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Brexit

14.06.2019

Ein überzeugter Rainer – mit Wurzeln in England

Colin Derry lebt seit 2012 in Rain und fühlt sich dort heimisch.
Bild: Würmseher

Plus Colin Derry aus England lebt seit 2012 in Rain. Mit Interesse verfolgt er den mühsamen Ausstieg seines Heimatlandes aus der EU.

Die Frage nach seiner Heimat ist für Colin Derry nicht so ganz einfach zu beantworten. An diesem heißen Sommertag lehnt er am Tillydenkmal vor dem Rainer Rathaus, um das herum der Bauernmarkt aufgebaut ist, und es sieht exakt so aus, als ob Colin schon immer dorthin gehöre. Doch seine Wurzeln liegen ganz woanders.

Sie reichen rund 1300 Kilometer weit hinüber nach Großbritannien. „Mein Leben ist geprägt von England und all den Dingen, die ich dort in Jahrzehnten erlebt habe“, sagt der 69-Jährige, und seine sonst oft verschmitzte Miene wird nachdenklich. „Meine Heimat ist also England – mit all seinen Fehlern.“

Seit 2012 in Rain

Doch das ist nicht die ganze Wahrheit. Denn Colin Derrys Zuhause ist seit sechseinhalb Jahren in Rain. Dort wohnt der gebürtige Engländer seit November 2012 mit seiner Lebensgefährtin Bianca Schober zusammen. Es hat ihn aus dem kleinen Dorf Burntwood nahe Lichfield in der Grafschaft Staffordshire (Midlands) unvermittelt in die schwäbische Kleinstadt verschlagen – der Liebe wegen. „Ich bin hier in Rain sesshaft geworden“, sagt er aus Überzeugung.

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„I love, where I live now! Ich genieße die Menschen, die Kultur, die Landschaft, das Essen und so manches mehr. Ich denke, ich habe das Beste aus beiden Welten bekommen. Und ich halte mich deshalb auch für einen ausgesprochenen Glückspilz.“

Deutscher Staatsbürger ist der 69-Jährige allerdings nicht. Und deshalb verfolgt er auch sehr genau seit Monaten, wie die Brexit-Diskussionen drüben auf der Insel verlaufen. Erst recht, seit jetzt nach Theresa Mays Rücktritt die Suche nach einem neuen Premierminister begonnen hat. Er verfolgt mit Spannung, was sich in der Politik allgemein entwickelt – aber auch was das für seine ganz private Situation bedeuten kann. Und er tut das nicht ohne Kritik an dem langwierigen Hin und Her des britischen Parlaments.

„Einen schrecklichen Job gemacht“

„Ich denke, die Regierung hat einen schrecklichen Job gemacht“, sagt Colin. „Da der Brexit jeden betrifft, sollten Politiker aus allen Parteien am Verhandlungstisch mit dabei sein. Dann ist es nicht die Schuld einer politischen Partei, wenn etwas schiefgeht.“

Zudem stört ihn die Praxis des – grundlosen – Gegeneinanders: „Während die Regierungspartei die Verhandlungen führt, verhindern die anderen deren Vorankommen – einfach nur deshalb, weil sie es können.“

Colin Derry ist der Meinung, dass die Mitglieder des Parlaments in London wie so viele andere Politiker in erster Linie auf sich selbst schauen. „Wir haben ein Sprichwort bei uns“, erzählt er, „das sagt: Ich würde einem Politiker nicht so weit über den Weg trauen, wie ich ihn werfen könnte.“ Die andauernden negativen Schlagzeilen über die britische Brexit-Misere in den Medien stören Colin Derry nicht: „Ich bin daran gewöhnt.“

Geprägt von der Inselmentalität

Colin denkt britisch und ist geprägt von jener Inselmentalität, die man den Briten gemeinhin nachsagt. Mit dem Auto auf dem europäischen Festland von einem Staat zum nächsten zu fahren, fühlt sich für den 69-Jährigen noch immer komisch an. Er findet es „quite strange“ (ziemlich eigenartig), einfach nur die alten, kaum mehr wahrnehmbaren Grenzübergänge zu passieren und einzig durch kleine Willkommen-Schilder zu erfahren, dass man plötzlich in Belgien oder in den Niederlanden oder sonst wo angekommen ist.

