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Interview

30.08.2017

„Ich würde mir nie ein Vereinstrikot kaufen“

Die hässliche Fratze des Fußballs: Berliner und Rostocker Ultras benahmen sich während des DFB-Pokalspiels kräftig daneben, Hansa-Hooligans zünden Stadionsitze und ein Banner der Berliner an (linkes Bild).

Die Bundesliga-Saison hat begonnen. Exzesse von Ultras, Fan-Proteste gegen den DFB und „Affentheater“ um Spielerwechsel trüben den Spaß am Fußball. Was der Kommissarische Bezirksvorsitzende Johann Wagner dazu sagt.

von Günther Hödl

Nach den Exzessen beim DFB-Pokalspiel zwischen Rostock und Hertha BSC Berlin überschattete eine Debatte über Gewalt im Fußballstadion den Start der 55. Bundesliga-Saison vor Wochenfrist. Dazu kamen am ersten Spieltag die Fan-Proteste gegen die scheinbar unaufhaltsam voranschreitende Kommerzialisierung ihres Lieblingssports, dessen Globalisierung samt Identitätsverlust der Vereine. Stark gelitten hat nach zahlreichen Korruptionsskandalen schon seit Längerem das Vertrauen in Topfunktionäre: Stichwort Blatter, Infantini und Co.

Und auch das bis 31. August offene „Wechselfenster“ stößt vielen sauer auf. Etwa Dortmunds Manager Hans-Joachim „Adi“ Watzke, der in diesem Zusammenhang von einem „Affentheater“ spricht. Sein Spieler Ousmane Dembélé erpresste den BVB mit Arbeitsverweigerung, um zum FC Barcelona wechseln zu dürfen. Watzke wird in der Süddeutschen Zeitung so zitiert: „Wenn die Liga losgeht, muss es nur noch um Fußball gehen.“ Er fordert die Schließung des Wechselfensters zum 1. August, spätestens 8. August, also vor dem ersten Bundesliga-Spieltag: „Die Fans freuen sich im Sommer auf Fußball, nicht auf die ganze Transferscheiße.“

Zudem scheint bei den Summen jeglicher Realitätsbezug verloren zu gehen: 222 Millionen für Neymar, 120 plus 30 Millionen Euro Prämie für Dembélé – knapp das Vierfache des bislang teuersten Bundesliga-Wechsels. Schon 13-Jährige werden mit mehreren Hunderttausenden um- und abgeworben.

Szenenwechsel: Sie lieben ihren Sport, arbeiten ehrenamtlich mit vollem Einsatz und absolut seriös – was die große Mehrzahl der kleinen und mittleren Fußball-Funktionäre auszeichnet, trifft auch auf ihren „Chef“ Johann Wagner zu. Die Sitten und Umstände verkommen jedoch, je höher die Liga und je mehr Geld im Spiel mit dem runden Leder ist. Welche Gefühle den Kommissarischen BFV-Bezirksvorsitzenden, der im März 2018 als Nachfolger von Volker Wedel offiziell im Amt bestätigt werden soll, mit Blick auf die aktuell so zahlreichen Negativschlagzeilen rund um den Fußball beschleichen, wollten wir von dem 59-jährigen Zusamaltheimer wissen.

Herr Wagner, können Sie Watzkes Forderung nach einer früheren Schließung des Wechselfensters in der Bundesliga nachvollziehen?

Wagner: Ja, ich kann Watzke oder auch den Augsburger Trainer Baum verstehen. Die Saison läuft schon zwei, drei Wochen und es kann immer noch der Verein gewechselt werden. Das ist nicht gut. Bis spätestens zum Zeitpunkt des ersten Saisonspieltages sollen alle Wechsel abgeschlossen sein.

Kann das der Deutsche Fußball-Bund nicht für sich so festlegen?

Wagner: Das könnte der DFB, aber da spielen auch die Uefa und die Fifa mit rein. Da muss man wohl auch das international Weitergehende beachten. Aber die genauen Hintergründe, warum das Wechselfenster nicht früher schließt und es so ist, wie es ist, kenne ich nicht.

Wie sieht eigentlich die Regel für Spielerwechsel bei uns in der Region für die Amateure aus?

Wagner: Spieler, die sich bis 30. Juni bei ihrem alten Verein abgemeldet haben, können bis 31. August wechseln. Ausnahme ist der „Vertragsspieler“. Die können bis 31. August wechseln, selbst wenn sie in der laufenden Saison schon für einen anderen Verein gespielt haben. Ein zweites Wechselfenster öffnet dann in der Winterpause.

Wie beurteilen Sie Ultra-Ausschreitungen wie beim Relegations-Heimspiel von 1860 München, in Dortmund gegen Leipzig-Fans oder jetzt in Rostock?

