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Lesung

22.10.2019

Liebe, Musik, Vergänglichkeit

Dirk Heißerer war einmal mehr zu Gast im Gempfinger Pfarrhof.
Bild: Michael Hofgärtner

Dirk Heißerer erklärt den Zusammenhang zwischen Weltliteratur und dem Grammofon

Nach einem Jahr Pause machte der Münchner Literaturverführer Dirk Heißerer wieder im Gempfinger Pfarrhof Station. Im Gepäck hatte er neben Literatur auch ein Grammofon und zwei Schellackplatten. Was das mit Literatur zu tun hatte? Der Siegeszug des Grammofons in die bürgerlichen Salons und Wohnzimmer nach dem Ersten Weltkrieg faszinierte auch Schriftsteller wie Thomas Mann und Hermann Hesse. Mann zog sich im Frühjahr 1920 in die Abgeschiedenheit seines Ferienhauses am Starnberger See zurück, um am Zauberberg zu arbeiten – und um Musik zu hören. Dort lauschte der Opernfan stundenlang Aufnahmen von Wagneropern und anderen Werken.

Inspiriert hat ihn dies zu einer ganzen Sequenz im Zauberberg. Im Kapitel „Fülle des Wohllauts“ ist es ausgerechnet eine Aufnahme des Cancans aus Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“, die im Sanatorium als erstes auf dem neuen Grammofon wiedergegeben wird. Danach stellt der Held Hans Castorp den versammelten todgeweihten Gästen noch weitere Lieblingsplatten vor: Stücke aus Aida, Carmen und zuletzt das bekannte Kunst- und Volkslied vom Lindenbaum von Franz Schubert.

Einen anderen Zugang zur Musik hatte Hermann Hesse, dessen 1927 erschienener Roman „Der Steppenwolf“ den Autor aus einer persönlichen Krise rettete. Genauso wie Hermine, die Heldin des Romans, den in einer Lebenskrise befindlichen Harry Haller mit Musik und Tanz wieder ins Leben zurückführt. Sie kauft mit ihm ein Grammofon und führt den einsamen Zweifler an der bürgerlichen Gesellschaft und Kultur mit Tanzen wieder in diese zurück. Mit einem Foxtrott (Three Little Words, gespielt vom Orchester Duke Ellington) startet sie ihre Therapie, schließlich wird der Humor den Steppenwolf Harry Haller retten.

Heißerer setzte immer wieder sein Grammofon in Gang, um den Zuhörern durch Ausschnitte aus historischen Aufnahmen mit Enrico Caruso, Richard Tauber oder Duke Ellington das Hörerlebnis der 20er-Jahre nahezubringen. Mit einem Ausschnitt aus Dalilas Arie „Mon coeur s’ouvre à ta voix“ aus Camille Saint Saëns Oper „Samson et Dalila“ endete der Abend. Man war ergriffen. Mit großem Applaus verabschiedeten die Zuhörer Dirk Heißerer, der fürs Frühjahr seine Wiederkehr ankündigte. (anlö)

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