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Zeitzeugen

25.04.2015

Nur Vater und Sohn haben überlebt

Alois Müller, 87, erlebte als 17-Jähriger das Kriegsende in Oberndorf. Heute ist er Leiter des Heimatmuseums.
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Alois Müller, 87, erlebte als 17-Jähriger das Kriegsende in Oberndorf. Heute ist er Leiter des Heimatmuseums.

Alois Müller und Josef Schäfstoß erinnern sich an die letzten Kriegstage in Oberndorf

Im April 1945 neigte sich der Zweite Weltkrieg dem Ende zu und damit hielten die Schrecken und das Leid des Krieges auch in Oberndorf Einzug. Zwei Oberndorfer berichten von den damaligen Ereignissen: Alois Müller, heute 87 Jahre alt, bewirtschaftete damals mit 17 Jahren den elterlichen Hof alleine, nachdem seine beiden Brüder im Krieg gefallen beziehungsweise vermisst waren. Josef Schäfstoß, damals zwei Jahre alt, verlor in den letzten Kriegstagen, beinahe seine ganze Familie.

Wie haben Sie die Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner erlebt?

Natürlich hatten wir von den schweren Bombenangriffen auf Bäumenheim und Donauwörth gehört. Ich selbst habe die vollkommen zerstörte Innenstadt von Donauwörth gesehen, als ich für meine bei uns einquartierte Schwägerin Wäsche aus ihrem Haus in der Kapellstraße holen sollte. Allerdings war das Haus nur noch Schutt und Asche. Umso größer war unsere Angst vor dem Einmarsch der Amerikaner. Ich musste zwei Tage vor dem Einmarsch auf Befehl eines Wehrmachtsoffiziers mit einem Pferdegespann Panzerfäuste nach Donauwörth bringen. Als ich wegen eines Bombentrichters bei Bäumenheim nicht weiterfahren konnte, tobte der Offizier und sprach von Sabotage. Auf Umwegen und vorbei an sogenannten „Verrätern“, die an den Bäumen aufgehängt waren und Schilder um den Hals trugen, kam ich nach Donauwörth, wo ich beim Gasthof Grüner Baum anhalten sollte. Nach einer halben Stunde kam ein Krad-Melder und sagte, dass die Amerikaner bereits vor der Stadt stünden. Wir haben dann die Kisten mit den Panzerfäusten einfach vom Wagen geworfen und ich fuhr im Trab nach Hause.

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Gab es im Ort irgendwelche Maßnahmen, um den Einmarsch der Amerikaner zu verhindern?

Vor dem Anrücken der Amerikaner wurden alle Bewohner dazu verpflichtet, beim Bau von Panzersperren mitzuarbeiten. Eine wurde an der Straße nach Rain zwischen den Anwesen von Stefan Schmid und Kavalier errichtet. Dazu wurde das Holz im Wald von Hand umgesägt, auf die benötigte Länge geschnitten und dann mit Pferdefuhrwerken zur Sperre gebracht. In der Mitte blieb ein kleiner Durchgang frei, der beim Einrücken der Amerikaner durch die große Dreschmaschine der Raiffeisenbank geschlossen werden sollte. Gott sei Dank wurde die Dreschmaschine aber zu diesem Zweck nicht mehr benutzt und so konnten wir sie für die nächste Ernte nach dem Krieg wieder einsetzen.

Wie verlief der letzte Kriegstag in Oberndorf dann konkret?

Am 25. April 1945 überflog gegen Abend ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug Oberndorf, um auszukundschaften, ob sich deutsche Soldaten im Ort befänden. Nach kurzer Zeit gingen schon die Granaten nieder. Das erste Opfer dieser Angriffe war Josepha Utz, die wegen der Kriegsgefahr aus Donauwörth vorübergehend nach Oberndorf gezogen war. Eine Granate schlug in den Stadel der Familie Sporer ein und verletzte Frau Utz so schwer, dass sie am nächsten Morgen starb. Wegen der gefährlichen Lage konnte nämlich kein Arzt mehr verständigt werden. Am Abend und in der Nacht des 25. wurde vor allem der Fuggerwald mit Störfeuer belegt, da die Amerikaner dort versteckte deutsche Truppen vermuteten. Die Nacht war etwas ruhiger. Die Einwohner hielten sich überwiegend in Kellern, selbst gebauten Bunkern und Splittergräben auf. Am Morgen machten wir dann die nötigsten Stallarbeiten, alles natürlich in größter Angst, was weiter geschehen werde.

Damit kommen wir zum Schicksal der Familie Schäfstoß.

Natürlich habe ich die Ereignisse nicht bewusst miterlebt, aber mein Vater hat mir später alles genau erzählt: Eine Granate streifte in den Mittagsstunden des 26. April 1945 den Giebel des Austragshauses der Familie Kränzler im Römerweg und fiel danach in den Keller unseres Hauses, wo sie auf der Stelle detonierte. In diesen Kellerraum hatte sich die gesamte Familie mit Ausnahme meines Vaters geflüchtet: Dies wurde ihr nun zum Verhängnis. Meine 80-jährige Großmutter sowie meine Geschwister Hedwig, 11, Maria, 10, Hildegard, 9, und Xaver, 7, waren sofort tot. Meine Mutter Hedwig sowie ich selbst überlebten den Angriff. Mein Vater befand sich zum Zeitpunkt der Explosion gerade in einem auf der Südseite gelegenen Wohnraum des Hauses. Als er, durch den lauten Knall alarmiert, in den Keller stürzte, bot sich ihm ein Bild des Grauens. Er brachte meine Mutter und mich ins Freie und holte Hilfe. Wir wurden dann im Keller des Anwesens Kühling von Ludwig Schweiger notdürftig versorgt.

Müller: Mein Bruder Ludwig Schweiger kam und informierte uns darüber, dass bei Schäfstoß eine Granate eingeschlagen habe und fast die ganze Familie umgekommen sei. Vor lauter Verzweiflung hatte ich die Idee, am Kirchturm eine weiße Fahne anzubringen. Mit einer Korngabel und einem Bettlaken ausgerüstet, lief ich mit meinem Bruder zur Kirche. Dort waren bereits sehr viele Menschen, die im Kirchturm Schutz suchten. Oben im Turm saßen SS-Soldaten, die uns das Anbringen der weißen Fahne verweigerten. Bürgermeister Michael Leidel, der die Soldaten zur Aufgabe überreden wollte, drohten sie die standrechtliche Erschießung an, wenn er die weiße Fahne hissen sollte. So sind wir unverrichteter Dinge wieder abgezogen. Die amerikanischen Truppen rückten nun von Eggelstetten Richtung Oberndorf vor, wobei sie von der SS vom Kirchturm aus beschossen wurden.

Schäfstoß: Während ich selbst wie durch ein Wunder beinahe unverletzt blieb, war meine Mutter durch einen Granatsplitter am Bein schwer verwundet. Nach dem Einmarsch der Amerikaner wurde die Schwerverletzte von GIs ins Krankenhaus nach Monheim gebracht. Trotz der Amputation des Fußes verstarb sie dort am 9. Mai 1945.

Ich selbst habe noch heute eine Narbe am rechten Bein. Noch Wochen nach dem Unglück schälte sich die Haut von meinem Körper. Ich wurde in gewissen Abständen zu amerikanischen Ärzten gebracht und versorgt.

Kam es zu weiteren Schäden im Dorf?

Müller: Zahlreiche Phosphorgranaten richteten im Ort größten Schaden an. In kurzer Zeit brannten sieben Anwesen. Außerdem erlitten zahlreiche weitere Häuser teilweise schwere Schäden durch Artilleriebeschuss. Als ich den großen Brand beim Anwesen Dambauer sah, bin ich sofort umgekehrt, um die Kirchenglocken zu läuten. Es verging aber einige Zeit, bis sich ein paar Feuerwehrmänner am Feuerwehrhaus einfanden. Die Löscharbeiten gestalteten sich äußerst schwierig, da es gleichzeitig an vielen Stellen brannte. Außerdem war unser Schlauchmaterial in sehr schlechtem Zustand, da es bei Löscheinsätzen in Augsburg, München und Ulm sehr beansprucht worden war. Unser Hauptziel war es jedoch, die eingeschlossenen Tiere sowie einiges Hab und Gut zu retten.

Beim Anwesen Keppeler versuchten wir noch vergeblich, den neuen Holzfuß des Hausherrn aus dem Schlafzimmer zu retten, aber die Flammen waren schon zu groß. Während der Löscharbeiten dort hörten wir plötzlich das Rattern von Fahrzeugen und Männerstimmen: Es kamen schließlich rund 100 amerikanische GIs mit dem Gewehr im Anschlag durch das Kirchengässchen. Wir waren natürlich völlig erschrocken, als wir die schwarzen Soldaten sahen, aber sie liefen einfach an uns vorbei und lachten. Später war wieder ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug zu sehen, das das Gelände nach SS-Soldaten absuchte. Die SS hatte jedoch das Dorf still und heimlich durch den Wald verlassen. Damit war in Oberndorf der Zweite Weltkrieg zu Ende.

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