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Donauwörth

21.04.2015

Mit dem 11. April 1945 war alles anders

Glückliche Kinder: Wolfram Unger (mitte) mit seinem Bruder Bernhard (links) und seinem Cousin Elmar (rechts) 1943 im Garten seines Elternhauses.
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Glückliche Kinder: Wolfram Unger (mitte) mit seinem Bruder Bernhard (links) und seinem Cousin Elmar (rechts) 1943 im Garten seines Elternhauses.
Bild: Unger

Wolfram Unger erinnert sich an seine zunächst unbeschwerte Kindheit in Donauwörth - und wie sich mit dem ersten Bombenangriff plötzlich alles geändert hat.

Als die Bahnhofstraße noch Adolf-Hitler-Straße hieß und in den Gebäuden der Pädagogischen Stiftung Cassianeum ein Reservelazarett untergebracht war, wuchs Wolfram Unger in Donauwörth auf. Was er damals erlebt hat, erzählt der heute 77-Jährige im Gespräch mit unserer Zeitung:

Herr Unger, Sie wurden am 21. Februar 1938 in Donauwörth geboren. Wie haben Sie den Zweiten Weltkrieg und das Kriegsende erlebt?

Unger: Als der Krieg zu Ende ging, war ich sieben Jahre alt, deshalb habe ich vor allem an die Anfangszeit des Krieges nur noch wenig bewusste Erinnerungen. Ich habe aber viele verschiedene Quellen zur Geschichte meiner Familie gefunden und konnte diese so rekonstruieren. Wir haben damals in einer um 1900 gebauten Villa in der heutigen Bahnhofsstraße gewohnt und mein Vater war nur knapp neun Monate im Krieg, da er als Dentist für die zahnmedizinische Versorgung in Donauwörth unabkömmlich war. Insofern hatte ich bis Ende 1944 in Donauwörth eine unbeschwerte und frohe Kindheit – fast so als wäre 1939 kein Krieg ausgebrochen.

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Von den Sorgen anderer Kinder, deren Väter im Krieg waren, haben Sie nichts mitbekommen?

Unger Nein, ich war schließlich sehr jung und während des Krieges habe ich vor allem mit meinem Bruder Bernhard und meinem Cousin Elmar bei uns im großen, umzäunten Garten gespielt. Dennoch musste auch ich mit dramatischen Erlebnissen klar kommen. Etwa im Oktober 1941, als ich zum ersten Mal mit Kriegsschäden konfrontiert wurde.

Schon 1941? Donauwörth wurde doch erst 1945 bombardiert, oder?

Unger Das stimmt, aber eine gute Schulfreundin meiner Mutter lebte in Lauingen. Diese Stadt wurde schon 1941 von Bombern der britischen Royal Air Force angegriffen. Aus Sorge um ihre Freundin fuhren meine Eltern mit mir wenige Tage danach zu ihr und es war für mich sehr beklemmend, die Trümmer zu sehen und den Brandgeruch in der Nase zu haben. Diese schreckliche Erfahrung blieb mir lange in Erinnerung. Genauso wie der Tod meines Großvaters im Februar 1941. Ich hatte mit ihm das Grab meiner Oma besucht und auf dem Heimweg wurde ihm plötzlich sehr übel. Er bat ausgerechnet in der sogenannten Unglücksmühle in der Promenade um Einlass, um dort auf die Toilette zu gehen. Ich wartete draußen auf ihn, als auf einmal Sanitäter aus dem nahen Krankenhaus kamen und meinen leblosen Großvater aus dem Haus trugen. Später erfuhr ich, dass er an einem Herzschlag gestorben war.

Lassen Sie uns noch über das Ende des Krieges sprechen. Wie haben Sie das Jahr 1945 erlebt?

Unger Noch in den Wintermonaten gab es oft Fliegeralarm und wir verbrachten viele Stunden im Luftschutzkeller. Mein Bruder Bernhard war damals gerade vier Jahre alt und verschlief nachts oft die Warnsirene. Meine Mutter trug ihn dann schlafend in den Keller und bei der Entwarnung brachte sie ihn weiterschlafend ins Bett zurück. Bis April 1945 kam meine Familie nicht zu Schaden. Das änderte sich dann aber am 11. April, einem strahlend hellen, warmen Frühlingstag. Mittags heulten plötzlich die Sirenen und kurz darauf konnten wir schon die ersten Bombeneinschläge hören. Wir eilten in den Luftschutzraum unseres Kellers und weniger später knallte es fürchterlich, Boden und Wände schwankten und alles drohte über uns einzustürzen. Im Nachhinein erfuhr ich, dass eine Sprengbombe zehn Meter neben unserem Haus eingeschlagen hatte und wir nur mit viel Glück überlebt hatten.

Allerdings war unser Haus stark einsturzgefährdet und deshalb brachten meine Eltern uns noch am selben Abend nach Kesselostheim. Dort verbrachten mein Bruder und ich dann den Sommer 1945.

Von dem zweiten Luftangriff am 19. April und dem Kampf um Donauwörth am 25. April haben Sie also nichts mitbekommen?

Unger Nein, ich blieb nach dem 11. April vom Krieg verschont. Wenn ich heute an den Sommer 1945 denke, erinnere ich mich an unbeschwerte Sommertage auf dem Land. Anders haben meine Eltern die Zeit erlebt, die versuchten, ihr Haus zu sichern und erneut bewohnbar zu machen. Für sie war es eine Zeit der Gefahr und Entbehrungen. Ich selbst bin dagegen erst im Herbst wieder nach Donauwörth zurückgekommen und besuchte dann eine Behelfsvolksschule, in der wir mittags amerikanische Schulspeisung bekamen. Überhaupt habe ich an die US-Soldaten nur positive Erinnerungen und auch heute empfinde ich noch große Dankbarkeit für die Vereinigten Staaten von Amerika.Interview: David Reitsam

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