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DZ-Leseherbst

19.10.2020

Manfred Wiedemann: Die Villa in Blankenese

Um eine Villa in Blankenese geht es in der Geschichte von Manfred Wiedemann.
Bild: Buchecker

Plus Manfred Wiedemann erzählt in Folge 17 von einer kuriosen Vermieterin.

Der Rest meiner Dienstzeit bei der Marine war abgelaufen. Dazu musste ich für die letzten Tage in eine Kaserne, wo die Sache abgewickelt wurde. Der Spieß dort, der mich nicht kannte, fragte ganz erstaunt: „Was, Sie werden auch schon entlassen?“ – Ich war ja noch nicht einmal 20 Jahre alt, denn ich wurde ja schon mit 17 eingezogen.

Und dann wollte er wissen, warum ich immer noch Gefreiter sei. Ich erzählte ihm die Geschichte meiner Disziplinarstrafe und dass ich damals ein halbes Jahr Beförderungssperre bekommen hatte. Darauf meinte er, ich hätte dann doch vor einem halben Jahr befördert werden können. Ich erklärte ihm, ich legte darauf keinen gesteigerten Wert und ich würde um so etwas nicht betteln. Er befragte darauf die Stammdienststelle der Marine und kam freudig zu mir, um mir die mögliche sofortige Beförderung mitzuteilen. Auf meine Frage, ob dann auch der Mehrsold von acht Mark monatlich nachbezahlt würde, musste er das verneinen. Ich erklärte ihm darauf, ich würde auf die Beförderung verzichten. Und so kam es, dass ich wahrscheinlich der einzige Marinesoldat bin, der nach drei Jahren als Gefreiter entlassen wurde. Trotzdem war es eine schöne Zeit, die ich nicht missen möchte.

Nun aber suchte und fand ich Arbeit in Hamburg. Ich wohnte in St. Georg, ganz in der Nähe des Hauptbahnhofes. Meine Arbeitsstelle lag am Rande der Stadt in Großborstel. In der Zeitung hatte ich gelesen, dass es in Hamburg ein Abendgymnasium gab, das ich besuchen wollte; ich wollte ja vorwärts kommen. Deshalb meldete ich mich dort an und wurde gleich am ersten Abend leicht schockiert. Der freundliche Schulleiter begrüßte uns etwa 40 junge Leute mit den Worten: „Wenn zwei von euch das Abitur schaffen, so hat die Schule einen neuen Rekord zu verzeichnen.“

Würde es einer schaffen, so wäre das wieder einmal ein schöner Erfolg – würde es aber keiner zum Abi bringen, so sei das auch keine Überraschung. Auf diese Weise ermutigt, sahen wir uns gegenseitig an, und mein Banknachbar und ich waren sprachlos wie alle anderen auch. Wir beide verstanden uns von Anfang an recht gut und hatten uns auch bald angefreundet. Um die Sache etwas klarzustellen, muss ich hier erzählen, dass man die Schule nur besuchen durfte, wenn man ein Arbeitsverhältnis in Vollzeit nachweisen konnte, denn die Schule war kostenlos. Aber davon will ich nicht weitererzählen, außer, dass wir nach 14 Tagen nur noch zwölf Schüler waren.

Nun, ich sagte schon, dass ich mich mit meinem Banknachbarn angefreundet hatte und wir feststellten, dass wir beide nicht die ideale Wohnung besaßen und deshalb ständig nach einem anderen Zimmer suchten. Jeder versprach dem Freund, dass er, wenn er fündig geworden sei, es dem anderen sagen würde und womöglich sollte es eine gemeinsame Behausung sein.

Eines Tages kam Wilfried, so hieß mein Freund, freudestrahlend zum Unterricht und erzählte mir, er habe ein ganz tolles Zimmer gefunden. Leider sei es nicht möglich, dass wir beide dort wohnten. Natürlich wollte ich wissen, wo es denn diese Traumwohnung gebe, was sie kostete und wie der Vermieter so sei. Er erklärte mir, es handle sich um eine Villa im vornehmen Stadtteil Blankenese, sein Vermieter sei eine alte vornehme alleinstehende Witwe, und er müsse monatlich 40 Mark bezahlen.

Außerdem könne er praktisch alles im Hause nutzen. Das Wohnzimmer mit Fernseher, das Bad und auch eine kleine Bibliothek, die im Hause sei. Am Sonntag dürfe er auch mit der Dame des Hauses frühstücken, denn ihr ginge es nicht um Geld; sie wolle nur nicht immer allein in dem großen Haus sein. Nun, das hörte sich ja wie ein Lottogewinn an, und ich bekniete Wilfried, er solle doch ein gutes Wort für mich bei der Dame einlegen, das Haus sei doch groß genug und wenn zwei junge Männer im Hause wären, wäre sie doch noch weniger allein als mit einem. Das solle er ihr klarmachen. Das versprach er auch.

Leider war die Witwe nicht zu bewegen, einen zweiten „Zimmerherrn“, so hieß das damals, aufzunehmen, und ich musste mich neidvoll zufriedengeben.

Nach ein paar Wochen kam dann die Überraschung: Wilfried kam zum Unterricht und erklärte mir, er suche wieder ein Zimmer, er wäre über Nacht aus seiner Traumwohnung ausgezogen. Ich sagte ihm, dass ich an seinem Verstand zweifle, er müsste mir schon erklären, was vorgefallen sei. Er meinte, ich wisse doch, dass er alle Freiheiten in dem Hause habe, wozu auch die Benutzung des Badezimmers gehöre. Dieses Bad sei nicht abschließbar, was ihm die Frau von Anfang an gesagt habe. Er hätte sich nichts dabei gedacht. Doch dann geschah es: Nachdem er dieses Bad schon mehrfach benutzt habe, sei plötzlich die Tür aufgegangen und die Alte sei nackt, wie Gott sie schuf, hereingekommen. Und nun brauche er ein neues Zimmer.

Wir haben leider auch später keine gemeinsame Wohnung gefunden, und das Abendgymnasium haben wir nach einem halben Jahr auch beide aufgegeben. Als wir die Schule verließen, hatte die Klasse übrigens nur noch drei Schüler. Ob von denen noch einer das Abitur geschafft hat, ist mir nicht bekannt.

Zum Autor:

Manfred Wiedemann ist ein Autor aus Asbach-Bäumenheim.
Bild: Ulrike Eicher

  • Manfred Wiedemann, 1942 in Mertingen geboren, wohnt heute in Bäumenheim und schrieb schon im Alter von zwölf Jahren Gedichte.
  • Sein Vater meinte, der Bub solle lieber etwas arbeiten, als so einen „Schmarren“ zu schreiben. Damit war es mit dem Schreiben vorbei. Erst im Rentenalter begann er wieder damit. Inzwischen gibt es vier Bücher von ihm.

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