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Engelkeller

29.12.2016

Spätzle, Tischtennis und eine Zuflucht

Irene Hiemer vor dem Engelkeller im Jahr 1946.
Bild: Hiemer/privat

Irene Hiemer ist 77 Jahre und lebt heute in Köln. Die Eltern der Donauwörtherin betrieben 13 Jahre den Engelkeller. Ihre Erinnerungen leben bis heute – und gestatten persönliche Einblicke

Als bei Irene Hiemer im November dieses Jahres ein Brief ins Haus flattert und sie den Umschlag öffnet, beginnt für die 77-Jährige eine Zeitreise in ihre Jugend. Das Schreiben ist von ihrer Freundin aus Donauwörth, die sie mit interessanten Artikel aus der Donauwörther Zeitung über ihre Heimatstadt auf dem Laufenden hält. Denn Hiemer selbst lebt in Köln, doch sie ist 1939 in Donauwörth geboren, hier aufgewachsen und hat die Mädchenschule Sankt Ursula besucht. Ihre Eltern führten über zehn Jahre den Engelkeller in der Zirgesheimer Straße.

Und genau um diese Gastwirtschaft geht es in dem Zeitungsartikel. Denn dort wo Irene Hiemer als junges Mädchen ihrer Mutter beim Kochen und Servieren geholfen hat, werden heute wieder Gäste bewirtet. Der Engelkeller ist seit wenigen Wochen frisch saniert, Frühstückspension, eine integrative Arbeitsstätte für Menschen mit Behinderung. Betreiber ist ein Tochterunternehmen der Stiftung Sankt Johannes. „Meine Mutter hätte das so sehr gefreut, wenn sie wüsste, dass der Engelkeller wieder zu neuem Leben erweckt wurde“, sagt Irene Hiemer am Telefon.

Und man hört es ihrer Stimme an, dass auch sie ein wenig wehmütig an ihre Kindheit und Jugend in der Zirgesheimer Straße zurückdenkt. „Ich hatte eine sehr glücklich Zeit, obwohl es im Krieg und auch danach nicht einfach war. Es war harte Arbeit und ich frage mich heute schon, wie vor allem meine Mutter das alles bewältigt hat.“

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Die Mutter, das ist Maria Hofhammer, geborene Rohrer. 1942 übernimmt sie zusammen mit ihrem Mann – eigentlich Buchdrucker – den Engelkeller. Während der Sommermonate gibt es dort Schweinebraten mit Klößen, Spätzle, Fleischsulze und Kalbsbrust. Tochter Irene holt die Zigaretten vom Händler und verkauft Salem, Roxy und Gold Dollar an die Gäste. Das Bier kommt von der Kronenbrauerei von Otto Abbt, dem das Haus gehört. Im Nebenraum stehen ein Lochbillard und ein Radio.

Um das Geschäft anzuheizen, werden Kaffeekränzchen veranstaltet und Tischtennis angeboten. „Wir haben die Schläger und Bälle für zehn Pfennig vermietet. Danach spielten die Buben Schafkopf“, erinnert sich Hiemer. Sie selbst spielt von Klein auf Tischtennis, ihr Vater ist Gründungsmitglied der Abteilung beim VSC Donauwörth. Die junge Irene erringt sogar einmal die Stadtmeisterschaft. „Die Urkunde habe ich heute noch“, sagt die Rentnerin, die bis heute Tischtennis spielt.

Familie Hofhammer lebt bis zur Mitte der 50er Jahre in der Wirtswohnung im ersten Stock. „Sehr einfach war alles, keinerlei Komfort“, sagt Irene Hiemer. Sie kann sich noch genau erinnern: Auf dem gleichen Stockwerk liegen der Gastraum, der Saal und eine Theke. Die Küche hingegen befindet sich im Hochparterre, sodass die Mutter für jeden Teller die Treppen laufen muss. Draußen gibt es lediglich ein Plumsklo, das bereits in den Jahren zuvor immer wieder Grund für Beanstandungen der Zulassungsbehörden war. Im Untergeschoss befinden sich die Lagerräume für das Bier, das mit großen Eisbarren, von der Brauerei geliefert, gekühlt wird. Hier lagert die Kohle zum Einschüren, die Lebensmittel und vieles mehr. „Bei Bombenangriffen war der Keller unsere Zuflucht – für meine Familie und für die Nachbarn“, erinnert sich die heute 77-jährige Hiemer.

Nach dem Krieg kommen die Flüchtlinge, zwei ausländische Familien werden im Engelkeller einquartiert. „Es war nicht viel Platz, aber wir haben uns gegenseitig geholfen“, erinnert sich Irene Hiemer. Der Vater geht schließlich in seinen alten Beruf zurück, die Gautschfeier findet im Engelkeller statt.

Für die Mutter, die nun alles alleine bewirtschaftet, wird das Geschäft noch schwerer, als sich die Steuergesetze ändern, Straßenkioske aufmachen und Bier ausschenken dürfen. „Das hat sich dann nicht mehr gerechnet“, erinnert sich Irene Hiemer.

1955 beschließen schließlich die Eltern eine neue Heimat zu suchen, woanders neu zu beginnen. Ein herber Schlag für die junge Irene. Und so kommt ihr das Angebot der Priorin von Sankt Ursula, sie könne bis zu ihrem Abschluss im Internat wohnen, wie ein Geschenk vor. „Das war damals enorm, denn ich bin evangelisch und war das einzige protestantische Mädchen im Internat.“ Nach der Schule geht auch Hiemer weg aus Donauwörth, heiratet einen Offizier, folgt ihm nach Köln. Ihre zwei Kinder wohnen nicht weit von ihr entfernt.

Lange hatte sie noch Kontakte ins Kloster, pflegt bis heute Freundschaften zu einer ehemaligen Nachbarin und zu ihrer Cousine, die in Berg wohnt. „Ich lebe seit 42 Jahren hier, aber meine Heimat ist noch immer Donauwörth. Ich denke so oft an den Engelkeller.“

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