1. Startseite
  2. Lokales (Donauwörth)
  3. Pfarrer macht Bub das Leben zur Hölle

07.10.2019

Pfarrer macht Bub das Leben zur Hölle

Copy%20of%20MMA_04645.tif
2 Bilder
Tatort des Missbrauchs war das ehemalige Pfarrhaus. Der Teddybär im Fenster zeigt, hier leben Kinder.

Missbrauch Peter W. war als Kind in Reitenbuch. Er wurde von einem Ruhestandsgeistlichen jahrelang vergewaltigt. Erst 40 Jahre später kann das Opfer offen darüber reden. Laut Diözese gab es wohl weitere Fälle

Fischach/Reitenbuch Die Erinnerungen verfolgen ihn bis heute. Keine Nacht vergeht, in der er vor 2 Uhr zum Schlafen kommt. Dann schreckt er auf, schweißgebadet. Da sind sie wieder, die Bilder seiner Kindheit. Er wird sie nicht mehr los. Nach 40 Jahren beschreibt er zum ersten Mal, was damals passiert ist: Er wurde von einem Pfarrer missbraucht und vergewaltigt.

Weiterlesen mit dem Plus+ Paket

Dieser Inhalt ist älter als 30 Tage und steht daher nur Abonnenten mit einem Plus+ Abo zur Verfügung.
Jetzt ab 0,99 € testen

Peter W. (Name geändert) ist heute 57 Jahre alt. Er lebt in der Region, will aber nicht erkannt werden. Über 40 Jahre danach quälen ihn immer noch Angst und Scham. Trotzdem will er darüber reden, was ihm in den 1970er-Jahren, als er im Kinderheim in Reitenbuch bei Fischach untergebracht war, zugestoßen ist. Peter W. hat seine Erinnerungen auch aufgeschrieben. 50 Jahre auf 20 Seiten. Der Titel seiner Kurzbiografie: „Mein kaputt gemachtes Leben.“

Peter war ein ruhiges Kind. Nach den Hausaufgaben durfte er mit den anderen aus dem Heim nach draußen zum Spielen. Peter kam meistens am einige Meter entfernten Haus des Pfarrers vorbei. Der Ruhestandsgeistliche spendierte eine Limo, die es im Heim damals nicht gab. Auch mit Schokolade und Bonbons baute er sich Vertrauen auf.

ecsImgBannerNewsletter250x370@2x-1315723864673274678.jpg

Nach einigen Begegnungen habe ihn der Geistliche im Frühjahr 1971 eingeladen, ins Haus zu kommen. Peter W. erinnert sich: „In seinem Arbeitszimmer setzte er sich hin und drückte mich. Er begann auch mich zu streicheln.“ Dem Buben kam das nicht komisch vor. Denn: „Das war an guten Tagen manchmal auch bei den Klosterschwestern so, was ich immer sehr schön und angenehm empfunden habe.“ Dann schlug der Pfarrer vor, dass Peter doch für ihn ministrieren könne. Der Bub sagte zu. Peter W. erinnert sich: „Ich fand Ministrieren toll. Es machte mir Spaß.“

Zur Vorbereitung hielt der Pfarrer „Übungsstunden“ ab. Doch die hatten nichts mit der Vorbereitung auf den Kirchendienst zu tun. Peter musste sich ausziehen, sich auf den Schoß des Pfarrers setzen und ihn streicheln. Der Bub, gerade einmal elf Jahre alt, begann zu weinen. „Er hat dann gesagt, ich müsste keine Angst haben, das sei nichts Schlimmes“, erinnert sich Peter W. Doch es wurde schlimmer. „Ich bin dann für mindestens eine halbe Stunde aufs Klo gegangen und habe nur noch geweint und zwanghaft meine Hände gewaschen. Es hat mich so gegraust.“ Einmal habe er sich vor Ekel erbrechen müssen. Der Pfarrer habe ihn dann geohrfeigt und ihm befohlen, das Erbrochene aufzuwischen.

Seinen Eltern konnte er sich nicht offenbaren. Peter hatte damals keinen Kontakt zu ihnen. Erst mit 31 Jahren sollte er zum ersten Mal seine Mutter treffen. Dafür berichtete Peter einer Schwester, die für seine Gruppe im Josefsheim verantwortlich war, vom Pfarrer und seinen Übergriffen. Sie habe ihn daraufhin geschlagen. Als Peter Wochen später wieder berichtete, was der Pfarrer macht, habe sie mit einem Handbesen auf sein nacktes Hinterteil eingedroschen. Was nicht sein darf, das könne nicht sein. Die Dillinger Franziskanerinnen hatten damals das Heim geleitet. 1999 gaben sie die Leitung ab.

Die Übergriffe wurden immer heftiger. Bis zu seinem 15. Geburtstag ging er durch die Hölle. Peter blutete, weinte, schrie – dann habe ihm der Pfarrer den Mund zugehalten. In der Schule wurde er zusehends schlechter. Dann wechselte er auf die neue Sonderschule in Dinkelscherben. Eine Lehrerin von damals erinnert sich an Peter. Sie beschreibt ihn als ruhig und aufmerksam. Von den Vergewaltigungen hätte sie nichts bemerkt. Dann hörte Peter mit dem Ministrieren auf. Mit 16 Jahren begann er eine Ausbildung. „Da hatte ich endlich Ruhe.“

Tatsächlich hatte er nur Abstand vom Ruhestandsgeistlichen. Denn mit der Arbeit verdrängte er das, was ihn innerlich aufwühlte. Und mit der Zeit zerfraß. Peter W. konnte keine normale Beziehung eingehen, hatte Angst vor körperlichen Kontakten. Sogar eine einfache Umarmung habe ihm zu schaffen gemacht. Die wenigen Beziehungen zu Frauen, die er aufbaute, gingen schnell wieder in die Brüche. „Ich dachte, dass ich beziehungsunfähig bin.“ Nachts kamen die Bilder wieder. Peter W. litt an Schlaflosigkeit und Albträumen. „Ich bildete mir ein, dass ich an allem schuld sei.“ Einmal wollte er auf einer Heimfahrt von einer Freundin sein Auto gegen einen Baum lenken. „Dann wäre alles vorbei gewesen.“

Peter W. stürzte sich in noch mehr Arbeit, um zu vergessen. Doch dann kam der Zusammenbruch. Mit 44 Jahren ein leichter Herzinfarkt, eine OP, dann Aufenthalte in zwei Kliniken. 2016 – nach über 40 Jahren – vertraute er sich einer Psychologin an. Peter W. offenbarte sich ihr. Er sagte, dass er sich schmutzig und schuldig fühle.

Weil er nach dem Infarkt nicht mehr voll arbeiten konnte, beantragte Peter W. eine Erwerbsminderungsrente. 2016 wurde er als schwerbehindert anerkannt. Mit 775 Euro im Monat muss er jetzt auskommen. Zieht er die Miete für seine kleine Wohnung ab, dann bleiben ihm unter dem Strich gerade einmal 300 Euro zum Leben. Er ist verzweifelt. „Was bleibt mir da anderes übrig, als mich zu Hause einzusperren?“ Kurz bevor die Geschäfte schließen, kauft er sich vergünstigtes Essen. Danach verkriecht er sich wieder in seiner Wohnung. Aus Scham. Und aus Angst, dass er im Alter völlig verarmt. In einem der vielen Gespräche vor der Veröffentlichung des Artikels sagte er: „Wenn ich heute sterbe, dann ist gar kein Geld für meine Beerdigung da.“

Peter W. hofft jetzt auf die Hilfe der Kirche. Er fordert, dass sie angemessen entschädigt und den Lohn ersetzt, der ihm in der Zeit zwischen seinem Infarkt und dem eigentlichen Rentenbeginn verloren gegangen ist. Mit 65 will er wieder eine vernünftige Rente beziehen. Außerdem möchte er, dass die Kirche die Kosten für eine Therapie übernimmt, falls die Krankenkasse einmal nicht mehr zahlen sollte.

Ober er dem Pfarrer von damals vergeben könnte? „Nein“, sagt Peter W. Er könne ihm auch nicht verzeihen. „Anfangs hätte ich ihn am liebsten umgebracht.“ Vor ein paar Jahren besuchte er mit einer früheren Erzieherin die Schwester, der er sich damals nach den Übergriffen im Heim offenbart hatte. Sie feierte ihren 80. Geburtstag im Kloster in Maria Medingen. Peter W. ging hin, weil er gehofft hatte, dass die Schwester ihn auf die Vorfälle anspricht. Sich vielleicht entschuldigt. Doch sie sagte nichts. "Kommentar

Serie Mit der Schilderung des Falls startet die Redaktion eine Themen-Reihe, die kommenden Dienstag fortgesetzt wird. Es geht um die Frage, warum Opfer so lange schweigen. Außerdem soll beleuchtet werden, wie die Kirche Opfern heute helfen will. Und: Wie sieht Prävention heute aus, welche Möglichkeiten haben Kinder in Heimen?

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren