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Rain

19.10.2019

Jean Daprai  ist gestorben: Großer Künstler und Mensch

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6 Bilder
Rain war die Stadt, in der Jean Daprai seine Jugendjahre verbracht hat. Ihr blieb er zeitlebens eng verbunden und pflegte Freundschaften, die die Jahre überdauerten. Das Motiv dieses surrealistischen Gemäldes zeigt markante Häuserzeile aus der Rainer Innenstadt. 
Bild: Foto: Sammlung Franz Müller

Jean Daprai war in der ganzen Welt zu Hause. Seine Malerei findet sich von Finnland bis Kuwait. Seine eigentliche Heimat aber war Rain. Er starb 90-jährig.

Den Namen des Kunstmalers Jean Daprai kennt man an vielen Orten dieser Erde. Seine Gemälde befinden sich in öffentlichen Einrichtungen, aber auch in privaten Sammlungen in Deutschland, Frankreich, Saudi-Arabien, Brasilien, Brunei, Spanien, Finnland, Schweden, Großbritannien, Iran, Irak, Italien, Kuwait, USA, Venezuela und anderen Ländern. Königliche Hoheiten, Politiker, Schriftsteller und Künstler weltweit haben sich von ihm malen lassen. Und dann wiederum gibt es eine ganz starke Beziehung nach Schwaben. Denn Jean Daprais Wurzeln reichen zurück in die Lechstadt Rain. Dort hat er seine Kindheit verbracht, dorthin ist er im Laufe seines Lebens viele, viele Male zurückgekehrt. Dort gibt es – in den Räumen der Raiffeisenbank – das ihm gewidmete Museum.

Jean Daprai ist im Alter von 90 Jahren gestorben. Wie erst jetzt bekannt wurde, bereits am 27. September, nur fünf Tage nach seinem Geburtstag. In seinen Werken hinterlässt er Spuren einer großen Begabung und einer faszinierenden Persönlichkeit.

Geboren ist Jean Daprai im italienischen Rovereto (Südtirol). Seine Kindheit war bitter, denn sein Vater wollte von ihm und der Mutter nichts wissen und machte sich aus dem Staub. Auch auf seine Mutter musste er ein paar Jahre verzichten, als sie nach Deutschland, nach Rain flüchtete und ihn zurücklassen musste. Es war jene Zeit, als Hitler und Mussolini die Südtiroler vor die Entscheidung stellten: entweder ins Deutsche Reich oder Italiener werden. Franz Müller aus Rain, bis zuletzt ein enger Freund Jean Daprais, erzählt: „Der kleine Jean kam zu einer Pflegemutter, dann in ein Heim. Jean hat mir oft erzählt, dass dies die Hölle war – Prügel waren an der Tagesordnung.“

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In Rain begannen bessere Jahre

Ein paar Jahre später holte die Mutter den kleinen Jean nach Rain. Ab dieser Zeit begannen bessere Jahre. „Es ging ihm nun sehr gut“, erinnert sich Franz Müller. „Schnell hatte er viele Freunde und in der Schule fiel er durch sein Zeichentalent auf.“ Dieses Talent machten sich die Lehrer zunutze. Der begabte Bub durfte Bilder zu geschichtlichen Ereignissen an die Tafel malen. Doch war nicht jedes Motiv für den Unterricht passend. Müller erzählt: „Er zeichnete ein nacktes Mädchen und klappte die Tafel zu. Dann kam der Pfarrer zum Religionsunterricht, öffnete die Tafel und das Kunstwerk wurde sichtbar.“ Es konnte nur einer der Übeltäter gewesen sein. Nur einer hatte diese künstlerische Ader. Daher galt der Befehl des Pfarrers Jean: „Hans (so der deutsche Name) abwischen!“

Als Jean die Schule absolviert hatte, arbeitete er bei der Bahn, ehe er eine Lehre im Friseursalon Haid in der Hauptstraße absolvierte. Er war sehr geschickt darin, wollte aber etwas anderes: Er wollte Kunstmaler werden.

Mit 17 Jahren strebte Jean Daprai in die weite Welt, um seinen Vater zu finden. Sein Ziel war zunächst Venedig, wo seine Ziehmutter lebte. Auf der Wanderschaft dorthin schloss er sich einem Zuchthäusler an und arbeitete bei Bauern, um sich Essen und Übernachtung zu verdienen. Schließlich fand Jean Daprai seinen Vater im Piemont. Doch es war keine glückliche Begegnung: Auch jetzt lehnte dieser den Kontakt zu seinem Sohn ab.

Beruflich folgte Jean konsequent seinem Drang nach Kunst. Er wanderte nach Mailand und studierte an den drei berühmten Kunstschulen, der Akademie Cimabue, der Schule für Sakrale Kunst und der Akademie in Brera. Sein großes Ziel aber war immer die Kunstmetropole Paris.