„Bitte nicht falsch verstehen“, sagt er und unterstreicht seine Worte mit nachdrücklicher Gestik, „ich bin alles andere als antieuropäisch. Ich bin nur schlicht und ergreifend Engländer – I’m just English!“ Er glaubt, dieses Gefühl hängt vor allem damit zusammen, „dass wir Engländer, um Großbritannien zu verlassen, immer in ein Flugzeug steigen oder an Bord eines Schiffes gehen müssen.“

Auch wenn Colin mittlerweile gefühlsmäßig im Donau-Ries-Kreis angekommen ist, zieht es ihn doch regelmäßig in seine englische Heimat. Alle nahen Familienmitglieder – seine beiden Brüder, seine erwachsenen Kinder – leben in seinem Heimatort Burntwood. Seine Cousins sind in ganz England verstreut – von Cornwall im Süden bis Suffolk im Nordwesten des Landes. Regelmäßige Besuche verbinden sie miteinander. „Wir erwähnen den Brexit hier und da in unseren Diskussionen“, schildert Colin. „Meine Verwandten sagen dann: What a bloody mess they’re making of it (Was für ein verdammtes Durcheinander die Politiker daraus machen).“

Brexit ist auch privat ein Thema

Auch im Privatleben mit Bianca ist der Brexit mit seinen möglichen Folgen natürlich ein Gesprächsthema, indes noch reichlich entspannt, so lange alles offen ist. „Wir reden über den Brexit, da er mich in Bezug auf meine Gesundheitsversorgung, meine Rente und meinen Aufenthaltsstatus betrifft“, sagt Colin, der im Moment keinen Handlungsbedarf sieht. „Ich werde mich um all das kümmern, sobald ich weiß, worüber ich mir Sorgen machen muss. Wir können nichts planen, solange wir nicht wissen, was kommen wird.“

Colin Derry hat in England zunächst bei der Royal Navy neun Jahre lang seinen Dienst versehen und war danach bis zu seiner Pensionierung 2004 Berufsfeuerwehrmann. Seine heutige Lebensgefährtin Bianca Schober lernte er 2005 während eines Türkei-Urlaubs kennen. „Ich war mit einem befreundeten Landsmann in einem Bus voller deutscher Touristen unterwegs und hab versucht, zu interpretieren, was unser Führer gesagt hat. Dabei war ich wohl ziemlich schlecht, denn Bianca, die vor uns saß, drehte sich um und fragte, ob sie mir helfen könne.“

Es begann mit Briefen

Das war der Beginn einer Freundschaft, die sich zunächst in zahlreichen Briefen fortsetzte, dann in persönlichen Treffen, und aus der schließlich mehr wurde. „2012 hab ich den Entschluss gefasst, nach Rain zu ziehen ... und es war eine großartige Entscheidung, die ich nie bereut habe!“ Wer Colin über den Marktplatz vor dem Rathaus schlendern sieht, hat keinen Zweifel daran, dass er sich wohlfühlt. Er kennt inzwischen viele Menschen und findet immer jemanden, um ins Gespräch zu kommen.

Käme Hochzeit als Konsequenz aus dem Brexit für ihn infrage, wenn er nun eines Tages kein EU-Bürger mehr sein wird? „Soll das eine Drohung sein?“, fragt Colin augenzwinkernd und grinst schelmisch übers ganze Gesicht. „Vielleicht heiraten wir, vielleicht auch nicht“, legt er sich nicht fest. „Wir müssen einfach warten, wie die politischen Ergebnisse der Austrittsverhandlungen letztendlich aussehen werden.“ Er hofft jedenfalls – allen bisherigen holprigen Verhandlungen zum Trotz – auf eine weise Lösung in naher Zukunft.

Die guten Beziehungen zwischen Deutschland und England sieht er jedenfalls keineswegs gefährdet – „not at all!“ (überhaupt nicht!). „Nur weil wir Engländer nicht mehr zur Europäischen Gemeinschaft gehören wollen, sollte das Einvernehmen zwischen unseren beiden Länder nicht beeinträchtigt werden“, findet Colin. Schließlich sei diese Beziehung nun schon seit Langem so stark, so stabil und so freundschaftlich – „quite strong for a number of years ...!“

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