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Lesesommer (Folge 10)

31.08.2020

Johann Enderle: Patricia, die Waschfrau

Patricia die Waschfrau als Skulptur.
Bild: Johann Enderle

Plus Die DZ lädt ein zum Lesesommer. Da das Nordschwäbische Literaturfestival ausfällt, schreiben Mitglieder des Donau-Rieser Autorenclubs für unsere Zeitung. In Folge 10 erzählt Johann Enderle von einer fleißigen Wäscherin.

Vor langer Zeit, oder war es gestern? Es regnete in Strömen. Das Wasser, das Petrus vom Himmel schickte, hätte ausgereicht, Patricia zwei Monate lang beim Waschen zu versorgen. Jeden Tag stand sie im Hof der Familie Schnäberle am Waschtrog und schrubbte: Die Hosen, die Röcke, Blusen und Kleider und alles, was es bei einer Bürgermeisterfamilie zu waschen gab.

In Waschhausen wird alles gesäubert

Patricia war eine Blüte. Ihre langen schwarzen Haare, die dunklen Augen und ihr wohlgeformter Busen raubten jedem Mann den Atem, wenn sie denn einem begegnete. Aber außer mit dem Bürgermeister und ein paar Bediensteten kam das hübsche Mädchen selten mit jemandem in Kontakt, weil sie immer nur Wäsche wusch, im Hofe der Bürgermeisterfamilie in dem kleinen Städtchen, das den bezeichneten Namen Waschhausen trug. Denn alles, alles wurde hier gewaschen oder irgendwie gesäubert. Und was man nicht reinigen konnte, wurde vernichtet.

Diese Liebe zur Sauberkeit ging so weit, dass ganze Häuser niedergebrannt wurden; oder Bürger, die dem Stadtrat nicht sauber genug wirtschafteten, den Ort verlassen mussten.

Wo denn anders als in Schwaben lag diese „reinliche“ Stadt. Und Patricia, die Blüte, war eine vortreffliche Bürgerin.

Patricia erledigt ihre Aufgabe mit Sorgfalt

Vom Regen völlig durchnässt, stand sie auch an diesem Tag – von dem ich berichten will – am Waschtrog und erfüllte die ihr zugewiesenen Aufgaben der Frau Bürgermeisterin: sie wusch.

Die gewaschenen Kleidungsstücke legte sie mit Sorgfalt über eine Stange, die, unter dem Vorsprung des Hauses, von zwei Pfählen gehalten wurde. Nun hatte die Dachrinne, die über der Stange verlief, gerade an dieser Stelle ein kleines Loch, das ausreichte, um immer wieder ein paar schmutzige Tropfen durchzulassen.

Da der zuständige Bedienstete des Bürgermeisters, ein nachlässiger Mensch, der bald aus der Stadt entfernt werden sollte, nicht gewillt war, jeden Tag die Dachrinne zu reinigen, hatte sich mit der Zeit Schmutz angesammelt, der auf dem Grund des Wasserfängers liegen blieb.

So geschah es, dass jeder Tropfen, der durch das Loch auf die von Patricia gesäuberte Wäsche fiel, reichlich Schmutz mit sich trug und die Kleider verunreinigte.

Patricia wäscht die Hose des Bürgermeisters immer wieder

Patricia war nicht besonders gescheit, und hätte sie ihren Kopf nicht gehabt, wohl würde ein Korb ausgereicht haben, um das Stroh zu tragen, welches sich darin befand. Die Tropfen, die aus dem Leck der Dachrinne fielen, waren so gemein, sich wiederholt die Hose des Bürgermeisters auszusuchen, die Patricia dort über die Stange gelegt hatte. Immer, wenn die junge Frau den Rock der Frau Bürgermeisterin neben der Hose zum Trocknen aufhängte, entdeckte sie den Schmutz auf der Hose, nahm sie herunter und reinigte sie. Dann hängte sie das Kleidungsstück zurück und bemerkte nun den Schmutz auf dem Rock und das Auswaschen desselben begann von Neuem.

Als der Mittag kam, waren Hose und Rock noch immer nicht sauber.

Vielleicht hätte Petrus am Nachmittag den Regenguss unterbunden, aber als er Patricia bei der Arbeit zuschaute, tat ihm das Mädchen leid und er begann, von Neuem die dunklen Wolken zu schütteln, sodass Regen fiel.

Und Patricia wusch und wusch, den ganzen Tag, die ganze Nacht. Die Arme taten ihr weh und die Beine schmerzten und schließlich bekam sie den Krampf in allen Gliedern und konnte sich nicht mehr bewegen.

Ein Beispiel an Fleiß und Sauberkeit

Als die Bürger von Waschhausen am nächsten Morgen zur Arbeit gingen, sahen sie Patricia in ihrer typischen Arbeitshaltung vor dem Wäschetrog im Hofe des Bürgermeisters und staunten über den Fleiß und die Sauberkeit ihrer Mitbürgerin.

Mit Zustimmung der meisten Bewohner der Stadt beschloss der Rat, Patricia mit dem Waschtrog auf dem Marktplatz aufzustellen, um allen Fremden ein Beispiel an Fleiß und Sauberkeit zu zeigen. Dort steht Patricia immer noch als Denkmal.

Ich würde sie gerne einmal besuchen, nur habe ich leider den Weg vergessen, der nach Waschhausen führt.

Zum Autor:

Bild: Enderle


  • Johann Enderle stammt aus Franken und lebt seit 22 Jahren in Monheim. 1951 geboren, hat er immer gerne Geschichten aufgeschrieben und erzählt.
  • Schon in den Jugendjahren schrieb er Artikel für Zeitungen, verfasste Gedichte und Erzählungen, die auch veröffentlicht wurden.
  • Von Beruf war er Angestellter Bezirksdirektor einer süddeutschen Versicherungsgesellschaft und ist seit 2012 im Ruhestand. Er ist verheiratet und hat drei Töchter.
  • Im Sommer 2014 begann er auf Anraten eines Freundes, seinen ersten Roman zu schreiben.
  • Mit dem Titel: „Durch den Steppensand des Lebens“, erschien das Buch im Juli 2016. Sein zweiter Roman, der im Dezember 2019 in den Buchhandel kam, trägt den Titel: „Verdammt im Land der Partisanen“.
  • Johann Enderle ist Mitbegründer des Autorenclubs Donau-Ries.

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