Zur Strafe musste er in die Fremdenlegion

Von Mailand wanderte er weiter nach Marseille, arbeitete dort als Handwerker und bekam prompt Ärger mit der Polizei, denn sein Meister war in unseriöse Konkurrenzmachenschaften verwickelt und erhielt eine saftige Strafe. Jean stellte man vor die Wahl: entweder Gefängnis oder Fremdenlegion. Jean zog Letzteres vor, kam nach Marokko und meldete sich gleich als Musiker, obwohl er nicht einmal Noten lesen konnte. Aber er lernte so schnell, dass er nach einiger Zeit zum zweiten Posaunisten aufstieg. Nebenbei verdiente er sich Geld, indem er die Oberen des Militärs porträtierte. Zwei Jahre später war er endlich seinem eigentlichen Ziel nahe: Er zog nach Paris, in der Nähe von Montmartre.

Wie viele andere Künstler, war auch er dankbar für jeden Auftrag. So kolorierte er von 1957 bis 1959 von Hand jede Woche rund 50 Kinoplakate für Paramount, Fox, Universal und Metro-Goldwyn-Mayer.

2001 wurde das Daprai-Museum in Rain eröffnet

„Es war so um 1972“, erinnert sich Franz Müller, „Mein damaliger Chef Manfred Strasser hatte sehr viel für Kunst übrig und zog auch mich in diesen Bann. Als er mitbekam, dass ein Künstler aus Paris mehrmals im Jahr nach Rain zu seiner Familie kam, sollte ich den Kontakt herstellen. So entstand unsere lebenslange Freundschaft. Fast 40 Jahre lang wohnte Jean bei seinen vielen Besuchen in Rain immer bei meiner Familie. Und wenn er aus Paris kam und am Abend sein Auto mit Bildern auspackte, sah es bei uns aus wie in einem Atelier.“ Sehr interessant wurde es im Hause Müller stets dann, wenn Daprai seine surrealistischen Bilder erklärte. Welchen Traum, welche Vision, Gedanken er eingebaut ja sogar versteckt hatte.

Etwa 1996/97 wurde der Gedanke geboren, mit dem Neubau der Raiffeisenbank Rain auch ein Museum zu installieren. Es wurde mit Arbeiten Jean Daprais bestückt und ist nach wie vor Teil des Geldinstituts. Am 29. April 2001 wurde die Eröffnung des „Jean-Daprai-Museums“ gefeiert.

Jean Daprai war ein vielseitiger Künstler. Zu jeder Zeit pflegte er die flämische Malerei sowie die Porträt-Malerei. Gerne experimentierte vom Kubismus bis zur Abstraktion. Er fertigte exklusive Urkunden, Entwürfe für Goldschmuck, Airbrush-Werke, Lithografien, Kupferstiche und sogar einige Bronzeskulpturen. Diese Vielseitigkeit zeichnete ihn aus. Sein größtes Schaffensgebiet war jedoch der Surrealismus, mit dem er uns die schönen Seiten des Lebens aufzeigt. „In Daprais Werken ist immer etwas Positives, etwas Gutes und Hoffnungsvolles zu sehen“, sagt Franz Müller. „Bevorzugte Themen sind insbesondere die Frau als Symbol des Lebens und der Fruchtbarkeit, die Welt der Tiere, insbesondere das Pferd, die Pflanzenwelt und die Stadt als Zentrum allen menschlichen Lebens. Jean sagte einmal: Wenn ich eine Frau male, so male ich sie so schön, wie ich es mir nur in den kühnsten Träumen ausdenken kann.“

Daprai hat viele große Persönlichkeiten porträtiert – vom Emir von Katar bis zu Prinzessin Caroline von Monaco. Er war befreundet mit Jacques Chirac, ebenso mit Charles Aznavour und mit Picassos Ehefrau. Zahlreiche Auszeichnungen kennzeichnen die Qualität seines Schaffens, darunter etwa der Titel Ehrendoktor der Kulturakademie Paris. Für den Sultan von Brunei fertigte er zwei Krönungswandteppiche und war zu den Krönungsfeierlichkeiten 1989 eingeladen.

Immer wieder besuchte er seine Freunde in Rain

Von dort zurück in die schwäbische Kleinstadt Rain, die für Jean Daprai seine eigentliche Heimat war. Dorthin kam er regelmäßig und immer gerne, um Schulkameraden und Freunde zu besuchen. Der letzte Besuch Franz Müllers bei Jean Daprai in dessen Landhaus in Couture liegt nur wenige Monate zurück. Der Künstler war damals schon gezeichnet von schwerer Krankheit. Müller erinnert sich: „Wir wussten beide, dass wir uns zum letzten Mal sahen.“ In seinen Werken allerdings lebt Daprai weiter. Als Künstler und – wie seine Freunde wissen – „als besonderer Mensch“.

Info Die Stadt Rain lädt Interessierte zur Gedenkfeier zu Ehren Jean Daprais ein. Sie findet statt am Montag, 28. Oktober, 18 Uhr, im Saal der Raiffeisenbank Rain.

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