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12.03.2009

"Ein Verschiebebahnhof der Schuldzuweisungen"

Donauwörth (vc) - 17 Menschen sind beim Amoklauf an der Albertville-Realschule in Winnenden bei Stuttgart um s Leben gekommen. Bei dem 17-jährigen Täter handelte es sich nach Angaben von Kultusminister Helmut Rau (CDU) um einen nach außen "völlig unauffälligen" ehemaligen Schüler. Wie kann man sich die Psyche eines solchen Täters vorstellen? Welche Warnzeichen gibt es? Dazu befragten die Donauwörther Zeitung den Gesamtleiter des Erziehungs- und Jugendhilfeverbundes Nordschwaben, Dr. Peter Winter.

Wie kann man sich die Psyche eines Amokläufers vorstellen?

Winter: Das ist ein Riesenproblem. Jeder Fall ist anders, und man kann in einen Menschen nicht hineinschauen. Mag sein, dass der Schüler im Fall Winnenden unauffällig für seine Umgebung gewesen ist; wie er wirklich war, ist eine andere Sache. Es ist aber immer wieder bedrückend festzustellen, dass Amokläufer sozial nicht integriert waren. Amerikanische Glücksforscher haben herausgefunden: Ein gewisses monetäres Maß ist für Jugendliche sicher notwendig. Entscheidend aber ist, in einer Familie, in einer Gruppe eingebunden zu sein, das Gefühl zu haben, ich bin wertgeschätzt, man braucht mich. Im Nachhinein hat man bei Amokläufern - ob in Erfurt oder anderswo - festgestellt, dass sie sozial verinselt, vereinsamt waren. Sie befanden sich oft in einer virtuellen Welt, hatten Suchtprobleme mit Internetspielen et cetera.

Welche Warnzeichen gibt es denn bei solchen Jugendlichen?

"Ein Verschiebebahnhof der Schuldzuweisungen"

Winter: Auch das ist schwierig zu beantworten. Ich habe in meiner vieljährigen Tätigkeit als Psychologe gelernt: Es gibt nichts, was es nicht gibt. Der Mensch ist zu allem fähig. Anzeichen sind Absonderung, das nicht mehr Teilnehmen am Geschehen, eine sich entwickelnde extreme Aggressivität, gepaart mit null Frusttoleranz.

Die Ursache dafür?

Winter: Es gibt viele. Dazu gehört sicher, dass Kinder von ihren Eltern nicht auf die rechte Lebenssituation vorbereitet werden, dass Eltern ihre Kinder nicht dabei begleiten, Misserfolge durchzustehen. Es ist im Leben eben nicht alles "just for fun". Die Fantasie, gesund auf die Welt zu kommen, 100 Jahre alt zu werden und gesund zu sterben, ist irreal. Uns scheint nicht permanent die Sonne ins Gesicht.

Wie können Lehrer checken, wann ein Jugendlicher vor dem Durchdrehen ist?

Winter: In den Regelschulen, also Volksschulen, Realschulen, gibt es ja noch den Klassenleiter, der jeden Tag in seiner Klasse unterrichtet. Er muss Veränderungen wahrnehmen: Ein bis dato ruhiger Schüler wird zunehmend hektisch, und umgekehrt; die Leistungen fallen ab. Kurz gesagt, wenn sich das Bekannte an einem Schüler verändert. Natürlich ist es oft so, dass man nur die lauten Schüler wahrnimmt, weniger die stillen. Und natürlich herrscht Personalmangel an den Schulen. Aber eine Schule ist, auch wenn sie ein klar strukturierter Lebensraum mit allen Problemen ist, eine pädagogische Instanz, die sich Zeit nehmen muss für ihre Schüler.

Was tun als Lehrer, wenn man denn die Veränderungen wahrnimmt?

Winter: Vor allem den Austausch mit den Eltern suchen.

Es kommt immer häufiger vor, dass Eltern keinen Bock mehr auf die Erziehung ihrer Kinder haben und sie einfach der Schule überlassen.

Winter: Das ist momentan ein gesamtes Problem unserer Gesellschaft: Jeder weigert sich, Verantwortung zu übernehmen, man kann von einem "Verschiebebahnhof der Schuldzuweisung" sprechen.

Auch deshalb ist die Jugendsozialarbeit so wichtig. Wir haben an sieben Schulen des Landkreises Donau-Ries - an den Hauptschulen in Nördlingen, Oettingen, Donauwörth, Bäumenheim und Rain sowie an den Förderschulen in Nördlingen und Kaisheim - Jugendsozialarbeiter implantiert, die aus einer anderen Perspektive hinschauen. Eine Allzweckwaffe ist das leider aber nicht.

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