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Kirche

02.12.2017

Seit 550 Jahren standhaft

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Der 23 Jahre andauernde Bau des Münsters zwischen 1444 und 1467 war eine technische Herausforderung, die noch heute sichtbar ist. Zwischen Hauptportal und Chor fällt das Gelände um einen Meter ab. Der Unterhalt und die Instandhaltung sind kostenintensiv, die Arbeiten sind aber notwendig.
Bild: Hilgendorf

Das Donauwörther Liebfrauenmünster ist vor exakt 550 Jahren geweiht worden. Stadtarchivar Ottmar Seuffert fand interessante Fakten, die hinter dem Bau stehen

Donauwörth Dieses katholische Gotteshaus könnte durchaus auch Martin Luther als Vorbild dienen: „Ein feste Burg“, so besang er einst den christlichen Glauben einprägsam – und schon rein bildlich bietet das Donauwörther Liebfrauenmünster einen imposanten, festungsähnlichen Anblick, der die Silhouette der Stadt schon von Weitem einmalig kennzeichnet. Trutzig steht sie da, seit über einem halben Jahrtausend. An diesem Wochenende soll gefeiert werden, denn exakt vor 550 Jahren wurde die Stadtpfarrkirche geweiht.

Doch die kleine Kirche war vor der großen da. Die benachbarte Kapelle St. Leonhard allerdings fiel den alliierten Bombenangriffen von 1945 ebenso zum Opfer wie auch große Teile der Gebäude rund um die prächtige Reichsstraße. Doch die kirchliche Trutzburg, die über der Stadt thront, wurde nicht zuletzt durch das beherzte Eingreifen von Mesner Eduard Weindl vor der vollkommenen Zerstörung bewahrt. Weindl warf mit Familienmitgliedern und Freunden die Brandbomben wieder vom Kirchendach. Auch für Historiker wie Stadtarchivar Dr. Ottmar Seuffert ist der Erhalt der alten Gemäuer ein Glücksfall, denn eine alte Kirche erzählt immer auch viel über das Leben früher. Man atmet Geist und Geschichte.

Die erst 1938 freigelegten Fresken etwa, sie zeigen wunderbare Szenen aus der Entstehungszeit, teils im spätmittelalterlichen Stil. Der heilige Georg im Rittergewand, der heilige Ulrich nebst Afra, Maria und Christus, Gottes Sohn und Retter – herrliche Zeugnisse sind konserviert, seit hunderten von Jahren.

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Das Münster ist ein spätgotischer Backsteinbau, was der Betrachter an dem Turm, der sich über einem quadratischen Unterbau erhebt, unschwer erkennen kann. Früher hatte ein gotischer Spitzhelm den Turm gekrönt, seit 1732 ein sogenanntes stumpfes Zeltdach. Der Grund für die neue Variante: Zu oft hatte der Blitz in die Spitze eingeschlagen.

Am Anfang der 23-jährigen Bauphase der Stadtpfarrkirche ab dem 14. Juni 1444 stand der Chor, es folgte das Mittelschiff, das erst etwas später um die beiden flankierenden Außenschiffe ergänzt wurde. Was viele heute nicht mehr wissen: An selber Stelle hatte Mangold I. neben seiner Burg die Ulrichskirche errichten lassen. Die Fundamente dürften direkt unter dem Liebfrauenmünster liegen. Für die Donauwörther Seelsorge gibt es allerdings erst ab 1190 ein noch immer existierendes Zeugnis. Mangold indes fühlte sich dem Glauben und der Kirche nachhaltig verpflichtet: Dankbar veranlasste er nach seiner überstandenen Reise nach Byzanz nicht nur einen Kirchbau in Wemding, sondern eben auch in Werd.

Über die Zeit der Erbauung des Liebfrauenmünsters ab 1444 gibt es nicht mehr viele Berichte. Doch in einer Augsburger Chronik wurde Archivar Seuffert fündig. Der Kaisheimer Mönch Johann Knebel war der Sohn des damaligen Stadtbaumeister Hans Knebel. Johann Knebel schrieb viel auf über die Ereignisse im damaligen „Werd“. Über die beschwerlichen Bauarbeiten beispielsweise, und dass die Gottesmutter Maria, die ab 1420 in der Region verstärkt verehrt wurde, die Donauwörther mit dem Einsturz des Chores während der Arbeiten im Jahre 1456 wohl strafen wollte – Knebels Erklärung dafür: das Gotteshaus sei zum Teil mit Straf- und Bußgeldern finanziert worden.

Glück hatten die Bürger allemal: Der Chor stürzte erst nach der Messe ein, niemand wurde verletzt. Der Wiederaufbau wurde, wie Knebel schreibt, sofort wieder angegangen, doch sollte es noch weitere elf Jahre dauern bis zum Weihetag am 4. Dezember 1467. Ausschließlich Handarbeit war möglich in der Bautechnik, weiterhin war der Standort an der Spitze der Reichsstraße eine statische Herausforderung, wie Seuffert erklärt. Wer das Gotteshaus betritt, der merkt, dass zwischen Chor und Haupteingang ein Gefälle von gut einem Meter liegt.

Gerade weil über das Alltagsleben der Gläubigen damals nicht mehr viele Zeugnisse vorliegen, sind Knebels Aufzeichnungen einzigartig. Er macht darin zum Beispiel aus seiner Meinung zu politischen Fragen der Zeit keinen Hehl. So schimpft der Mönch mit einem Spottgedicht über die rebellierenden Bauernhaufen in der Region – ein Landsknecht ziert jene Lyrik. Ein Hinweis darauf, wie den Aufmüpfigen nach Meinung Knebels beizukommen sei?

Es ist davon auszugehen, dass zwischen 3500 und 4000 Menschen zur Zeit der Weihe in Donauwörth lebten, schätzt Historiker Seuffert. Die aufgefundenen chronistischen Aufzeichnungen sind aber nur kleine Ausschnitte der Zeit. Papier war kostbar und so war für Beschreibungen des Alltags offenbar zu wenig Platz. Wir wissen tatsächlich recht wenig über die Zeit der Vorväter in Donauwörth, Seuffert spricht von einem „undurchsichtigen Schleier“.

Doch die alten Kirchen, wie eben das standhafte Münster, bewahren das geistliche Erbe nach wie vor in ihrer beeindruckenden Form. Es ist davon auszugehen, dass die Gotteshäuser damals proppenvoll waren und es die Gläubigen in großer Zahl durchaus sehr ernst meinten mit dem christlichen Glauben. Vielerorts wäre das ein Vorbild für heute.

Das Erbe ist hier hoch oben an der Reichsstraße in architektonischer Einmaligkeit erhalten geblieben. Die alte Stadtpfarrkirche zeugt als beeindruckendes Bauwerk auch von der Standhaftigkeit des Christentums über alle Zeiten hinweg – „ein feste Burg“ eben.

Kleine Feier: Nach dem Festgottesdienst um 10.30 Uhr sind die Besucher noch zu einem Beisammensein mit Weißwurstessen in das Münsterpfarrheim eingeladen.

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