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Stockschläge und Rassismus?

26.05.2012

Sekte "Zwölf Stämme": Das Leben hinter der Fassade

In der Anlage Klosterzimmern lebt die Gemeinschaft der Zwölf Stämme. Momentan stehen sie wegen Prügel- und Rassismusvorwürfen in der Kritik.
Bild: Sebastian Musolf

Die Sekte „Zwölf Stämme“ lebt im Ries hinter einer Fassade der Freundlichkeit. Doch Aussteiger berichten von Stockschlägen, Gehirnwäsche und Rassismus. Was stimmt?

Geschichten über die „Zwölf Stämme“ beginnen meist etwa so: Männer mit langen Bärten und Frauen in langen Kleidern sitzen auf der Wiese beim Hofladen auf Gut Klosterzimmern im Landkreis Donau-Ries. Kinder spielen unter Bäumen. Die Wäsche hängt beim Trocknen. Es herrscht eine ruhige, geradezu idyllische Atmosphäre.

Schauplatz eines streng hierarchischen Straf- und Kontrollregimes?

Diese Geschichte kann nicht so beginnen. Diese Geschichte muss so beginnen: „Die Zwölf Stämme brechen den Willen der Kinder. Dazu gehört mehrfach täglich die Züchtigung mit einer Weidenrute. Sie wollen den totalen Gehorsam. Jede Individualität wird ausgetrieben. Es ist wie eine Gehirnwäsche im Namen der Bibel. Es wird gelehrt, dass Schwarze den Weißen zu dienen haben.“ Das sagt ein Mann, der zwei Jahrzehnte zum Führungszirkel gehörte. Er ist einer der „Aussteiger“, die nun schwere Vorwürfe gegen die „Zwölf Stämme“ erheben. Er hat mit uns gesprochen. Nennen wir ihn Benjamin.

Der idyllische Ort mit den freundlichen Menschen soll Schauplatz eines gnadenlosen, streng hierarchischen und patriarchalischen Straf- und Kontrollregimes sein. Kinder sollen dort gedemütigt, geschlagen und entmündigt werden. Benjamin hat all dies erlebt und über Jahre selbst daran mitgewirkt. Daher hat er sich bisher nicht an die Staatsanwaltschaft gewandt. Er hat Angst vor Strafverfolgung. Aber es ist ihm wichtig, dass die Öffentlichkeit erfährt, was in Klosterzimmern wirklich vor sich geht. Er befürchtet, die Glaubensgemeinschaft könne sich wieder durch „Verschweigen, Abschotten und Glaubensphrasen aus der Affäre ziehen“.

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Wie ist das also, werden mitten in Bayern Kinder mithilfe von Schlägen zu Rassisten erzogen? Auf einer staatlich genehmigten Schule? Um die Zusammenhänge zu verstehen, muss man zwölf Jahre zurückschauen. Damals kaufte ein Ehepaar aus Bremen das 18 Hektar große Gelände des ehemaligen Zisterzienserinnenklosters für 1,8 Millionen Mark vom Rieser Fürstenhaus Oettingen-Wallerstein. Es wollte dort mit seiner Glaubensgemeinschaft, etwa 100 Menschen, leben und arbeiten.

Doch schon kurz darauf gab es Schwierigkeiten. Die Mitglieder der „Zwölf Stämme“ weigerten sich, ihre Kinder auf die staatliche Schule zu schicken, weil dies nicht mit ihrem Glauben vereinbar sei. Sie ignorierten alle Aufforderungen, Bußgelder und Gerichtsurteile, bis die Behörden Zwangsmaßnahmen einleiteten: Zunächst brachte die Polizei die Kinder zur Schule. Später gingen sieben Väter sogar für mehrere Tage in Erzwingungshaft.

Funktioniert die Sonderlösung Privatschule?

Das war die Zeit, als die Stimmung kippte. War die Bevölkerung anfangs sehr kritisch gegenüber der urchristlichen Sekte, hieß es nun, die Zwangsmaßnahmen dienten nicht dem Wohl der Kinder. Die Bilder in den Medien zeigten Wirkung unter Politikern. Das Kultusministerium knickte ein und genehmigte im Jahr 2006 eine sogenannte private Ergänzungsschule, einen in dieser Form einmaligen Sonderweg, der eigentlich der Schulpflicht widerspricht. Die „Zwölf Stämme“ durften ihre Kinder zu Hause unterrichten mit eigenen Lehrern, eigenem Lehrplan, eigenen Lehrmaterialien. Als Ausnahme wurde genehmigt, dass Sexualkunde und Evolutionstheorie nicht gelehrt werden.

