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Klosterzimmern

06.09.2013

Einsatz bei Zwölf Stämmen: Kinder zeigten angeblich kaum Emotionen

Die Polizei hat 28 Mädchen und Jungen aus der umstrittenen Sekte "12 Stämme" mitgenommen. Das Amtsgericht Nördlingen hatte vorläufig das Sorgerecht wegen Hinweisen auf Kindesmissbrauch entzogen. Etwa 100 Beamte waren im Einsatz

Überraschend holte die Polizei die Kinder der Zwölf Stämme ab. Ein Behördenmitarbeiter war überrascht von der Reaktion der Kinder. Das hätte er in 40 Berufsjahren noch nie erlebt.

Sie hätten keine Minute früher losschlagen dürfen, denn die Nachtruhe ist vor Polizeieinsätzen geschützt; nur bei Gefahr im Verzug dürfen die Beamten vor sechs Uhr eingreifen. Also versammelten sich gestern um punkt sechs Uhr hundert Polizisten der Bereitschaftspolizei Königsbrunn sowie lokale Polizeikräfte und ein Rettungswagen auf der Nördlinger Kaiserwiese für den Großeinsatz am ehemaligen Gutshof Klosterzimmern.

Misshandlungsvorwürfe gegen Zwölf Stämme

Das Ziel: Alle minderjährigen Kinder der dort lebenden Sekte „Zwölf Stämme“ sollen in Autos und Kleinbussen abtransportiert und zunächst ins Landratsamt Donauwörth gebracht werden. Von dort aus sollen die 28 Kinder auf Pflegefamilien in Schwaben verteilt werden. Das Amtsgericht Nördlingen hatte angesichts der Misshandlungsvorwürfe bereits am 1. September das Jugendamt zum Pfleger der Kinder bestellt und damit der Sekte das Sorgerecht entzogen.

Polizeiaktion: Eltern sind erschüttert

„Wir wurden von dem Einsatz völlig überrascht“, sagte ein Sektenmitglied gegenüber unserer Zeitung. „Wir haben unsere Kinder verloren und wissen nicht, wo sie sind.“ Ein anderer zeigt sich ebenfalls erschüttert: „Alle meine Kinder wurden bereits weggebracht. Wir konnten gerade noch dafür sorgen, dass die Mutter mitdurfte; sie hatte einen Säugling dabei. Die Kinder haben geweint.“

Den Eltern wurde ein Schreiben des Jugendamtes in die Hand gedrückt. Die Kernbotschaft, dass ihnen die Kinder weggenommen werden, umfasst gerade mal eineinhalb Zeilen Amtsdeutsch.

Obwohl der Abtransport der Kinder ein Drama für die schockierten Eltern ist, verläuft der Einsatz laut Ludwig Zausinger, Pressesprecher der Polizeidirektion Schwaben, ruhig und geordnet: „Wir gehen mit einem Vertreter der Zwölf Stämme von Haus zu Haus, informieren die Leute, und die Mitarbeiter des Jugendamtes nehmen die Kinder in Empfang.“

Großeinsatz der Polizei bei der Glaubengemeinschaft "Zwölf Stämme" in Klosterzimmern (Kreis Donau-Ries) am 5. September 2013: Die Beamten nahmen alle Kinder der Gruppe mit.
25 Bilder
Polizeieinsatz bei den "Zwölf Stämmen"
Bild: Dieter Mack

Polizeieinsatz bei Zwölf Stämmen: Zufahrtsstraßen abgesperrt

Ob es wirklich so ruhig und geordnet zugegangen ist, ist für Außenstehende schwer zu beurteilen: Polizisten sperren in einigen Hundert Metern Entfernung die Zufahrtsstraßen ab – unsere Zeitung, Radio und Fernsehen, dürfen zwar bis unmittelbar ans Klostergelände heran, dann aber ist Ende: Hier umstellen Männer und Frauen der Bereitschaftspolizei das Gelände und lassen niemanden mehr durch.

Auch Deiningens Bürgermeister Karlheinz Stippler kommt nicht weiter als bis zu den Posten. Er wird dort vom Pressesprecher informiert, erfahren hat er von der Aktion aber durch den aufgeregten Anruf eines Sektenmitglieds.

Ludwig Zausinger will vor Ort nicht auf die juristischen Hintergründe der dramatischen Aktion eingehen, erklärt aber, es lägen Beweise für Kindesmisshandlung vor. Ein Sektenmitglied beteuert vor laufenden Kameras: „Unsere Kinder wurden nie geschlagen.“ Allerdings haben in der Vergangenheit immer wieder ehemalige Sektenmitglieder von Misshandlungen berichtet. Auch gegenüber unserer Zeitung erhob ein „Ehemaliger“ harte Vorwürfe.

Mit der totalen Abriegelung verhindert die Staatsgewalt, dass es zu Szenen wie vor knapp elf Jahren kommt, als die schulpflichtigen Kinder von der Polizei zwangsweise zur Schule in Deiningen gebracht werden sollten – Fotografen schossen Bilder, wie Kinder an Händen und Füßen weggezerrt und fortgetragen wurden; diese Aufnahmen gingen um die Welt.

Ehemaliges Klostergebäude hermetisch abgeriegelt

Diesmal ist das ehemalige Klostergelände hermetisch abgeriegelt. Um 9.36 Uhr gibt der Pressesprecher bekannt: „Der Einsatz ist beendet, alle Kinder sind fortgebracht worden.“ Eine lange Kolonne an Polizeifahrzeugen kommt zum Tor heraus und rückt ab. In Klosterzimmern bleiben die ratlosen und schockierten Eltern zurück. Sie wollen um ihre Kinder kämpfen: „Wir werden einen Rechtsanwalt einschalten und sind sicher, dass wir unsere Kinder zurückbekommen“, erklärt ein Mitglied der Zwölf Stämme.

Bei einer Pressekonferenz in Donauwörth gestern schilderte Amtsgerichtsdirektor Helmut Beyschlag, dass das juristische Vorspiel für den Zugriff gerade einmal zwei Wochen dauerte: Am 16. August erhielt das Jugendgericht am Amtsgericht Nördlingen Informationen von neuen Zeugen. Fünf Tage später wurden sechs von ihnen vernommen, kurz darauf ein weiterer. Vor fünf Tagen bestellte das Amtsgericht das Jugendgericht zum Pfleger der 28 minderjährigen Kinder. Den Eltern wurde damit das Sorgerecht abgesprochen.

Alfred Kanth, Fachbereichsleiter Jugend, Familien und Senioren am Landratsamt, schilderte, dass die Kinder kaum Emotionen zeigten, als sie den Eltern weggenommen wurden. „In 40 Berufsjahren habe ich solch eine Reaktion bei Kindern noch nicht festgestellt.“

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