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30.07.2010

Land der Gegensätze

Bisher reisten Touristen nach Indien und Marokko, um Gegensätze zu fotografieren. Aber inzwischen setzt auch unser Vaterland alles daran, das Prädikat "Land der Gegensätze" zu erwerben.

Für reizvolle Widersprüche sorgten in der vergangenen Woche das Institut für Wirtschaftsforschung Ifo und das Statistische Bundesamt. Der Ifo-Geschäftsklimaindex, so hieß es, sei im Juli so stark gestiegen wie noch nie seit der Wiedervereinigung. Die Massenarbeitslosigkeit sei überwunden, die Wirtschaft erlebe eine neue Blüte.

Den allgemeinen Jubel dämpfte das Statistische Bundesamt mit einer Kontrastbotschaft: Das Baugewerbe habe in den ersten fünf Monaten im Vergleich zu 2009 einen Umsatzeinbruch von 9,5 Prozent erlitten. Arbeitsplätze seien in größter Gefahr.

So einfallsreich sorgt man hierzulande dafür, dass den Optimisten und Pessimisten die Argumente nicht ausgehen. Dadurch wird für beide Arten von Menschen das Leben zum reinen Vergnügen. Illusionisten konsumieren genussvoll die Schlagzeile, dass der Geschäftsklimaindex mit 106,2 Punkten alle Erwartungen übertreffe. Schwarzseher stürzen sich auf die Insolvenzmeldungen und fühlen sich bestätigt: "Ich hab's vorausgesagt!"

Der kluge Nachrichtenkonsument nimmt hingegen eine Haltung ein, die schon Seneca vor 2000 Jahren empfohlen hat: "Niemand vertraue zu sehr dem Glück, niemand gebe im Unglück die Hoffnung auf Besserung auf."

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