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Donauwörth/Dillingen

02.12.2019

Müllberge in der Region wachsen weiter

Was kann wie recycelt werden? Was geht in die Verbrennung? Zwei wichtige Fragen unserer Zeit, so scheint es. Ein Sperrmüll-Container auf dem Gelände der AWV-Deponie Binsberg.
Bild: Manuel Wenzel

Plus AWV-Werkleiter Gerhard Wiedemann blickt auf steigende Zahlen in den Kreisen Donau-Ries und Dillingen. Welche Lösungen für das Abfallproblem denkbar wären.

Es war mit das Schlimmste, was Gerhard Wiedemann je zu Gesicht bekommen hat: Ein See voller Gift – dazu, auf 200 Hektar, Müll, nichts als Müll. Völlig ungesichert, einfach so in der Landschaft. Irgendwie hat ihm das wieder gezeigt, welch verantwortungsvollen Beruf er ergriffen hat. Wiedemann ist Werkleiter des Abfallwirtschaftsverband Nordschwaben. Die aktuelle Debatte um die Berge an Kunststoffmüll findet er zwar sehr wichtig – er blickt allerdings realistisch auf die Fakten. Und die besagen: Die Menge an Müll wächst trotz aller Warnungen vor einem Zuviel an Abfall. In der Region zeigt die Kurve insgesamt nach oben. Dafür gibt es handfeste Gründe.

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Umweltbewusstsein nimmt zu, der Müll aber auch

Die drastischen Bilder, die sich bei Gerhard Wiedemann nach der Wende auf dem Gebiet der ehemaligen DDR im „Volkseigenen Betrieb (VEB) Deponie Schönberg“ eingebrannt haben, sind zwar Vergangenheit. Doch Wiedemann macht sich nichts vor: Auch wenn das Umweltbewusstsein in den vergangenen 30 Jahren gewachsen ist – der Müll wird mehr. Und irgendwie scheint jede Generation ihre Aufgaben damit zu haben. „Früher ging es um die Verhinderung des ozon-schädlichen FCKW – heute sind es die Herausforderungen mit den Kunststoffabfällen“, erklärt Wiedemann. Der AWV-Werkleiter macht sich indessen nichts vor: Wohin genau der Inhalt der in den Landkreisen Donau-Ries und Dillingen gesammelte Kunststoffmüll hingeht, könne er nicht zweifelsfrei sagen. Das hat nichts mit Nachlässigkeit des AWV zu tun, sondern vielmehr, wie Wiedemann betont, mit einer falsch angelegten Politik: Während bei Elektromüll eine Stiftung die Wege des Abfalls wie bei einer dichten Lieferkette überwacht, kämpfen in Sachen Gelber Sack konkurrierende Privatunternehmen um die Verwertung des Abfalls. Die suchten sich nun mal „den billigsten Weg“. So könne nicht ausgeschlossen werden, ob nicht auch Plastikmüll aus der Region in Abnehmerländer etwa in Asien gekarrt wird. Die Europäische Union habe diese Politik letztlich so gewollt. Begründung: Der Wettbewerb müsse gewährleistet sein.

Über diese Politik, die sowohl in Brüssel als auch in Berlin aus seiner Sicht falsch angesetzt worden war, kann der AWV-Mann aus Norschwaben, der schon in Jordanien an Entsorgungskonzepten tüftelte, nur den Kopf schütteln. Jene liberale Politik bringe im Bereich der Abfallwirtschaft nichts. Leider gehe es da nur mit Ge- und Verboten: „Sonst suchen sich die Firmen eben weiterhin den billigsten Weg.“

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„Abfall ist ein wichtiger Energieträger“

Dennoch wagt Wiedemann eine ungefähre Berechnung darüber, was mit dem Kunststoffmüll aus der Region geschieht: Demnach werden schätzungsweise zwei Drittel verbrannt und circa ein Drittel recycelt. Hierzu betont der Fachmann, der auch seine Diplomarbeit über Abfall-Kreislaufsysteme geschrieben hat: „Es ist nicht „böse“ oder per se schlecht, Abfall zu verbrennen. Der Abfall ist ein wichtiger Energieträger.“ Man solle sich von den extremen Schwarz-weiß-Bildern verabschieden. Und: Hierzulande belüge man sich all zu oft selbst.

Deutschland bräuchte dringend Verbrennungsanlagen, beispielsweise für Klärschlamm oder Biomasse. Doch kaum werde irgendwo eine Entsorgungsanlage auch nur skizziert, liefen die ersten Bürgerinitiativen Sturm. Und so wandere der Müll um den Planeten, bis er dort landet, wo man ihn für die wenigsten Euros los wird.

Moderater Anstieg beim Gelben Sack

Bislang haben die Warnungen vor den Kunststoffmüllmengen aber nur wenig Wirkung gezeigt, zeigt Wiedemann statistisch auf: Für die Kreise Donau-Ries und Dillingen fielen 2010 gut 5176 Tonnen Abfall über die Gelben Säcke an, 2012 waren es 5713 Tonnen, zuletzt (2018) ging die Menge leicht zurück auf 5574 Tonnen – wobei die jedoch die Haus- und Sperrmüllmenge von 32000 Tonnen im Jahr 2010 auf 37567 Tonnen im Jahr 2018 stieg. Fairerweise gehört zur Vollständigkeit dazu, dass die Einwohnerzahl für beide Landkreise um 7000 Personen auf knapp 230000 anwuchs.

Was für Wiedemann derzeit problematischer ist, das sind große Mengen an Bauabfällen, die ganz unterschiedliche Schadstoffklassen aufweisen. Für die Reduzierung des Kunststoffmülls und des mehr als bedenklichen globalen Handelns damit, sieht Wiedemann nur robuste gesetzgeberische Maßnahmen als erfolgversprechend: Ein Abfallexportverbot für Kunststoffmüll sowie einen Ausbau der hiesigen Entsorgungs-, Verwertungs- und Verbrennungsanlagen. Hier müssten letztlich viele Seiten mitziehen: zuvorderst die Politik, ebenso die Wirtschaft sowie in der Konsequenz auch die Bürger, die die entsprechenden Anlagen nicht nach dem Floriansprinzip verbannen dürften. Ganz schwarz mag Wiedemann nicht in die Zukunft blicken. Die eingangs erwähnten Gift-Seen gibt es so hierzulande nicht mehr. Ein Hoffnungsschimmer.

Wie Redakteur Thomas Hilgendorf die Abfall-Debatte sieht, lesen Sie hier: Müll: Lernen durch Katastrophen?

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