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Landkreis Donau-Ries

24.08.2019

Junge Dohlen sterben durch Zigarettenkippen

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2 Bilder
In der Natur weggeworfene Zigarettenkippen gelten als ökologische Zeitbombe mit dramatischen Folgen für Natur und Mensch.
Bild: Foto: Barbara Würmseher

Auf dem Turm von Heilig Kreuz überlebt nur ein einziges von etwa 25 Küken. Aber das Problem ist viel gravierender

Als Tierarzt Dr. Georg Schnizer routinemäßig die Dohlennester im Turm der Donauwörther Heilig-Kreuz-Kirche auf gefiederte Bewohner hin kontrolliert, muss er eine traurige Entdeckung machen: Von den heuer geschlüpften Küken sind so gut wie alle tot. Ein einziges noch lebendes findet er am Fuß des Turms – es ist aus dem Nest gefallen. Hochgerechnet sollten es bei den fünf Nestern in Heilig Kreuz insgesamt bis zu 25 Jungtiere sein. Fast keines von ihnen hat es geschafft. „Totalausfall“, wie Schnizer sagt. Eine erschreckende Bilanz für dieses Jahr.

Die mutmaßliche Hauptursache für dieses Dohlensterben in Donauwörth ist schnell ermittelt: In den Nestern findet Georg Schnizer Zigarettenstummel. Kippen, die Menschen achtlos weggeworfen haben und die dann auf den Straßen, in Grünanlagen oder andernorts herumliegen und von Futter suchenden Tieren fälschlich für Nahrung gehalten werden. Die Dohleneltern in Heilig Kreuz haben solche Zigarettenreste aufgepickt und ihren Jungen mitgebracht – mit tödlichen Folgen.

Weit mehr als ein ästhetisches Problem

Zigaretten wegzuwerfen gilt längst nicht mehr nur als ästhetisches Problem, nicht nur als hässliches Ärgernis in Städten und auf freier Flur, das die Optik stört. Über sie gelangen Hunderte von schädlichen Stoffen in die Umwelt. Reste von Filterzigaretten gelten als besonders giftig. Darin stecken Nikotin, Ammoniak, Stickoxide, Kohlendioxid und mehr.

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Die überregionale Tierschutz-Organisation „Vier Pfoten“ beispielsweise hat ermittelt, dass sich die Zahl der weltweit weggeworfenen Glimmstängel auf jährlich 4,5 Billionen Stück summiert. „Mit knapp 4000 chemischen Verbindungen, von denen über 200 giftig sind, stellt der Zigarettenfilter eine ökologische Zeitbombe dar“, so die Tierschutz-Organisation. Einmal in der Natur entsorgt, gebe der Filter über Jahre hinweg seine giftigen Inhaltsstoffe an die Umwelt ab. Eine einzige weiße Hülse könne bis zu 40 Liter Grundwasser verunreinigen. Gefährdet sind dadurch Mensch und Tier, Flora und Fauna.

Kinder können sich auf Spielplätzen vergiften, wenn sie Kippen finden – oft im Sandkasten verbuddelt – und in den Mund stecken. Wildtiere sind betroffen, die qualvoll verenden können. Aber auch Hunde beim Gassigehen in der freien Natur können versehentlich eine Kippe verschlucken.

Anna Schramm, Vorsitzende der Kreisgruppe Donau-Ries des Bunds für Vogelschutz, gibt zu: „Mir selbst war lange nicht bekannt, wie viele Gefahren eigentlich von Zigarettenkippen ausgehen. Aber die Forschungsberichte zu diesem Thema sind eindeutig. Wir sprechen hier von hoch toxischen Stoffen und längst nicht mehr nur von einem störenden Anblick oder einem hygienischen Problem.“ Anna Schramm weiß von einer Studie der Uniklinik Kiel, die besagt, dass schon vier Kippen pro Liter in einem Gewässer den Tod eines Fischs verursachen. Binnen Sekunden bekommen Fische Lähmungserscheinungen und erleiden einen Nervenschock. Und nur vier Milligramm Nikotin können für ein Tier wie einen Hund etwa zum Kreislaufversagen führen.

Zwei Drittel aller Zigaretten werden achtlos weggeworfen

„Laut einer Statistik der Weltgesundheitsorganisation WHO“, so hat Anna Schramm recherchiert, „werden täglich 15 Milliarden Zigaretten weltweit verkauft. Zwei Drittel davon werden achtlos auf den Boden geworfen. Das ist eine brutal hohe Zahl. Wir alle müssen uns bewusst machen, wie markant dieses Problem ist.“ Die Vorsitzende des Vogelschutzbunds appelliert daher, nichts im Freien wegzuwerfen. Keinen Müll allgemein und im Speziellen eben erst recht auch keinen Zigarettenstummel. Wer auf die Zigarette unterwegs nicht verzichten mag, für den empfiehlt es sich, einen kleinen Taschenaschenbecher mitzunehmen oder die dafür vorgesehenen öffentlichen Abfallbehälter zu benutzen.

Helmut Weixler, Leiter des Forstbetriebs Kaisheim, beobachtet in den Wäldern, für die er zuständig ist, eine nachlassende Rücksichtnahme von Spaziergängern. „Eigentlich gibt es ja genügend andere Möglichkeiten“, sagt er auf Anfrage der Donauwörther Zeitung. „Dennoch wird nach unseren Beobachtungen wieder mehr Müll einfach im Wald entsorgt.“ Welchen Anteil daran Zigarettenkippen haben, kann er nicht in Zahlen festmachen. Auch nicht, wie viele Waldtiere in unserer Region konkret darunter leiden oder gar daran verenden.

Das Dohlensterben auf dem Turm der Heilig Kreuz-Kirche ist übrigens nicht erst heuer ein problem. Tierarzt Dr. Georg Schnizer beobachtet seit etwa fünf Jahren schon, dass die Elterntiere immer wieder Kippen mitbringen. „Erstaunlicherweise lernen sie nichts daraus“, wundert er sich.

Glücklicher Ausgang für „Quasimodo“

Für die heuer einzig überlebende Jungdohle von Heilig Kreuz hat es dann noch einen glücklichen Ausgang gegeben: Georg Schnizer hat sie mit in seine Praxis genommen und mit Katzenfutter aufgepäppelt. Eine Mitarbeiterin hat ihn dabei unterstützt. Etwa fünf Wochen lang haben sie „Quasimodo“, wie er den Vogel genannt hat, gehegt und gepflegt und danach in die Freiheit entlassen. Der Tierarzt erzählt: „Quasimodo hat einen Käfig bekommen, hat dann in der Praxis fliegen gelernt und seine Kreise immer weiter gezogen. Mittlerweile hat er uns verlassen. Und dieser Abschied ist uns richtig schwer gefallen...“

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