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Gefahr

23.04.2010

Spielsucht: Bis man selbst zum Automaten wird

Vorsicht: Glücksspiele können süchtig machen.
Bild: dpa

Tobias ist abhängig. Von Spielen. Zehn Jahre lang hat der 28-Jährige seine gesamte Freizeit an Spielautomaten verbracht - und dabei sein ganzes Geld verspielt. Von Nina Schleifer

Tobias (Name von der Redaktion geändert) ist abhängig. Von Spielen. Zehn Jahre lang hat der 28-Jährige seine gesamte Freizeit an Spielautomaten verbracht - und dabei sein ganzes Geld verspielt. Dabei wurde er selbst zum ferngesteuerten Automaten.

"Ich hätte beinahe alles verloren", sagt er. Er ist nachdenklich beim Gespräch mit unserer Zeitung in der Suchtberatungsstelle in Donauwörth. Jetzt hat er den Absprung geschafft und möchte anderen Betroffenen Mut machen.

Eigentlich fing alles ganz harmlos an: Tobias ging mit seinem Cousin vor zehn Jahren in eine Spielhalle. 10 Mark hat er eingesetzt, mit 70 Mark hat er die Spielhalle verlassen. Am nächsten Tag ging er wieder hin. Der Beginn eines teuflischen Verhaltensmusters. An manchen Tagen hat er sein ganzes Lehrlingsgehalt verspielt.

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"Ich wollte mein eingesetztes Geld zurückgewinnen", erklärt er. Doch er kam immer wieder mit leeren Hosentaschen heim. Die Mutter hat das Problem ihres Sohnes bemerkt. Sie hat mit ihm geredet, ihn aufgeklärt, wollte das Geld verwalten. "Aber ich wollte damals auf niemanden hören." Die Verlockung zu gewinnen war zu groß. Er wurde immer einsamer.

Als er vor fünf Jahren seine jetzige Frau kennengelernt hat, zog er mit deren Schwager los. "Wir haben gesagt, dass wir Billard spielen gehen." In Wahrheit gingen die Zwei zum Zocken. Der wohlhabende Schwager brachte ihm das risikoreiche Spielen bei, verspielte selbst am Abend bis zu 7500 Euro.

Von ihm hat sich Tobias immer wieder Geld geliehen. Leihen müssen - um die Sucht zu finanzieren. Ständig hat er sein Konto überzogen. "Ohne meine Eltern wäre ich obdachlos." Der Schwager hat den Absprung nicht geschafft, er spielt immer noch.

Tobias kennt jede Spielhalle in West- und Nordschwaben. Ständig saß er dort, hat an mehreren Automaten parallel gespielt. Seine Freundin kam ihm dahinter. Dreimal hat sie ihn beim Spielen erwischt. Dann machte sie Schluss. Für Tobias eine bittere, aber lehrreiche Erfahrung. Ihm wurde klar, was er alles verlieren kann. "Mein größter Traum war es immer, ein Haus zu haben", erzählt er.

Nachdenklich fügt er hinzu: "Ich habe bereits ein Haus verspielt." Die Freundin hatte ihm das Messer auf die Brust gesetzt, ihn gezwungen, sich Hilfe zu suchen. Aber es musste auch selber "Klick" machen.

Professionelle Hilfe suchen - das war die Bedingung der Freundin, um die Beziehung wieder zu führen. "Ich wusste anfangs nicht, wohin ich gehen soll." Also ging er erst mal zum Psychiater. Der verwies ihn an die Suchtberatungs- und Behandlungsstelle Donauwörth. Im Januar hatte er seine erste Gruppensitzung. Er erfuhr von dem Automaten-System. Die Spieler denken, dass der Automat 40 Prozent der Einnahmen ausspuckt. Das ist nicht so. Der Betrag ist um ein Vielfaches geringer.

Tobias ärgert sich über die Machenschaften der Spielindustrie. Diese Erkenntnis und sein wieder gewonnener Stolz waren auch ein Anreiz, um endgültig mit dem Spielen aufzuhören. "Seitdem habe ich nicht mehr gespielt", beteuert er. Es ist hart, ein richtiger Entzug. Tobias hat von Spielautomaten geträumt, hat die Geräusche der Automaten im Ohr gehabt.

Er konnte kaum alleine an einer Spielhalle vorbeifahren, ohne das Verlangen zum Spiel zu spüren. Für die Frau und den wenige Wochen alten Sohn kämpft der 28-Jährige - und gibt damit auch den anderen, die bei der betreuten Selbsthilfegruppe dabei sind, Mut.

Tobias kritisiert die Verlockungen der Spielhallen: Kostenloses Essen, Freigetränke, Gutscheine, erstklassige Automaten mit einer riesigen Auswahl an Spielen und die Möglichkeit, mit hohen Beträgen zu zocken, verführen. "Heutzutage ist es viel leichter abhängig zu werden als noch vor zehn Jahren", warnt er.

Dem Gefühl, das er bei seinem ersten Gewinn erlebte, muss er nicht mehr hinterher jagen. Er hat jetzt seine Familie. Und da zählen vor allem die kleinen Dinge. "Vor Kurzem waren wir zusammen im Eiscafé", erzählt er. "Wir haben über eine Kleinigkeit herzhaft lachen müssen. Da habe ich gemerkt, wie schön es ist, dass ich wieder der Alte bin."

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