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Nordschwaben

10.11.2017

Löwenzahn ist nicht gleich Löwenzahn

Diese Löwenzahnart hat noch keinen Namen.
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Diese Löwenzahnart hat noch keinen Namen.
Bild: Repro: Widemann

Buchpräsentation: Vom Gras bis zum Baum. Die Arbeitsgemeinschaft Flora Nordschwaben hat in 27-jähriger Arbeit über 1900 unterschiedliche Pflanzen in der Region entdeckt. Das Werk wird als „einzigartige Sammlung“ gelobt

Den Löwenzahn kennt jeder. Er verbreitet sich rasch, wächst auch aus der kleinsten Ritze und ist bei Haus- und Gartenbesitzern nicht so gerne gesehen. Doch Löwenzahn ist nicht gleich Löwenzahn. Da gibt es den Flachmoor-Löwenzahn, den Stufenblättrigen Löwenzahn und den Friesischen Löwenzahn. 28 unterschiedliche Arten sind allein in Nordschwaben nachgewiesen. Manche kommen flächendeckend vor, manche sind nur an einer Stelle bekannt. Wer alles über diese und viele weitere Pflanzen wissen möchte, kann jetzt auf ein bemerkenswertes Nachschlagewerk zurückgreifen.

Die Arbeitsgemeinschaft (Arge) Flora Nordschwaben hat in 27-jähriger Arbeit die Region durchstreift, hat Pflanzen gesichtet und registriert. Über 1900 Arten und Unterarten haben die Mitglieder im Laufe der Zeit in den Landkreisen Donau-Ries und Dillingen sowie den angrenzenden Bereichen entdeckt und bestimmt. Aus 420000 Datensätzen ist ein 816-seitiges Buch mit dem Titel „Flora von Nordschwaben“ entstanden. Darin ist zu lesen und auf Karten nachzuvollziehen, welche Pflanze – vom Gras bis zum Baum – wo und wie häufig zu finden ist. Die Hauptarbeit für das Buch haben Jürgen Adler – er ist auch Vorsitzender der Arge –, dessen Frau Brigitte und Günther Kunzmann geleistet. Es handle sich aber um ein Gemeinschaftswerk“, an dem viele Personen beteiligt seien, merkte Jürgen Adler an. Experten bescheinigen dem Buch einen hohen wissenschaftlichen Wert. Allerdings stellte Kunzmann bei der Präsentation, die vor rund 100 Gästen im Gasthof Zur Grenz in Erlingshofen stattfand, auch klar: „Wir haben uns Mühe gegeben, das Buch nicht nur rein wissenschaftlich zu halten.“ Jeder Naturliebhaber solle etwas davon haben.

Eine geradezu historische Bedeutung maß Landrat Stefan Rößle (Donau-Ries-Kreis) vor dem Hintergrund des Klimawandels und des Artensterbens der „Flora von Nordschwaben“ bei. Rößle, der auch für seinen Dillinger Amtskollegen Leo Schrell sprach, bezeichnete das Buch als „einzigartige Sammlung.“ Dass der Bayerische Naturschutzfonds die Produktion mit einem Zuschuss in Höhe von voraussichtlich 12750 Euro unterstützt, sage alles über die Qualität des Werks. Der Landrat zeigte sich davon überzeugt, die „Flora von Nordschwaben“ werde das Interesse an der Natur und am Naturschutz auch für die kommenden Generationen stärken: „Wir wünschen uns, dass die im Buch aufgeführten Pflanzen auch in Zukunft in unserer Gegend zu finden sind.“

Einen kleinen Einblick in die Aktivitäten der Arge-Mitglieder gewährte Günther Kunzmann. Seit 1990 sei man regelmäßig in den Fluren unterwegs: „Wir schauen ganz genau hin.“ Bei den Exkursionen würden alle Pflanzen möglichst vor Ort bestimmt. Dazu haben die Hobbyforscher nicht nur eine Lupe, sondern auch eine Liste mit allen Arten und weitere Fachliteratur dabei. Die Funde werden dann in eine Datenbank eingegeben.

Die Suche nach Pflanzen sei in Nordschwaben besonders spannend, so Kunzmann. Durch den Einschlag des Meteoriten vor Urzeiten im heutigen Ries sei im Umfeld eine feingliedrige Landschaft entstanden. Zum Teil vollziehe sich „alle fünf Meter ein völliger Wechsel.“ Ohne den Meteoriteneinschlag und dessen Folgen fände man viele Pflanzenarten hier gar nicht. Was auffalle: In den landwirtschaftlich intensiv genutzten Flächen im Ries und im Donautal sei die Zahl der Arten deutlich kleiner als anderswo. Da komme man nur auf gut 200 unterschiedliche Pflanzen auf acht Quadratkilometern. Am vielfältigsten sei die Flora in der Gegend um Harburg mit 731 Arten.

Grundsätzlich könne die Landschaft in mehrere Bereiche eingeteilt werden: die Fränkische und Schwäbische Alb, das Ries, das Donautal und das Hügelland südlich der Donau. Kunzmann – er ist Zweiter Vorsitzender der Arge – griff einige Beispiele heraus: Das Gänseblümchen habe man überall gefunden. Der Europäische Froschbiss sei nur entlang der Wörnitz beheimatet, der Natternzungenfarn hauptsächlich in den Tieflagen des Donautals.

Faszinierend seien die elf nachgewiesenen Arten des Sommerwurzes. Der sei ein Schmarotzer, dessen Samen nur auf bestimmten Wirtspflanzen aufgehen kann. Zu den Pflanzen, die in Nordschwaben „extrem selten“ sind, zählt Kunzmann zufolge das Hügel-Veilchen: „Das findet man nur in gebückter Haltung in den Auwäldern an der Donau.“ Kurios: Manche Arten „retten sich auf Friedhöfe“, so Jürgen Adler. Die Zwergwolfsmilch wachse dort auf Kieswegen und sei trittunempfindlich. Auf den Friedhöfen in Wemding und Wertingen sei man auf unscheinbare, wild wachsende Orchideen gestoßen.

Professor Lenz Meierott, der als „Motor“ der Flora-Erfassung in Bayern gilt, lobte die Arge-Mitglieder in Nordschwaben für ihr Engagement. Dieses sei vorbildhaft. Die Naturliebhaber in den Kreisen Donau-Ries und Dillingen lieferten aktuelle und verlässliche Daten. Das Buch sei modern und habe ein „ansprechendes Äußeres und Inneres.“ Viele Flächen im Freistaat seien aktuell noch nicht erforscht.

Meierott machte darauf aufmerksam, dass die Flora von Nordschwaben und Bayern nie vollendet sein werde. So stoße man noch immer regelmäßig auf noch unbekannte Arten. Meierott griff eine Löwenzahnart heraus, die 2014 an Wörnitz und Donau vereinzelt aufgetaucht sei. Ein Experte aus Tschechien habe festgestellt, dass diese Pflanze auch im Nordosten des Nachbarlands und in der Steiermark (Österreich) gesichtet worden sei. Einen Namen hat dieser Löwenzahn noch nicht: „Der muss erst noch beschrieben und bestimmt werden. Dann haben wir eine weitere Art.“

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