Wagner: Wenn man die Vorfälle in Rostock sieht, muss man sagen, das ist eine Gefahr für den Fußball. Da muss sofort gehandelt werden. Zum Beispiel kommt die Forderung nach einer Abschaffung der Stehplätze ins Spiel – dann haben nämlich alle Besucher Platzkarten und man kann die Leute identifizieren. Wenn es Probleme gibt, kann man die nicht mit Gewalt austragen. Es sind ja aber auch nicht alle Ultras böse oder gewalttätig. Die Störer und Randalierer müssten von den Vereinen jedoch aussortiert werden, das passiert halt nicht. Nur diese Maßnahme und nur die Vereine in die Pflicht zu nehmen, würde jedoch nicht ausreichen. Bei diesem Thema müssen alle Beteiligten aktiver als bisher zusammenarbeiten.

Dem Normalverdiener geht inzwischen ja auch jegliches Verständnis für die astronomischen Gehälter und Wechselsummen abhanden …

Wagner: Ich meine, generell sind daran nicht nur die Spielerberater, Spieler oder Vereine schuld, sondern die Leute, die das Geld geben. Dass sich die Topvereine und ihr Produkt Fußball vermarkten, ist legitim, sie sind inzwischen Wirtschaftunternehmen. Mit 222 Millionen Euro für Neymar wird Paris 300 Millionen an Merchandising-Einnahmen generieren. Ich sage: Wer das Geld zur Verfügung stellt, ist mitverantwortlich für die Misere.

Also nicht nur der reiche Investor-Scheich, sondern auch der Fan, der ein Messi-Trikot für 100 Euro kauft?

Wanger: Ja, auch. Wer das tut, unterstützt den Kommerz. Ich habe mir noch nie ein Vereinstrikot gekauft – und das bleibt auch so.

Oder die Abonnenten von Bezahl-Sendern?

Wagner: Das Fernsehen fordert aus wirtschaftlichen Gründen die Zerstückelung des Spielplans. Hier ist aber die Deutsche Fußball-Liga maßgeblicher Verhandlungspartner, nicht der DFB. Andererseits muss man aber auch mal sehen: Aus dem bestehenden Vertrag mit den Sendern profitieren auch die Amateurvereine finanziell.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Führung von Fifa und Uefa?

Wanger: Ich hoffe, dass jetzt auch allmählich in den Verbandsspitzen Ruhe einkehrt und dort Leute am Ruder sind, die offen und ehrlich mit allem umgehen. Wir im BFV sind zum Beispiel gerade dabei, unsere Einnahmen und Ausgaben gegenüber den Vereinen klar offenzulegen. Wir bilden Runde Tische mit den Vereinen und Fußball-Kreisen. Nötig ist klare Transparenz im Großen wie Kleinen.

Der Deutsche Fußball-Bund als größter nationaler Sportverband der Welt hat über sieben Millionen Mitglieder. Sollte er da in den internationalen Gremien nicht stärkeren Einfluss haben und in bestimmten Bereichen mehr Druck machen?

Wagner: Die Statuten geben nicht mehr her. Ich glaube auch nicht, dass wir zu politisch handeln oder zu lieb sind, sondern schon unseren Standpunkt vertreten. DFB und BFV mit ihren Präsidenten Reinhard Grindel und Rainer Koch tragen ihre Meinung in den entsprechenden Gremien deutlich vor. Es wird aber wohl nicht alles öffentlich diskutiert. Als Demokrat bin zudem der Auffassung, dass man sich, auch bei abweichender Auffassung, der Mehrheitsentscheidung beugt.

Noch ein kurzer Rückblick auf das frühe Scheitern der Frauen-Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft. Stagniert die Entwicklung bei den Damen oder ist sie gar rückläufig?

Wagner: Wir dürfen das nicht auf das Negativerlebnis EM beschränken. Nach wie vor bietet der Frauenfußball viel Positives, in der Bundesliga wird hier toller Fußball geboten. Im Kleinen, etwa im Bezirk, bemerke ich aber schon eine gewisse Stagnation. Die Probleme sind hier ähnlich wie bei den Herren: demografischer Wandel, vielfältiges Freizeitangebot. Insgesamt blicken wir aber auf eine jahrelange positive Entwicklung zurück.

Was wünschen Sie sich mittelfristig für den Fußball im Bezirk?

Wagner: Ich wünsche mir, dass den Verbandsfunktionären von den Vereinen wieder mehr Vertrauen entgegengebracht wird. Mir scheint, das ist momentan nicht so richtig der Fall. Wir werden auf die Vereine zugehen.

Und zum Schluss die Meisterfrage!

Wagner: Deutscher Meister wird der FC Bayern, das lässt sich wohl nicht verhindern. Aber es wird diesmal keine klare Sache, sondern ein Dreikampf mit Leipzig und Dortmund. Der FC Augsburg, dessen Fan ich bin, wird bis zum Schluss um den Klassenerhalt kämpfen müssen, aber er erreicht auf alle Fälle den viertletzten Platz.

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