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Harburg

07.08.2020

Nach Corona-Infektionen: Was das Harburger Heim lernen kann

Die Teilnehmer der Gesprächsrunde mit Ulrich Lilie, dem Präsidenten der Diakonie Deutschland, stehen vor dem Ellen-Märker-Haus der Diakonie Harburg.
Bild: Hlawon

Plus Der Präsident der Diakonie Deutschland besucht Pflegeheime, die vom Virus arg betroffen waren. In Harburg schildern ihm die Verantwortlichen die harten Wochen.

„Was war besonders belastend für Sie? Wie sehen Sie uns vorbereitet? Was ist hilfreich, was erschwerend? Was nehmen wir nach Berlin mit?“ Diese Fragen hat Ulrich Lilie, der Präsident der Diakonie Deutschland (mit Sitz in Berlin), einer kleinen, aber kompetenten Gesprächsrunde in der Diakonie Harburg gestellt. Lilie befindet sich auf einer Sommerreise durch Deutschland, die ganz im Zeichen der Corona-Pandemie steht. Derzeit führt sie ihn zu Pflegeheimen mit diakonischen Trägern, die besonders von Covid-19 betroffen waren.

Nach Stationen in Freiburg und Mariaberg bei Sigmaringen besuchte er nun Harburg. Begleitet wurde er von Sigurd Rink, dem künftigen Büroleiter des Präsidiums und Matthias Sobolewski aus der Kommunikationsabteilung der Diakonie Deutschland.

Ulrich Lilie spricht den Pflegenden großen Respekt aus

Nach der Begrüßung durch Gertrud Beck, Vorsitzende des Diakonievereins Harburg, und Michael Kupke, Leiter des Diakonie-Pflegeheims (Ellen-Märker-Haus), stellten diese sowohl das alte als auch das 2011 fertiggestellte neue Haus vor, wegen der momentanen Besuchs- und Hygieneregelungen aber nur bei einem kurzen Gang über die Außenanlagen. Ebenfalls von außen wurde ein Blick auf eine der vier Wohngruppen geworfen sowie das damit verbundene Pflegekonzept erläutert.

Nach Corona-Infektionen: Was das Harburger Heim lernen kann

Anschließend setzte man sich im Café-Raum des alten Diakonie-Gebäudes, das jetzt die Sozialstation beherbergt, zu einer Gesprächsrunde zusammen. Lilie sprach den Pflegenden seinen großen Respekt vor ihrer Leistung aus. „Ziel unserer Reise ist es, ihre Erfahrungen kennenzulernen.“ Die eindrückliche Schilderung der Wochen, in denen die Diakonie Harburg von der Corona-Epidemie voll getroffen wurde, löste auch Betroffenheit aus. Die unerwartete Situation, auf die man in dieser Form nicht vorbereitet war, führte alle an der Pflege Beteiligten an ihre körperlichen und seelischen Grenzen.

Die Bewohner waren einsam

Neben den zahlreichen Infektionen unter Heimbewohnern und Personal sowie mehreren Todesfällen wurde die Vereinsamung der Heimbewohner als besonders belastend empfunden, welche die Quarantäne erzwang. Aber auch Anfeindungen, auf die der mobile Sozialdienst bei Teilen der Bevölkerung stieß, schockierten. Was soll besser werden – vor allem um diese Frage ging es im Gespräch. Gewünscht wurden für die Zukunft eine bessere Zusammenarbeit mit Gesundheitsamt und Landratsamt sowie mehr Vorbereitung auf allen Ebenen vom Kreis bis hinauf zum Bund, etwa in der Vorratsbildung bei Schutzausrüstung und Desinfektionsmitteln.

Artikuliert wurde auch der Wunsch nach zuverlässiger Absicherung vor den finanziellen Folgen der Seuche, da es zu Einnahmeausfällen durch die zeitweise Nichtauslastung des Heims sowie fehlende Klienten beim Sozialdienst gekommen war. „Wie kommt man selbst wieder in die seelische Balance?“, fragte Lilie. Hilfreich waren Gesprächsrunden, gegenseitige Bestärkung, Notfallseelsorge und der Zuspruch von außen durch Angehörige der Heimbewohner.

Plätze schnell wiederbelegen

Am besten aber halfen, so Michael Kupke, die schnelle und volle Wiederbelegung des Heims mit 48 Bewohnern und die Auslastung des Sozialdienstes mit 160 Klienten, nachdem die Diakonie wieder „coronafrei“ war: „Ich könnte momentan jede Woche 20 Neuaufnahmen vornehmen, wenn wir Platz hätten und das nötige Personal finden würden.“ Dies sei ein Beweis, dass die Qualität der Pflege anerkannt sei.

Es gab auch materielle Unterstützung durch Spenden. Die Gesprächsrunde setzte sich ferner mit den „großen Themen“ der Pflege auseinander: Die öffentliche Anerkennung als „Helden der Pflege“ und steuerfreie Einmalprämien seien keine Hilfe, Pflegepersonal zu finden und zu halten, wenn das tarifmäßige Einkommen gravierend unter dem vergleichbarer Jobs in der Wirtschaft liege.

Diakonie-Präsident will notwendige Reform vorantreiben

Präsident Ulrich Lilie versprach, auf Bundesebene die dringend notwendige Reform der Pflegeversicherung voranzutreiben, für eine Wertschätzung der Pflegeberufe zu kämpfen, die sich effektiv im Verdienst niederschlage, und sich für eine Stärkung der am Gemeinwohl orientierten Pflegeträger einzusetzen. Er schloss den Gedankenaustausch mit dem Ausdruck seiner tiefen Wertschätzung und dem Rat, sich gegenseitig mit Anerkennung und Empathie im harten Pflegealltag zu stärken.

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