19.07.2010

Ein Sommer-Superhit

Ein Sommer-Superhit
10 Bilder
Hervorragend: Anna Auinger als Sandy.

Donauwörth You are the one that I want - wirklich? Sommerzeit, Festspielzeit, Musicalzeit am Gymnasium Donauwörth. Im zwölften Jahr - ein Remake. Enttäuschung? Nein! Wiederum ein Sensationserfolg - "Jeans & Petticoats", im Jahr 2000 zum ersten Mal gezeigt, im 10-Jahres-Abstand neu interpretiert. Schrieb die DZ damals: "Fast glaubte man sich am Broadway… als es hieß: Vorhang auf zur Premiere… Tja, die Musical-Company des Gymnasiums … hat sich einiges einfallen lassen, um die Zuhörer möglichst tief in die Atmosphäre der Rydell Highschool eintauchen zulassen. In zwei Akten/12 Szenen wird die Liebesgeschichte um Danny und Sandy erzählt …" so kann das 1:1 unterstrichen werden.

Und doch: Sollte das Stück jetzt nicht anders inszeniert werden? Was war 2000 - Aufbruch, vorwärts stürmender Jugendoptimismus? Und 2010 - Zukunftsangst, Wirtschaftskrise, Hoffnungslosigkeit - oder näher: doppelte Abiturjahrgänge, fehlende Studienplätze, fehlende Perspektiven?

Nein: Dieses Musical - zugrunde liegt der Welthit "Grease" - fokussiert ja wie im Brennglas das Lebensgefühl einer Generation. Aber eben das der 1950erJahre - es war damals, als es erfunden wurde, ja schon ein Retro-Phänomen. Aber was für eines! Also Aufbruch, Aufbegehren, Anfänge sexueller Freiheit … oder eben die ewige Suche der Jugend nach Neuem, Abgrenzung von den Altvorderen. Und doch gleichzeitig ewig-gültig: die Suche nach der/dem Einen, mit der/dem man die rosarote Wolke teilen darf … Das gilt für die 50er-, die 70er-, die 2010er-Jahre. Und daher ist immer Zeit und Raum für dieses Musical, vor allem dann, wenn es so mitreißend so super aufgestellt, so stylish, so bunt, so abwechslungsreich daherkommt wie in dieser Inszenierung! Als die witzige Musical-Romanze mit dem unangefochtenen Kultstatus, deren nostalgischer Soundtrack begeistert! Dort wird das Lebensgefühl der 50er-Jahre so beeindruckend wiedergegeben, dass es schwerfällt, auf den Stühlen sitzen zu bleiben (wie man an den wippenden Fußspitzen manch Zuhörers unschwer ablesen konnte).

Die Story: Danny trifft zu Schulbeginn seine Ferienliebe Sandy unerwartet an der Highschool wieder - freut sich erst, und ignoriert sie doch machohaft, weil er als coolster Typ seiner Rock-Gang nicht eine haben darf, sondern Gockel vieler sein muss. Sie - schüchtern, ein bisschen Mauerblümchen - ist gekränkt, hat Probleme mit den tonangebenden Mitschülerinnen: Doch nach Eifersucht, Enttäuschung kommen sie sich wieder näher. Doch nicht nur sie, auch die anderen Paare, deren Geschichte so nebenbei erzählt wird. "Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu; und wem sie just passieret, dem bricht das Herz entzwei" (aus der "Dichterliebe" von Schumann).

