorgen um ihn und holt den jungen Buben und eines seiner Geschwister ins bayerische Schwaben.

Das Ei erinnert ihn an diese Zeit

Seine anderen beiden Geschwister ziehen zu der Oma mütterlicherseits, die in Baden-Württemberg lebt. Ein halbes Jahr verbringt Schiele im Kindergarten Schneegarten in Donauwörth. Eine schöne Zeit sei das gewesen, betont Schiele. Das Ei, sagt er, erinnere ihn an diese Zeit.

Doch kurze Zeit später, im August 1969, wird Schiele mit seinen drei Geschwistern ins Kinderheim eingewiesen. Zurück nach Baden-Württemberg. Man habe darauf geachtet, dass die Familie beisammen bleibt. Seine Schwester und er besuchen die gleiche Gruppe. Es ist eine bewegte Zeit. Streng seien sie dort erzogen worden, sagt Schiele.

Es gab auch Schläge

Ab und zu schlagen oder ohrfeigen die Betreuer ihn. Doch so sei die damalige Zeit eben gewesen, erklärt er: „Diese Erziehungsmethoden waren damals gang und gäbe.“ Und wieder dieses offene Lächeln. Wenn mal zu Unrecht zugeschlagen worden sei, hätte sich die Heimleitung auch immer entschuldigt, erklärt er.

Doch hier wird dem jungen Buben auch beigebracht, selbstständig zu werden. Aufgaben und Pflichten gehören zum Heimalltag. Mit zehn Jahren mussten sie beispielsweise die Treppe kehren, selbst kochen. Wenn Schiele sich an diese Zeit erinnert, zeigt sich wieder das Lächeln in Augen und Mundwinkeln.

Urlaub im Freizeitheim

„Es war ein sehr familiäres Heim“, sagt er. Sie singen im Chor, spielen Theater, bekommen Fahrräder und Roller geschenkt und – da blüht Schiele besonders auf – sie durften ab den 1970er-Jahren Urlaub machen. Vier Wochen sind sie in einem Freizeitheim, in dem sie sich selbst versorgen müssen.

Auch zur Familie dürfen die Kinder immer wieder. Die Oma mütterlicherseits, die in Baden-Württemberg lebt, ist zu dieser Zeit die erste Anlaufstelle für die vier Geschwister. Der Vater hätte sich kaum um sie gekümmert, erinnert sich Schiele. „Die Oma hatte auch das Sorgerecht für uns“, erklärt er. Zwei Mal haben sie Ostern immer gefeiert – einmal im Heim und einmal bei der Oma.

Mit 20 Jahren verlässt Schiele schließlich das Heim. Ungefähr zur gleichen Zeit stirbt sein Vater. Viel erzählt Schiele nicht darüber. Lieber über seine Ausbildung, die er zu diesem Zeitpunkt begonnen hat: Gärtner. Doch eine Frage stellt sich den vier Geschwistern nun: Wie geht es mit der Oma in Donauwörth weiter? Schließlich hatte der Vater bisher bei ihr gelebt.

Ausbildung als Gärtner

Schiele hört sich um und bekommt von der Firma Blumen Schnitzer das Angebot, seine Ausbildung zum Gärtner in Donauwörth fertig zu machen. „Dann hab ich gesagt, komm ich mach’s“, erinnert sich Schiele – wie immer mit einem Lächeln. Rund acht jahre später kauft Schiele ein Haus im Kaisheimer Ortsteil Gunzenheim – und bewirbt sich auf eine freie Stelle als Getränkefahrer und wird trotz mangelnder Erfahrung prompt eingestellt.

Das Osterei, das ihn an Bruchstücke seines bewegten Lebens erinnert, hat er dem Donauwörther Kindergarten Schneegarten zu deren Jubiläum zur Verfügung gestellt. Jetzt hat er es wieder. Mit Sicherheit findet es einen Platz, wenn er mit seinen drei Geschwistern, wie in jedem Jahr das Osterfest feiert.

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