Einige Jahre lang schien es so, als ob die Sonderlösung funktionieren könnte. Eine private Schule unter staatlicher Aufsicht. Jetzt werden die Behörden möglicherweise von der Realität eingeholt. Und zeigen sich überrascht. Der Rieser Landrat Stefan Rößle sagt: „Das ist die bestüberwachte Schule des Landkreises. Bisher hat es keine Hinweise auf Misshandlungen oder Rassismus gegeben.“ Dasselbe sagt Schulamtsdirektor Anton Kapfer. Und Schulpsychologe Hubert Stapf. Ihnen sei bei rund zehn Besuchen im Halbjahr – wenngleich meist angemeldet – rein gar nichts aufgefallen. Keine Spuren von Gewalt, keine verängstigten Kinder, keine Rückstände in den Lehrinhalten. Im Gegenteil: Die Schulamtsmitarbeiter loben die „positive Atmosphäre der Offenheit“ und die Kooperationsbereitschaft der „Zwölf Stämme“. Sind sie einer Inszenierung aufgesessen?

Benjamin, der Aussteiger, kann gut erklären, warum die Schulbehörden scheiterten: „Die Prüfungen durch das Schulamt waren teils künstlich arrangiert.“ Lehrstoffe konnten bequem vorbereitet werden. „Um den Heim-Unterricht ins rechte Licht zu rücken, wurden teils Lehrer aus dem Ausland herangekarrt“, berichtet der Insider. Die Schläge würden von den Kindern gar nicht als Gewalt wahrgenommen. „Ihnen wird schon früh beigebracht, dass Züchtigung ein Akt der Elternliebe ist.“ Auch das Verschweigen der Schläge mit der Weidenrute gegenüber Außenstehenden sei Ausdruck der Liebe zu Eltern und Lehrern. Ganz abgesehen davon: Lügen gegenüber Außenstehenden, die nicht „erwählt“ sind, gehören laut Benjamin durchaus zur Gepflogenheit der Gruppe.

Die Gemeinschaft dementiert in einer Mitteilung, dass Kinder geschlagen werden. „Unsere Kinder wachsen in einer liebevollen Umgebung auf und werden im Geist der Nächstenliebe erzogen.“ Es werde „keine Form von Kindesmisshandlung“ geduldet. Persönliche Gespräche werden abgeblockt. Benjamin sagt: „Züchtigung gehört zur systematischen Erziehungsmethode. Sie wird nicht als Gewalt empfunden.“ Interne Schriftstücke, die unserer Zeitung vorliegen, belegen, dass in Erziehungsratgebern Züchtigung empfohlen wird: „Rebelliert ein Kind, ist physischer Schmerz das einzige Druckmittel, damit es elterliche Kontrolle und Anweisung akzeptiert [...] Ein König ohne Rute besitzt keine Autorität.“

Der Wille der Kinder soll gebrochen werden

Es gehe nicht darum, die Kinder zu verletzen, sondern darum, den Willen zu brechen. Schlagen dürfen alle getauften Mitglieder der Gruppe, sagt der Aussteiger – also Eltern, Lehrer, Nachbarn. Wunden durch die Rutenschläge hätten die Mitarbeiter der Schulbehörden natürlich nicht gesehen, weil sie die Kinder nicht untersuchen dürfen. Benjamin sagt: „Wenn sich der Staatsanwalt mit den Ermittlungen beeilt, dann kann er die Wunden der gezüchtigten Kinder noch sehen.“ Die Staatsanwaltschaft Augsburg hat inzwischen ein offizielles Ermittlungsverfahren gegen unbekannt eingeleitet.

Wolfgang Behnk holt tief Luft: „Die Zwölf Stämme verstoßen gegen die Grundrechte ihrer Kinder auf Unversehrtheit und freie Entfaltung der Persönlichkeit“, sagt der langjährige Sektenbeauftragte der Evangelischen Kirche in Bayern. Er beschäftigt sich mit der Gruppe, seit sie ins Ries gezogen ist. „Die Sekte bedient sich der Mittel geistiger Bevormundung, kollektiver Vereinnahmung, hierarchisch-autoritärer Unterwerfung, sozialer Isolation und disziplinarischer Repression.“ Behnk kritisiert die Behörden: „Das ist alles schon lange bekannt. Aber die Behörden verschanzen sich hinter der Religionsfreiheit.“ Die Genehmigung der privaten Ergänzungsschule nennt er einen „Scheinkompromiss“. Behnk sagt: „Der Staat hat die Pflicht, den Kindern zu ihren Grundrechten zu verhelfen.“

Irgendwie sind sich darin alle einig – Kultusministerium, Staatsanwaltschaft, die Parteien im Bayerischen Landtag, die am Mittwochabend auf Antrag der Grünen alle eine umfassende Aufklärung der Vorwürfe von der Staatsregierung gefordert haben. Wenn alles stimmt, muss scharf reagiert werden. Nur – wie sollen die Vorwürfe belegt werden? Kultusstaatssekretär Bernd Sibler (CSU) hat angekündigt, den Kontrolldruck zu erhöhen. Die SPD-Bildungspolitikerin Karin Pranghofer brachte einen Unterrichtsstopp ins Gespräch. Die Regierung von Schwaben forderte die „Zwölf Stämme“ zu einer unverzüglichen Stellungnahme auf. Was da drin steht, kann sich Aussteiger Benjamin jetzt schon vorstellen.

Und auf Gut Klosterzimmern sitzen Männer mit langen Bärten neben Frauen mit langen Kleidern und die Kinder spielen unter Bäumen . . .

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