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10.10.2016

Ein Tag im Herbst des Lebens

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Senioren Tagespflege-Einrichtungen werden in den kommenden Jahren wohl an Bedeutung gewinnen. Das zeigt zum Beispiel die Johanniter-Tagespflege in Nordheim

Donauwörth-Nordheim Vieles wirkt symbolträchtig an diesem Herbsttag in Nordheim. Allein schon, dass Herbst ist. Der Herbst des Lebens – und der ist schön draußen: Orangegoldgrüne Blätter schweben von den Bäumen, die letzten Blümchen wollen sich noch einmal aufraffen, die Sonne wärmt im leichten Wind. Drinnen in der Tagespflege der Johanniter kocht der Tee und direkt nebenan – während die Senioren auf ihr Gedeck warten – macht in der räumlich angegliederten Kinderkrippe die jüngste Generation Brotzeit. Es ist wieder ein Symbol: Der Kreis schließt sich, so scheint’s – beide Generationen verlangen Ähnliches, brauchen Zuwendung, Pflege, einen Ort zum Sein. Dass Tagespflege-Einrichtungen wie die in Nordheim Konjunktur haben, ist unterdessen kein Zufall.

„Die Gesellschaft hat sich verändert“, sagt Andrea Maier, Leiterin der hiesigen Tagespflege und seit 14 Jahren hier tätig. Sie kennt es, wie es früher war mit der älteren Generation und wie es heute ist. Man merkt, sie möchte das nicht beurteilen, ob es einst oder heute besser ist. Es sei eben anders. „Die Großfamilien gibt es so nicht mehr“, wird die 94-jährige Maria H. später an diesem Tag sagen. Und Maiers Erfahrungen geben ihr recht: „Die Angehörigen der alten Menschen sind oft beide berufstätig, oder sie leben irgendwo anders in Deutschland. Da sind die Älteren alleine zuhause.“ Der Wandel in der Arbeitswelt hat die Familienstrukturen teils massiv verändert. Doch die spärlich gewordenen Großfamilien sind nicht der einzige Grund für die rege Nachfrage bei den Tagespflege-Einrichtungen: Früher hat es solche speziellen karitativen Angebote einfach nicht flächendeckend gegeben. Das Ganze habe auch etwas mit einem Stolz an der falschen Stelle zu tun gehabt, meint Maier: Zu denken, man schafft es alleine, Pflegebedürftige 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche immer zuhause betreuen zu können. Kaum einer steht das wirklich für sich durch. „Die Angehörigen kommen oft erst dann, wenn nichts mehr geht, wenn sie sich eingestehen müssen, dass eben nicht alles machbar ist“, so die Leiterin. „Scheu“ und „Scham“ benennt Maier den Hintergrund für die manchmal späte Hilfesuche.

Doch es sei einfacher geworden für die Leute, nach Hilfe zu fragen und sie auch anzunehmen; es werde ein Stück „normaler“. Vielleicht auch, weil die Überalterung, jener viel zitierte „demografische Faktor“ gar nicht mehr wegzudiskutieren ist. Die Region, so die Prognose einer zuletzt vom Landkreis in Auftrag gegebenen Studie, werde das auch treffen bis zum Jahr 2030. Mit viel Mühe könnte die Bevölkerungszahl demnach zwar bei gut 130000 konstant gehalten werden – aber das Durchschnittsalter wird wohl ansteigen. Weil die Leute älter werden. Dazu die kleiner gewordenen Familien, dazu inzwischen oftmals auch die berufliche Tätigkeit sämtlicher erwerbsfähiger Familienmitglieder. Nicht immer wegen eines Dranges zur Selbstverwirklichung, nein, auch zunehmend wegen wirtschaftlicher Zwänge. Zu den Johannitern nach Nordheim kommen insgesamt 38 Tagesgäste, manche montags bis freitags, andere einen oder ein paar Tage in der Woche – „das hat über die Jahre zugenommen“, sagt Maier. Es sind Menschen, bei denen sich das Leben verändert hat im Alter: durch demenzielle Erkrankungen, die Folgen eines Schlaganfalls oder diverse körperliche Erkrankungen. Es sind verschiedene Lebenswege, die sich hier kreuzen, die allesamt Pflege und Betreuung verlangen. Die jüngsten Gäste sind Anfang 60, die ältesten Mitte 90. Es kommen auch Senioren mit dem Fahrdienst, die daheim trotz ihrer Gebrechen alleine noch einen Haushalt führen.

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Der Gesetzgeber versucht, dem Ganzen irgendwie entgegenzukommen, und hat die Einteilung der Lasten und Leiden in Pflegestufen zum Teil reformiert. Bei einer demenziellen Erkrankung hat jeder Versicherte zumindest die Möglichkeit, einmal in der Woche zur Tagespflege zu kommen. Es gibt ein Recht auf Unterstützung. 104 Euro stehen jedem im Monat demnach mindestens zu, wenn er in die Tagespflege geht. Doch wie Maier erläutert, sei das System nach wie vor recht kompliziert, um eine Beratung bei den Kassen, der Caritas oder eben den Johannitern komme man kaum herum (siehe Info).

Indessen herrscht Leben in den Gängen der zum Garten hin hübsch verglasten Tagesstätte. Spiele werden von den Betreuern angeboten, andere unterhalten sich, später werden Lieder, meist alte Schlager, gesungen. Ein älterer Herr zieht sich mit der Zeitung zurück. Freilich darf er das. Es wird auch gebastelt, ein Teil des Gartens wurde gemeinsam mit den Krippenkindern angelegt. Die Kleinen geben den Älteren neuen Schwung, das merkt man. Gut sei das, sagt Maier, Alt und Jung sollen in Bewegung bleiben.

Der Tagesablauf ist strukturiert: Unterhaltung, Spiele, Zeitungslektüre, Brotzeit, Kaffee, Ruhephasen, Mittagessen ... „die Senioren brauchen den geregelten Tag“, sagt Maier. Ebenso die Kinder nebenan, die sich den Garten mit den Senioren teilen. Und wieder ist es symbolträchtig, der menschliche Kreis von Alt und Jung schließt sich. Das ist nicht schlimm, im Gegenteil. Das ist das Leben, im Frühling und Herbst.

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