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Heimatgeschichte

25.08.2020

Fahrradfahren nur mit amtlicher Erlaubnis

Im Archiv der Gemeinde Kaisheim ist ein „Verzeichnis über die in der politischen Gemeinde Leitheim ausgestellten Veloziped-Fahrkarten“ zu finden.
Bild: Peter Hell

Vor über 100 Jahren musste jeder, der mit einem Veloziped unterwegs war, eine „Fahrkarte“ besitzen. Aus Leitheim ist die Liste der Personen, die eine solche Berechtigung hatten, erhalten geblieben

Im Jahre 1888 wurde der erste Führerschein für den Betrieb eines Motorwagens an Carl Benz ausgestellt. Seit etwas mehr als 110 Jahren ist der Besitz einer Fahrerlaubnis für den Umgang mit Automobilen und Motorrädern im öffentlichen Verkehr zwingend vorgeschrieben. Verpflichtend ist seit über 15 Jahren die Radfahrausbildung in der Grundschule, die mit einer Radfahrprüfung in Theorie und Praxis abgeschlossen wird. Wenig bekannt dürfte sein, dass bereits vor dem Jahr 1900 eine Pflicht für Radfahrer bestand, einen Erlaubnisschein – eine „Veloziped-Fahrkarte“ – bei sich zu führen. Einblicke in diese Zeit erlaubt eine über 100 Jahre alte Liste aus der damaligen Gemeinde Leitheim.

Der Begriff Veloziped stammt noch aus der Anfangszeit des Fahrrads und wurde im Laufe der Jahre immer mehr durch die entsprechende deutsche Bezeichnung abgelöst. Freiherr Karl von Drais entwickelte 1817 eine lenkbare Laufmaschine, die Draisine, die über zwei Räder, aber keine Pedale verfügte. Die Fortbewegung erfolgte durch Abstoßen mit beiden Beinen am Boden. Etwa 50 Jahre später kam das Hochrad auf. Am vorderen Rad, das wesentlich größer als das Hinterrad war, befand sich eine Tretkurbel. Nachdem dieses relativ schwierig zu beherrschen war, folgte die Entwicklung des heute noch gebräuchlichen Niederrades mit annähernd gleich großen Vorder- und Hinterrädern und einem Kettenantrieb. Dessen Siegeszug ist dank der stetigen Weiterentwicklung bis zum E-Bike vor wenigen Jahren ungebrochen.

Um die Verkehrssicherheit zu unterstützen, traten im Königreich Bayern zum 1. März 1898 die Oberpolizeilichen Vorschriften für den Radfahrverkehr in Kraft. Dabei wurden die bisher für den Fuhrwerkverkehr geltenden Bestimmungen soweit auf das Radfahren übertragen sowie entsprechend ergänzt. Vorgegeben waren unter anderem die Nutzung entsprechender Wege und Straßen, die Verhinderung von Gefährdungen von Fuhrwerken, Menschen und Tieren sowie Anweisungen zum Überholen.

Geschlossene Truppenkörper sowie Leichen- und andere Aufzüge durften nicht durchbrochen beziehungsweise in ihrem Vorankommen gehindert werden. Fuhrwerken der Königlichen Post und der Feuerwehr war freie Fahrbahn zu geben. Erlaubt war jedoch das Nebeneinanderfahren mehrerer Radfahrer, sofern dies ohne Belästigung des übrigen Verkehrs erfolgte.

Besonderes Augenmerk galt der Verkehrssicherheit des Fahrrades. Jedes musste über eine sicher wirkende „Hemmvorrichtung“ und eine Signalglocke verfügen. Vom Einbruch der Dunkelheit an war jedes Fahrrad mit einer hell brennenden Laterne zu versehen, deren Licht nach vorne fallen musste und deren Gläser nicht farbig sein durften. Jeder Radfahrer musste eine von der Ortspolizeibehörde seines Wohnortes auf seinen Namen lautende Fahrkarte bei sich führen und auf Aufforderung vorzeigen. Personen unter 14 Jahren durfte nur in Ausnahmefällen eine Fahrkarte erteilt werden, bis zu 18 Jahren war die Zustimmung des gesetzlichen Vertreters erforderlich. Für Personen, die das Fahrrad ausschließlich für öffentliche Dienste benutzten, war die Ausstellung der Karte gebührenfrei. Ohne entsprechende Erlaubniskarte war das Radfahren auf öffentlichen Wegen, Straßen und Plätzen nicht gestattet. Bei einschlägigen Verstößen konnte die Fahrkarte auch wieder entzogen werden.

Im Archiv der Marktgemeinde Kaisheim, zu dem die bis zur Eingemeindung im Jahre 1972 selbstständige Gemeinde und heutige Ortsteil Leitheim gehört, ist ein „Verzeichnis über die in der politischen Gemeinde Leitheim ausgestellten Veloziped-Fahrkarten“ zu finden, das aufgrund der im Jahre 1898 in Kraft getretenen Vorschrift zu führen war.

Für die Zeit von 1903 bis 1916 sind insgesamt 25 Einträge verzeichnet. Ein Vergleich der Familiennamen zeigt auf, dass in etwa jedem zweiten Haus ein Fahrrad vorhanden war beziehungsweise eine Person über eine Erlaubnis zum Radfahren verfügte.

Der Großteil der Einträge erfolgte in den Jahren von 1903 bis 1905 sowie 1912 bis 1916. Der zweite Eintrag wurde aus unbekannten Gründen storniert und für diese Person erst wieder 1910 ein neuer Erlaubnisschein ausgestellt – jedoch nicht mehr für einen Knecht, sondern für einen Ökonomen.

Obwohl für die Altersgruppe unter 18 Jahren besondere Vorgaben galten, sind hier sieben Einträge verzeichnet, während die drei ältesten Erlaubnisbesitzer 40 bis 46 Jahre alt waren. Die Ausstellung einer Veloziped-Fahrkarte kostete unabhängig vom Alter eine Mark. Vier Bescheinigungen wurden für Mitglieder der Familie von Tucher mit Sitz in Leitheim, eine weitere für ein Familienmitglied mit Wohnort Nürnberg ausgestellt.

Nur drei Frauen sind in dem Verzeichnis vermerkt: je eine Baronin und eine Baroness, die bereits mit 13 Jahren in den Besitz einer Bescheinigung kam, sowie eine Söldnerstochter. Damit war Radfahren eine stark männlich geprägte Domäne. Aufschluss über die Nutzer geben die im Verzeichnis angegebenen Berufe. Stark vertreten sind die Gruppen der Ökonomen und der Söldnerssöhne, etwas geringer die der Dienstknechte. Einzeln sind noch ein Bäcker und ein Krämer sowie ein Wirtssohn erwähnt.

Nach dem Jahre 1916 wurde das Verzeichnis aus unbekannten Gründen nicht mehr weitergeführt. Damit endet die Lokalgeschichte eines frühen Vorläufers des heutigen Führerscheins.

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