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DZ-Lesesommer (Folge 2)

07.08.2020

Uli Karg: So waren die Ferien in den 60er Jahren

Uli Karg in Kindertagen in den Ferien auf dem Land.
Bild: E. Bernhardt

Plus Die DZ lädt ein zum Lesesommer. Mitglieder des Donauwörther Autorenclubs schreiben Kurzgeschichten für unsere Zeitung. Unsere heutige Folge 2 wurde von Uli Karg verfasst.

Endlich letzter Schultag – in einem Sommer in den 60er-Jahren! Nur noch zur Zeugnisausgabe und Verabschiedung durch die Lehrerin, dann heim und den Schulranzen in die Ecke gestellt, wo er sechs Wochen seine wohlverdiente Ruhe haben sollte. Nach dem gemeinsamen Mittagessen prüfte der Vater die Benotungen des vergangenen Schuljahres. Mein Taschengeld konnte ich aufbessern: Jeder Einser wurde mit einer Mark belohnt, jeder Zweier mit fünfzig Pfennig, Dreier wurden hinterfragt und toleriert, aber nicht honoriert, schlechtere Noten gab es nicht. Danach durfte ich, wie jedes Jahr, bei Giovanni Sommacal, im 1930 gegründeten italienischen Eiscafé in der Maximilianstraße in Augsburg, eine ganze Cassata kaufen.

Gefrorene Sahne und kandierte Früchte

Diese halbkugelförmige Eisbombe bestand außen aus zwei Schichten, meistens Vanille und Schoko, innen war sie gefüllt mit gefrorener Sahne und kandierten Früchten. Der Seniorchef, stets in Weiß gekleidet und Schiffchen auf dem Kopf, verpackte die in Pergament eingeschlagene Halbkugel in ein mit Firmenlogo bedrucktes Papier, reichte es mir über die Theke und wünschte: „Buon appetito!“ Mit wehenden Haaren rannte ich heim, damit das wertvolle Dessert nicht zu schmelzen begann. Kühltaschen gab es damals noch nicht. Zu Hause stieg mir frisch aufgebrühter Kaffee in die Nase. Ich musste nun für die Familienmitglieder die Cassata in fünf gleich große Stücke aufteilen. „Eine schneidet auf, die anderen dürfen sich die Portionen aussuchen“, so unser Familienoberhaupt. Damit war für die bestmögliche Gerechtigkeit gesorgt. Mit Genuss verzehrten wir das italienische Dessert. Ob man heute noch so eine Cassata bekommt?

Unkontrolliertes Dorfleben

Am nächsten Tag packten wir Mädels unsere Koffer und richteten genügend Urlaubslektüre her. Als Augsburger Stadtkinder freuten wir uns auf freies, unkontrolliertes Dorfleben, außer Reichweite der elterlichen Aufsicht.

Oma und Opa bewohnten südlich von Donauwörth ihr einfaches Häuschen. Daran schmiegten sich Stadel, Hühnerstall und Werkstatt. Der Garten war in verschiedene Nutzbereiche eingeteilt. Ein Stück war der Hühnerschar zum Scharren vorbehalten. In dem größten Teil der Fläche, mit Hasendraht vor dem Geflügel geschützt, wuchsen Gemüse, Kräuter und Johannisbeeren. Die Großeltern versorgten sich selbst und kauften nur zu, was sie selbst nicht produzieren konnten.

Vor der frei stehenden Waschküche hatte der Opa eine selbst gebaute Ruhebank aufgestellt, und daneben reckte ein reichlich tragender Weichselbaum seine Äste in die Höhe und spendete Schatten. Der Fußweg vom Gartentor zum Haus war mit Blumen gesäumt, Phlox und Rittersporn, Großmutters ganzer Stolz. Einige Bäume mit Jakobiäpfeln sorgten für die Vitaminversorgung und natürlich für Opas Most, der in bauchigen Gärballonen mit aufgesetzten Kork-stopfen durch kunstvoll gedrehte Glasröhrchen geheimnisvoll vor sich hin blubberte.

Heuwenden und Kartoffelfeuer

Wir Stadtkinder genossen jeden Tag, halfen auf den Feldern beim Heuwenden, Aufstellen der Getreidegarben und bei der Kartoffelernte, denn danach gab es das Kartoffelfeuer. Wir hielten uns auch gerne bei den Nachbarn im Kuhstall auf, lernten Melken und bekamen zu Lebensmitteln einen ganz anderen Bezug. Getreide, Kartoffeln, Rüben, Eier und Milch schätzten wir nun besonders, weil wir wussten, wie mühevoll sie erzeugt wurden.

Zur Entspannung nach der körperlichen Arbeit badeten wir gerne in der Schmutter. Sie schlängelte sich am Dorf entlang und trieb mit ihrer Wasserkraft eine Sägemühle an. Unterhalb der Gatter, mit denen man den Flusslauf steuerte, entstand im Lauf der Zeit eine tiefe Mulde, bei uns Gumpen genannt. Dort war es besonders interessant zu tauchen. Manche Menschen entsorgten da die unterschiedlichsten Sachen.

Ein Schatz aus dem Fluss

Eines Tages, das Wasser war einigermaßen klar, tauchte ich wieder zu der tiefsten Stelle und tastete nach etwas, das ich nicht gleich zuordnen konnte. Ich dachte, es müsste etwas Besonderes sein, und zog mit aller Kraft meinen Schatz aus dem Schlamm. In der Waschküche befreite ich das Metallteil von Schmutz und Moos und stellte es in die Sonne zum Trocknen. Ich hatte mich umgezogen und präsentierte stolz meinen Großeltern das Fundstück, ein altes Bügeleisen, in dessen Bauch man ein heißes Kohlestück stecken konnte. Meine Erwartung auf Lob wurde sofort abgeschmettert: „Jetzt bringsch du des alte Glump derher, des ma scha lang in da Gumpa gworfa hot! Und du moinsch oh no, des isch was Bsonders!“

Und ich dachte, das war mein herausragendes Ferienerlebnis für den ersten Deutschaufsatz im nächsten Schuljahr!

Zur Autorin:

Uli Karg.
Bild: Karg
  • Uli Karg, geboren in Augsburg, seit 2001 in Thierhaupten zu Hause, verfasst Kurzgeschichten sowie Gedichte im Dialekt, ein Roman ist in Arbeit.
  • Sie schreibt, seit sie einen Stift halten kann. Erst nach Vhs-Kursen in Donauwörth hatte sie den Mut, etwas zu veröffentlichen.
  • Ihr Erstlingswerk „Ein falsches Vogelkind“ bietet eine bunte Auswahl an Kurzgeschichten von damals und heute, zum Teil mit Lokalkolorit, als unterhaltsame Lektüre.
  • Wer möchte, kann Uli Karg gerne schreiben. Sie freut sich über Post. Ihre E-Mail-Adresse: ulrike.karg@vodafone.de.
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