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Wemding

10.08.2020

Theater: Lange Nase – geballtes Vergnügen

Kerstin und Sepp Egerer in ihrer leidenschaftlichen Interpretation von „Cyrano de Bergerac“. Der Wemdinger Marktplatz bot dazu eine malerische Kulisse.
Bild: T. Sonntag

Plus Die Egerers begeistern in Wemding im Rahmen ihrer kleinen „Spielzeit“ mit „Cyrano de Bergerac“. Selbst wer den Klassiker zuvor nicht gekannt hat, geht am Ende gut informiert und bestens unterhalten nach Hause

Das „Theater im Taschenformat“ setzt nicht auf imposante Bühnenbilder oder Requisiten. Wie schon die Bezeichnung erahnen lässt, begrenzen die beiden Schauspieler Kerstin und Sepp Egerer sich lieber auf das Wesentliche. So dauert auch ihre Inszenierung von „Cyrano de Bergerac“ am Donnerstag nur knapp eine Stunde. Es handelt sich um eine szenische Lesung, die beiden Schauspieler haben also ihren Text dabei und lesen gelegentlich ab, was durchaus amüsant wird, wenn Sepp mit dem Heft kämpft, weil er die richtige Seite nicht findet.

Umgeben vom Charme der Altstadt

Das Stück wird in der Mitte der Wemdinger Altstadt aufgeführt. Das verleiht ihm einen besonderen Charme und wertet die Aufführung bereits auf, bevor diese überhaupt startet. Der Brunnen direkt hinter der Bühne wirkt, als wäre er allein als Kulisse aufgebaut worden, so passend fügt er sich ins Bild ein.

Der Protagonist Cyrano, gespielt von Sepp Egerer, ist eine temperamentvolle, sprachlich begabte Person. Doch schon bei der Vorstellung der Figur macht Kerstin in der Rolle der Erzählerin auf seine „Schwäche“ aufmerksam: „Er hat eine unglaublich große Nase.“ Dieser Umstand ist auch Cyrano schmerzlich bewusst, er selbst bezeichnet sie als „Inselgruppe“ oder „Berg und Tal“ und stellt fest, dass sie Halt für Schwalbennester biete und praktisch sei, um einen Hut daran zu hängen. Die lächerlich wirkende, etwa 20 Zentimeter lange Pinocchio-Nase, die Sepp Egerer sich dafür ins Gesicht gehängt hat, macht es das ganze Stück über unmöglich, dies zu vergessen.

Die Nase steht im Weg

Cyrano ist davon überzeugt, die Nase stünde ihm zu seinem Glück mit der schönen Roxane im Weg, die ebenfalls von Kerstin gespielt wird. Er hilft deshalb dem attraktiven Christian – auch verkörpert von Kerstin –, deren Herz zu erobern. „Wer solche Locken hat, besitzt Vollendung“, schwärmt Roxane. Dabei wechselt Kerstin die Rollen, indem sie sich mit einer Wäscheklammer die Namen am Shirt befestigt und gelegentlich zum jeweiligen Charakter passende Hüte trägt. Eine kreative und effektive Idee, die vom Publikum, als dramaturgisch notwendig, gerne so angenommen wird.

Christian fehlt es jedoch an Cyranos Redekunst, weshalb die beiden „sie gemeinsam erringen“ wollen. So wird Cyrano beispielsweise zu Christians Souffleuse, als dieser unter Roxanes Balkon ein Gedicht vorträgt. Um diese Szene, die unweigerlich drei Schauspieler benötigt, zu stemmen, wird eine breitmaulige Stoffpuppe als Roxane eingesetzt, was für zahlreiche Lacher sorgt. Erst lange nach dem Tod Christians deckt Cyrano den Schwindel auf, bevor auch er selbst sein tragisches Ende findet.

Beeindruckender Wandel der Charaktere

Das Schauspiel wird immer wieder durch Kerstins Erzähler-Passagen vorangetrieben, wodurch es dem Publikum leicht gemacht wird, der Handlung zu folgen. Es ist beeindruckend, wie fließend der Wechsel ist, als die Schauspielerin im einen Moment traurig schluchzend den Tod Christians betrauert und im nächsten mit trockener Stimme verkündet, dass nun 15 Jahre vergangen seien.

Das Publikum weiß die szenische Lesung zu schätzen, fast die Hälfte sind „Wiederholungstäter“, wie die Schauspieler es nennen, waren also bereits bei den vorherigen Auftritten da. Das überrascht nicht, denn die kurzweilige Darbietung trifft eine angenehme Mischung zwischen Textpassagen aus dem originalen Stück und unserer gewohnten Alltagssprache. Man muss das Drama nicht kennen, um ihm folgen zu können, und es macht zweifelsfrei Spaß, Kerstin und Sepp Egerer zuzuschauen und zuzuhören.

Kerstin und Sepp Egerer spielen Faust im Taschenformat
Bild: Barbara Würmseher

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