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Hervorragende Präsenz

Hut ab vor der physischen und psychischen Leistung der Company! Das Ensemble spielte ausdrucksstark, homogen, ist fantastisch aufgestellt: Die stimmliche und darstellerische Präsenz ist hervorragend. Natürlich sind die Hauptprotagonisten hervorzuheben: Alptug Altunay ist die Idealbesetzung für den Danny - Latin Lover, machohaft, laszive Gesten - Saturday night fever wurde gleich mitbesetzt - und doch gelang ihm die Verletzlichkeit, fast Zartheit in den Zweierszenen mit Sandy oder Frenchy einfühlsam. Sehr verletzt, sehr mädchenhaft, träumerisch fast, und doch stark in ihrem erwachten Frausein Sandy, verkörpert von Anna Auinger. Beide mit großartigem stimmlichen Potenzial. Paraderollen verkörpern Niklas Schreier - als Kenickie und Teen Angel (ein wahrer Traum: der totale Womanizer!) darstellerisch, mit großem, viel versprechendem Bariton; Luisa Hänsel als Betty Rizzo, mit dunklem Sopran, schönem Timbre, sich verrucht gebend, und mit toller Bühnenpräsenz. Oder die arme Frenchy, gespielt von Jana Mazurkiewicz, das lila-gelbe Veilchen, die so tapfer für sich einsteht, und nach vielen Fehlschlägen doch ihren Typen abbekommt.

Sportlich und sehr hübsch

Steffen Rossmanith ist ein pomadiger blonder Elvis-Verschnitt, unglaublich überzeugend als schmieriger Entertainer, der seine Finger von keiner Frau lassen kann, mit schönem Bassbariton. Oder die biestige Cha-Cha: sehr egozentrisch, kapriziös, sehr sportlich und sehr hübsch anzusehen Hannah Langer.

Die Pink Ladies: Neben Betty Rizzo und Frenchy noch Marty Marachino (Susanne Siebenaller) und Jan (Pia Commans), die, nach außen good Girls, heimlich Erwachsensein versuchen mit Zigaretten, Alkohol, den ersten - unschuldigen? - sexuellen Erfahrungen, unter sich kratzbürstige Biester sind: stimmig auftretend, stimmlich toll disponiert.

Die T-Birds Roger (Jonas Baumann), Doody (Dennis Huszak) und eben Kenickie: halbstark, James-Dean-Abbilder, Lederjacken, Baseballschläger schwingend - ein die Lachmuskeln strapazierender Running Gag ist, wenn sie sich bei jedem Gruppenauftritt erst einmal die Brillantine aus den Haaren schlenzen - aber eben auch Jungs: für einander einstehend…

Herrlich skurriler Part

Und vielleicht unterschied das doch die 50er von heute - wenn die - herrlich karikierten, ehrgeizigen Lehrerinnen (Karina Bartschat, Margaretha Seuffert) sie ankeifen, spuren sie trotz Gemaule tatsächlich! Eine Knallcharge gibt großartig Cagri Özyarek als Trainer Caloon. Einen herrlich skurrilen Part spielt Nikolas Kirchhof - die Rolle des irgendwo androgynen, tumben, mit karierten Kniestrümpfen pfadfindermäßig herausgeputzten "Nummerngirls" Eugene Florczyk - sich selbst so souverän auf die Schippe nehmend, dass das bestens unterhaltene Publikum ihn bejubelte, sobald er nur auftauchte.

Witzig inszenierte Szenen - wenn Teen Angel die trostlose Frenchy, mit himbeerfarbener Perücke, nach ihrem Rauswurf aus der Kosmetikerschule tröstet - wechseln sich ab mit fulminanten Tanzeinlagen einschließlich toller artistischer Leistungen, die jeder professionellen Tanztruppe zur Ehre gereichten, oder originell gruppierten (auch in den schönen Farben der zeitgemäßen Kostüme) Ensembles beim Cha-Cha, Rumba, Jive oder Rock 'n' Roll… oder beim Raufen …

Ein begeisternder Abend: warum also nach Essen, nach Hamburg oder Stuttgart fahren? Sicher, die Ausstattung dort ist opulenter, das ganze teurer (frei nach der schwäbischen Maxime "was nix kost, ist nichts wert") - aber schwungvoller, mitreißender, begeisternder als die Aufführung der gymnasialen Musical Company in Donauwörth ist es auch nicht: also nichts wie hin.

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