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14.05.2018

Herzzerreißende Klänge in der Schlosskapelle

Konzert Der Singkreis Gempfing begeistert seine Zuhörer. Über ein Konzert von Amateuren auf Profiniveau

Neuburg Die Konzertreihe der Kleinen Konzerte in der Neuburger Schlosskapelle hat ihr treues Publikum mit Recht. Denn meistens lohnt sich der Besuch im ältesten protestantischen Kirchenraum mit seiner wunderbaren Akustik. Das gilt für den Auftritt des Singkreises Gempfing in besonderer Weise.

Die Zuhörer bekamen eine gute Stunde Chorgesang in einer seltenen Kombination geboten: technisch auf professionellem Niveau und zugleich in jedem Stück mit der Begeisterung wahrer Amateure. Der Singkreis Gempfing unter Erich Hofgärtner intoniert absolut sauber, hält in allen vier Stimmen auch über längere Passagen die innere Spannung und gestaltet hochdramatische Werke genauso überzeugend wie scheinbar einfache Volkslieder.

Am „Locus iste“ von Anton Bruckner haben sich schon viele Chöre versucht, mit mehr oder weniger Erfolg. Was Erich Hofgärtner mit seinem eher kleinen Ensemble aus dieser tausend Mal gehörten Motette macht, ist atemberaubend. Das anspruchsvolle a-cappella-Werk steht mit Leichtigkeit und Klarheit im Kirchenraum. Hofgärtner hat den Mut, die Spannung langer Pausen wie die hochromantische Klangwucht Bruckners voll auszureizen, auch heikle Einsätze im Pianissimo kommen exakt, wenn man von einem Wackler an einer auch bei Profis gefürchteten Tenor-Stelle absieht.

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Zum Erlebnis wird auch das berühmte „Ave verum“ von Wolfgang Amadeus Mozart. In dieser Interpretation steckt viel intellektuelle Arbeit, das Tempo ist klug gewählt. Die vier Stimmen sind in sich perfekt ausgewogen, Dirigent und Sänger deuten den bedeutungsschweren Text mit muskalischer Grandezza und tiefem Gefühl aus.

Das Programm bietet aber nicht nur Klassik, Romantik und Barock, sondern auch für Chor und Zuhörer herausfordernde Werke des 20. Jahrhunderts. Zum Beispiel die hochkomplexe Adaption des Marienliedes „Meerstern, ich dich grüße“ durch einen norwegischen Komponisten. Und vor allem eine erschütternde Komposition des langjährigen Dresdner Kreuz-Kantors Robert Mauersberger. Das Werk schrieb Mauersberger an Ostern 1945, unter dem Eindruck des schrecklichen Feuersturms über Dresden im Februar, in dem auch elf junge Sänger seines Kreuzchores ihr Leben lassen mussten. Mauersberger zog sich in tiefer Verzweiflung in sein Heimatdorf im Erzgebirge zurück und las Verse des Propheten Jeremias über die vollständige Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier 2500 Jahre vor der Tragödie von Dresden. Dieser Text gab ihm die Kraft zu einem Werk, das dann vor tausenden Zuhörern in der Ruine der Kreuzkirche uraufgeführt wurde.

Wer diese Chorklänge in der Neuburger Schlosskirche gehört hat, wird sie sicher nicht so schnell wieder vergessen. Herzzerreißende musikalische Schmerzensschreie, scheinbar trostlose und vielfach gebrochene Akkorde, dann aber doch Melodien von elegischer Kraft, die einen Rest der Hoffnung und eines trotz allem nicht vollständig verlorenen Glaubens durchklingen lassen.

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