1. Startseite
  2. Lokales (Donauwörth)
  3. Eine Zwölfjährige unter Hexerei-Verdacht

Harburg

02.12.2018

Eine Zwölfjährige unter Hexerei-Verdacht

Copy%20of%20Hexen_Graf_Gottfried.tif
2 Bilder
Regierte in Zeiten der Hexenverfolgung: Graf Gottfried zu Oettingen-Oettingen (1554 - 1622).
Bild: FÖWAH

Historikerin berichtet über ein dunkles Kapitel in der Region. Es gab auch Barmherzigkeit.

Einblicke in ein dunkles Kapitel europäischer Geschichte bekamen die Zuhörer bei einem heimatgeschichtlichen Vortrag in Harburg. Richard Hlawon, einer der Autoren der regelmäßig erscheinenden Harburger Hefte, initiierte einen Vortrag von Alexandra Haas im Rahmen des örtlichen Bildungswerks. Die Referentin aus Baden-Württemberg hat ihre Doktorarbeit über ein Thema verfasst, das einst im heutigen Landkreis Donau-Ries präsent war: „Hexen- und Herrschaftspolitik – Die Reichsgrafen von Oettingen und ihr Umgang mit den Hexenprozessen im Vergleich“.

Haas, die im Kreisarchiv Esslingen tätig ist, hob besonders die unterschiedliche Praxis während der Hexenverfolgung in den Linien Oettingen-Oettingen und Oettingen-Wallerstein hervor. In der Zeit zwischen 1503 und 1773 gab es mindestens 227 Todesopfer, von denen fast alle, nämlich 224 Menschen, in Wallerstein hingerichtet wurden oder im Gefängnis umkamen. Drei Personen ließen ihr Leben im Herrschaftsbereich Oettingen-Oettingen mit Fokus Harburg. Die Referentin verglich Befürworter und Gegner der Hexenverfolgung kontrastreich.

Mordverdacht an einem Baby

Nach einer allgemeinen Einführung widmete sich Haas den Harburger Hexenprozessen des Jahres 1574 zu Beginn des Regierungsantritts von Graf Gottfried. Während seine Haltung nicht unmittelbar zu ergründen sei, lägen im Fall seines mächtigen und routinierten Kanzlers Jakob Moser (1527-1595) eindeutige Erkenntnisse vor, dass dieser ein klarer Gegner der Hexenverfolgungen war.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Moser, der in der Reformationszeit im Herrschaftsgebiet viel zu sagen hatte und ein Schloss in Schrattenhofen besaß, griff allerdings beim Mordverdacht an einem Baby hart durch. Dessen Mutter Margaretha Eberlin habe ihm das Glied abgetrennt. Die Großmutter habe das Blut gefordert, um damit die Füße einzuschmieren, um gesund alt zu werden. Nach Anwendung der „Peinlichen Halsgerichtsordnung“ Kaiser Karls V. kam es zu Foltermaßnahmen an mehreren Personen mit fragwürdigen Bekenntnissen und Hexereianschuldigungen.

Obwohl der Tod durch den Scharfrichter für die Mutter des gestorbenen Kindes drohte, verhängte der Kanzler eine mildere Strafe, nachdem ein Geistlicher ihn davon überzeugen konnte, dass die Frau als „irre“ und unzurechnungsfähig anzusehen war.

Denunzianten drohte der Landesverweis

Moser, dem Graf Gottfried einmal schrieb „Eure Meinung sei meine Meinung“, vertrat für die damalige Zeit interessante Rechtsauffassungen: Demnach galt es unter anderem, unbelastete Zeugen zu finden und als Strafmaß Barmherzigkeit walten zu lassen, um die Unholde nach Möglichkeit wieder der christlichen Gemeinschaft zuzuführen. Hexenflüge waren für Moser ebenso wenig ein Thema wie Teufelspakt, Buhlschaft oder Hexensabbat.

Unschuldiges Blut durfte jedoch nicht vergossen werden. Man achtete auf offensichtlich entstandene Schäden. Wer jemanden der Hexerei bezichtigten wollte, überlegte sich das gut, denn bei unzureichender Beweislage musste mit Landesverweis gerechnet werden. Von einem Harburger ist bekannt, dass er wegen Hexereivorwürfen mit konkreten Folgen für Mensch und Tier nach einer Leibesstrafe des Landes verwiesen wurde.

Wo sich das Foltergefängnis zu jener Zeit in Harburg befand, ist nicht bekannt. Sicher ist aber, dass die gütlichen Verhöre ohne Folter am Rathaus stattgefunden haben.

Fliegender Teppich in Ebermergen

Selbst in Ebermergen wurde eine Person der Hexerei bezichtigt, nachdem ein Teppich über den Kirchturm geflogen sei. Besonders gravierend für die Dorfgemeinschaft war ein Hexenaufruhr in dem Oettingisch-Wallersteinischen Ort Hoppingen, wo noch 1762 ein zwölfjähriges Mädchen und neun weitere Personen in Verruf kamen.

Beim Vortrag in Harburg hatten die Zuhörer noch Gelegenheit für Fragen. Alexandra Haas antwortete unter anderem, dass das Ausmaß der Hexenverfolgungen in Deutschland nicht von der calvinistischen, evangelischen oder katholischen Konfession eines Landstrichs abhängig gewesen sei. Die protestantische Reichsstadt Nördlingen etwa sei hinsichtlich der Intensität der Hexenverfolgung dem katholischen Oettingen-Wallerstein nicht nachgestanden. Dort war sogar die Gräfin selbst unter Verdacht geraten.

Der spannende und kurzweilige Vortrag von Alexandra Haas orientierte sich streng an den vorhandenen Quellen, die reichlicher fließen würden, wäre Wallerstein mit seinem ehemaligen Archivbestand im Dreißigjährigen Krieg und zur Zeit der Napoleonischen Feldzüge nicht so in Mitleidenschaft gezogen worden.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren