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Gesundheitswesen

21.07.2017

Pflege: Teuer? Überlastet? Unattraktiv?

Ein Heimplatz kostet in der Regel zwischen 2200 und 4300 Euro. Oft lassen die Rahmenbedingungen nicht zu, dass das Personal den Bewohnern ausreichend Zeit widmet.
Bild: Julian Leitensdorfer

Teure Heimplätze? Überbelastetes Personal? Keine Zeit für die Bewohner? - Stimmen diese Klischees? Der Seniorenbeauftragte steht Rede und Antwort.

Landkreis Altenheime sind teuer, der Personalschlüssel ist viel zu niedrig, die Pflegekräfte sind in der Regel engagiert, aber überlastet und widrigen Arbeitsbedingungen ausgesetzt. Für die Bewohner bleibt kaum mehr Zeit. – So oder so ähnlich lauten gängige Vorstellungen, wie die Rahmenbedingungen in Seniorenheimen sind. Der Pflegegipfel in Nürnberg hat jüngst diese Situation thematisiert. Wir fragten im Landratsamt nach, wie die Verhältnisse im Donau-Ries sind. Der Seniorenbeauftragte der Behörde, Martin Kollmann, stand uns Rede und Antwort.

Wie sieht die Situation im Landkreis aus? Entspricht das Klischee der Wirklichkeit?

Kollmann: In stationären Einrichtungen der Pflege entstehen zirka Dreiviertel der Kosten für das Personal. Der Rest sind die Kosten für Unterkunft und Verpflegung sowie die Investitionskosten für das Gebäude. Dies ist im Donau-Ries so wie in anderen Landkreisen. Die Pflegeschlüssel der Einrichtungen im Landkreis Donau-Ries werden mit den Kostenträgern (Pflegekassen und Bezirk Schwaben) verhandelt und entsprechen weitestgehend den Empfehlungen der Landespflegesatzkommission. Eine Verbesserung der Pflegeschlüssel würde sich unmittelbar auf die Kosten auswirken.

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Die Einschätzung, dass die Pflegekräfte in der Regel engagiert ihre Arbeit erledigen teilen wir. Die Leistungen einer stationären Einrichtung sind in sogenannten Versorgungsverträgen zwischen der Einrichtung und den Kostenträgern festgelegt. Der Zeitdruck bei den Pflegekräften entsteht nach häufig dadurch, dass es einen Unterschied zwischen den vertraglich vereinbarten Leistungen und den Ansprüchen der Pflegekräfte an sich selbst gibt. Insbesondere im Bereich der zwischenmenschlichen Interaktion wollen die Pflegekräfte oft mehr leisten. Aus dem Gefühl, dem eigenen Anspruch nicht zu genügen, werden dann die Arbeitsbedingungen wahrgenommen.

Wie ist der Pflegeschlüssel in unseren Heimen?

Kollmann: Wie schon bei beschrieben, orientieren sich die Pflegeschlüssel an den Empfehlungen der Landespflegesatzkommission. Es gab in der Vergangenheit von Einrichtungen im Landkreis auch Versuche die Qualität zu steigern und bessere Schlüssel zu verhandeln. Dies auch unter dem Aspekt, dass die Konkurrenzfähigkeit der Einrichtung durch höhere Preise beeinträchtigt werden könnte. Die Kostenträger haben den verbesserten Schlüsseln jedoch nicht zugestimmt. Einen Überblick über die gesamte Situation haben wir nicht, da es keine Statistiken gibt, die die verschiedenen Tätigkeitsbereiche von Pflegekräften (ambulante Dienste, Pflegeeinrichtungen, Krankenhäuser, Arztpraxen ...) zusammenfassen.

Wie sieht es in puncto Nachwuchs in den Pflegeberufen im Kreis aus?

Kollmann: In den stationären Pflegeeinrichtungen gibt es große Bestrebungen, junge Menschen an Pflegeberufe heranzuführen. In den vergangenen Jahren wurde die Zahl der Ausbildungsplätze in allen Einrichtungen erhöht. Es gibt jedoch Berichte, dass Plätze wegen mangelnden Interesses oder auch fehlender Eignung der Bewerber nicht besetzt werden konnten.

Was kostet ein Heimplatz im Durchschnitt? Haben Sie einen Spitzenwert und einen niedrigen?

Kollmann: Seit 1. Januar 2017 sind die Zuzahlungen zu einem Heimplatz nicht mehr von der Pflegebedürftigkeit abhängig sondern es gibt einen sogenannten einrichtungseinheitlichen Eigenanteil (EEE). Dieser wird in der Vergütungsvereinbarung mit den Kostenträgern zusammen mit den Personalschlüsseln und den Pflegesätzen verhandelt. Die Zuzahlungen liegen zwischen 500 und 1000 Euro im Monat. Die Gesamtkosten für einen Platz im Pflegeheim liegen zwischen etwa 2200 Euro (günstigste Einrichtung – Pflegegrad 1 – Doppelzimmer) und rund 4300 (teuerste Einrichtung – Pflegegrad 5 – Einzelzimmer).

Welche Prognosen lässt die demografische Entwicklung der Bevölkerung zu?

Kollmann: Im Rahmen des Seniorenpolitischen Gesamtkonzepts wurde letztmalig 2015 die Pflegebedarfsprognose für den Landkreis fortgeschrieben. Aktuell gibt es eine Datenerhebung bei ambulanten und stationären Einrichtungen der Altenhilfe, um die Aussagen der Prognose zu prüfen. Die erfreulicherweise steigende Lebenserwartung der Bevölkerung lässt jedoch erwarten, dass die Anzahl an pflegebedürftigen Menschen steigen wird. Wie diese Pflege geleistet wird hängt stark von den Rahmenbedingungen ab. Sowohl das Seniorenpolitische Gesamtkonzept, als auch die Pflegestärkungsgesetze 1 bis 3 des Bundes haben den Fokus „ambulant vor stationär“.

Die Alternativen zum Heim sind häusliche Pflege durch Angehörige oder die 24-Stunden-Betreuung durch eine ausländische Kraft. Wo liegen da die Vor- und Nachteile?

Kollmann: Den Menschen soll ein möglichst langes Verbleiben im gewohnten häuslichen Umfeld ermöglicht werden. Die Pflege in einer stationären Einrichtung soll eine Alternative bei großer Pflegebedürftigkeit oder ungünstigen anderen Rahmenbedingungen (zum Beispiel baulicher Gegebenheiten oder fehlender sozialer beziehungsweise familiärer Kontakte) sein. Ob die häusliche Pflege – meist neben einem ambulanten Dienst – durch Angehörige, Nachbarn, Freunde oder einer angestellten (oft ausländischen) Pflegekraft geleistet wird, ist wieder die persönliche Entscheidung des pflegebedürftigen Menschen. Diese wird natürlich von seinem Umfeld (gibt es Angehörige die Pflege leisten könnten?) und anderen Rahmenbedingungen (hier oft entscheidend die finanzielle Situation) beeinflusst.

Allgemeine Vor- oder Nachteile für die verschiedenen Möglichkeiten gibt es nicht. Die Entscheidung für eine Versorgungsform muss zur Lebenssituation passen.

Fazit aus Ihrer Sicht: Wohnen im Altenheim – ein attraktiver Lebensabend?

Kollmann: Die Entscheidung für eine stationäre Einrichtung ist von so vielen individuellen Faktoren abhängig, dass es auf diese Frage keine allgemein gültige Antwort geben kann.

(Wie sich der Alltag in einem Seniorenheim aus Sicht der Pflegekräfte darstellt, lesen Sie in dieser Ausgabe auf Seite 25)

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