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Donauwörth 

16.04.2019

Patres von Heilig Kreuz sollen Schüler in Internat geschlagen haben

Im Klostergebäude Heilig Kreuz war bis 2016 die Knabenrealschule mit Internat untergebracht. 
Bild: Alexander Millauer

Mehrere ehemalige Schüler berichten von Schlägen und psychischer Gewalt. Der heutige Vorsitzende der Stiftung Cassianeum spricht von „pädagogischen Fehlern“. 

Erneut ist Heilig Kreuz in den Schlagzeilen. Dieses Mal geht es nicht um Missbrauchsvorwürfe im ehemaligen Kinderheim?. Dieses Mal richtet sich der Fokus auf die einstige Schule, die im Kloster untergebracht war. Wie der Bayerische Rundfunk berichtet, haben sich ehemalige Schüler gemeldet, die von Missständen in den 90er Jahren erzählen. Vor allem zwei Patres sollen ihnen Gewalt angetan haben. Aber auch weltliche Erzieher hätten den Kindern nicht geholfen. Kopfnüsse, Ohrfeigen, Schläge mit dem Schlüsselbund oder mit dem Holzpantoffel seien an der Tagesordnung gewesen.

Das Donauwörther Heilig Kreuz Internat ist seit 2016 geschlossen. Geleitet wurde es bis zu seiner Schließung von den Herz-Jesu-Missionaren. Der in Salzburg lebende Provinzial Andreas Steiner zeigt sich angesichts der im Raum stehenden Vorwürfe betroffen. „Wenn solche Dinge geschehen sind und uns zugetragen werden, werden wird diese extern aufarbeiten“, versichert er gegenüber der DZ. Er kenne die Schilderungen nur aus den Medien, ein direkter Kontakt zu den Betroffenen sei bisher nicht hergestellt. Er bittet Betroffene sich an die unabhängigen Ombudsstellen der Deutschen Bistümer zu wenden. Mit diesen würden die Herz-Jesu-Brüder gemäß den Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz zusammenarbeiteten.

Ehemalige Schüler wenden sich an die Redaktion

Unterdessen haben sich auch bei der Donauwörther Zeitung ehemalige Heilig-Kreuz-Schüler, die von schlimmen Erlebnissen berichten. Einer von ihnen, der selbst zwar nicht körperlich gezüchtigt wurde, sich aber seelisch und vor allem „intellektuell vergewaltigt“ fühlt, ist der heute 67-jährige Walter R. aus Donauwörth (Namen aller Betroffenen von der Redaktion geändert). Seine Schulzeit dort war in den 60ern, liegt also Jahrzehnte zurück. Und dennoch trägt er bis heute Erinnerungen voller Bitterkeit, ja Wut mit sich. Er spricht von autoritären Methoden voll psychischer und teilweise physischer Gewalt des damaligen Schulleiters und einiger Lehrer. Selbst wenn Erziehung damals generell, nicht nur in Heilig Kreuz, nach anderen pädagogischen Richtlinien funktioniert habe als heute, seien diese Methoden völlig überzogen gewesen.

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„Ich war der einzige evangelische Schüler in meiner Klasse“, erinnert er sich. „Als ich zwölf Jahre alt war, musste ich jede Woche einen Aufsatz über gutes Benehmen schreiben. Ein Jahr lang wurde ich regelmäßig vom damaligen Schulleiter und Klassenlehrer dazu aufgerufen. Meine Mitschüler haben sich kaputt gelacht. Er hat mich ganz bewusst immer wieder vor allen gedemütigt. Und er hatte eine Art, nach außen hin sanft aufzutreten, aber ganz raffiniert psychische Gewalt auszuüben.“

Walter R.: „Der Musiklehrer hat Schüler mit höchster Gewalt geschlagen“

Sechs Jahre lang besuchte Walter R. die Schule Heilig Kreuz und hat dabei mitbekommen, dass Lehrer handgreiflich geworden sind. Zwar nicht am eigenen Leib, aber er wurde Augenzeuge, wie es anderen erging. „Unser Musiklehrer hatte Hände wie Klodeckel“, schildert er. „Er war 1,90 Meter groß und 120 Kilo schwer. Der hat vor meinen Augen andere Schüler mit höchster Gewalt geschlagen. Entweder mit der blanken Hand oder mit dem Lineal – wohin er gerade getroffen hat“. Schon beim geringsten Fehlverhalten habe der Lehrer zugeschlagen wie ein Verrückter. „Wir musste vorsingen, Manche sind einfach nicht musikalisch. Wer minimal daneben lag, der hat Ohrfeigen bekommen, dass ich mich gewundert hab, dass der Kopf oben geblieben ist.“ Den Schulleiter selbst habe er ausschließlich seelisch grausam erlebt, nie körperlich. „Aber er muss von alldem gewusst haben. Er ist nicht eingeschritten.“

Haben die Eltern nichts geahnt? Haben sie das Ganze nicht unterbunden? „Meistens haben sich die Kinder wohl nicht getraut, daheim etwas zu erzählern“, mutmaßt Walter R.. „Und es war ja damals Alltagsgeschehen, zu züchtigen – nach dem Motto: Ein paar Ohrfeigen können ja nicht schaden. Weder Eltern, noch Schüler hätten damals eine Chance gehabt.“

Seelische Grausamkeiten haben den Bruder fertig gemacht

Walter R. spricht auch für seinen vor zwei Jahren verstorbenen, fünf Jahre älteren Bruder, der ebenfalls in Heilig Kreuz zur Schule gegangen ist. „Die seelischen Grausamkeiten an ihm waren so groß, dass sich mein Bruder am Bahnhof vor Angst in die Toiletten eingeschlossen hat, um nicht in den Unterricht gehen zu müssen. Unsere Eltern mussten ihn letztlich von der Schule nehmen, denn er war nicht mehr in der Lage, irgend etwas zu lernen.“ Walter R. ist überzeugt: „Das war pure Willkür, vor allem von seinem damaligen Deutschlehrer, der ihn unter anderem 200 Mal einen blöden Satz hat schreiben lassen. Damals ist die schulische Laufbahn meines Bruders zerstört worden. Er hat ein Leben lang darunter gelitten.“

Peter Kosak, Vorsitzender der Pädagogischen Stiftung Cassianeum, der auch mit der Aufarbeitung der Missbrauchs-Vorfälle in den 60er/70er Jahren im Kinderheim Heilig Kreuz betraut ist, kennt die Geschichte von Walter R. und nimmt sie sehr ernst. Er hat sich mit ihm getroffen und hat folgenden Eindruck: „Das Kernproblem ist, dass mit solcher schwarzen Pädagogik Chancen und Potenziale von Menschen nicht genutzt und nicht gefördert worden sind. Auf diese Weise sind Lebenswege verhindert worden. An dieser Schule sind ganz sicher pädagogische Fehler gemacht worden.“ Diese Form von Pädagogik, bei der ein Lehrer einzelne Schüler auf dem Kieker hat, nennt Kosak „verwerflich“. So etwas gehe für einen Pädagogen absolut nicht. Bei einer derartigen harten Gangart seien sensible Kinder innerlich angebrochen.

Cassianeums-Vorsitzender: „Es sind pädagogische Fehler gemacht worden“

Allerdings sieht der Cassianeums-Vorsitzende in den schlimmen Erfahrungen, die Walter R. selbst gemacht hat, kein justiziables Verhalten. „Ich wüsste nicht, wo man da ansetzen soll, da bei ihm persönlich, wie er sagt, ja nie körperliche Gewalt im Spiel war.“ Von konkreten Vorfällen geschlagener Schüler war ihm zum Zeitpunkt des Gesprächs mit unserer Zeitung – namentlich – nichts bekannt.

Ähnlich verhält es sich im Fall zweier weiterer Brüder, ebenfalls aus Donauwörth. Alex W. ist heute 39 Jahre alt, Kurt W. ist 42. Sie sind beide um das Jahr 1988 in Schule und Tagesheim Heilig Kreuz gekommen. Sie erinnern sich, dass der damalige Schulleiter – derselbe den auch Walter R. erlebt hat – „Schüler vor der ganzen Klasse gerne an den Haaren über den Ohren gezogen hat. Das hat er immer gemacht, wenn einer Mist gebaut hat. Er war deswegen gefürchtet. Das hat er mit allen so gemacht.“ Zudem habe er bei allen möglichen Anlässen „verbal draufgehauen und auch schlechte Noten verteilt.“ An einen Erdkundelehrer erinnern sie sich zudem, der bei jedem Mucks sofort zwei Seiten Strafarbeit habe abschreiben lassen. Ein Mathelehrer hätte ihren Nachnamen zur Steigerung in den Superlativ verwendet: Dumm, dümmer, ... . „Ein Lehrer im Fach Rechnungswesen hat mich“, so Kurt, „systematisch zur Sau gemacht, dass ich nur noch geweint hab.“

Kinder hatten große Angst zur Schule zu gehen

Beide Brüder räumen selbstkritisch ein: „Wir waren mit Sicherheit keine einfachen Kinder. Aber irgendwann sind wir in einer Spirale angekommen, die uns nach unten gezogen hat. Die Angst vor den Lehrern hat bei uns Leistungsverweigerung ausgelöst.“

Kurt hatte solche Angst, zur Schule zu gehen, dass er nur zum Schein das Haus verließ, sich dann in der Stadt herumgetrieben und später heimlich ins Elternhaus geschlichen hat, um sich im Bettkasten zu verstecken. Auch er empfindet es wie Walter R.: „Der Schulleiter hat eine sehr subtile Art von Psychoterror ausgeübt.“

Einmal habe der Schulleiter einen großen Schlüsselbund nach Alex geworfen. „Der war wohl etwa ein halbes Kilo schwer, hat mich aber verfehlt.“ Ein anderes Mal hatte ein Stoß Folgen für Kurt: „Da hat mich der Schulleiter gegen die Wand geschubst, dass ich eine Beule am Hinterkopf hatte“, erinnert er sich.

Das Knie in den Oberschenkel gerammt

Oft haben die Brüder, wie sie erzählen, auch erlebt, wie es anderen ergangen ist: „Es gab immer wieder Eisbeine. Der Schulleiter hat den Schülern gern sein Knie in die Oberschenkel gerammt. Das war an der Tagesordnung.“

Die Verbal-Attacken haben die beiden Donauwörther jedoch auf lange Sicht mehr mitgenommen. „Da ist für mich ein Gefühl von Wertlosigkeit hängen geblieben“, schildert Alex. „Man wusste nie, wann die nächste kam. Der Schulleiter war ein Choleriker, das konnte aus heiterem Himmel passieren. Ich bin mir ganz sicher, dass es ganz viele verlorene Seelen gibt, die Heilig Kreuz damals mit psychischen Schäden verlassen haben.“

Unsere Zeitung hat auch beim früheren Schulleiter von Heilig Kreuz nachgefragt, um ihn Stellung zu all diesen Vorwürfen nehmen zu lassen. Er wollte sich allerdings nicht dazu äußern, sondern erst den Kontakt zu den früheren Schülern suchen. Um sich gegebenenfalls bei ihnen zu entschuldigen, wie er sagte.

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16.04.2019

Hallo, ihr Alle, die angeblich damals so schlecht behandelt wurdet ( jeder will nach so vielen Jahren, psychisch jetzt noch darunter leident (?!?!), Entschädigungen. Die so arg Geschädigten, die tun mir ach so leid. Mein Klassenlehrer in der Handelsschule Nördlingen hat meinen Kopf an die Tafel geschlagen, wenn ich was nicht wußte. Alle wussten, das dieser ein Choleriker war. Zu den Mädchen war er ja immer nett. Die er mochte, wurden mit Vornamen angesprochen. Mein Schädel hat den ganzen Tag gebrummt. Und das nicht nur einmal. Bekomme ich auch eine Entschädigung? Ach bin ich seelisch kaputt. Mein ganzes Leben wurde zerstört.
(edit/mod) Unter diesem habe ich sehr gelitten. Ich könnte jetzt noch mehr aufzählen. Nicht nur ich, sondern noch einige "Schüler" die er nicht besonders mochte.
Aus der Kirche bin ich ausgetreten, (edit/Ausdrucksweise/mod)

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16.04.2019

ja so sind sie nun mal die Angestellten der komischen Behörde in Rom !!! und da wundern sich die wenigen Verbliebenen das so viele aus dem Verein ausgetreten sind

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