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Monheim

09.10.2019

Versuchter Mord: Täter war wie eine tickende Zeitbombe

Am Landgericht findet derzeit der Prozess um einen 39-Jährigen statt, der auf seine Eltern in Monheim mit einer Machete losging und sie schwer verletzte.
Bild: Jakob Stadler

Plus Der 39-Jährige, der seine Eltern schwer verletzte, war in den Wochen vor der Tat mehrfach aufgefallen. Unter anderem bedrohte und stalkte er seine Ex-Freundin.

Vorzeichen auf die Katastrophe hat es durchaus gegeben – eine ganze Reihe und schon wochenlang zuvor. Doch hat wohl keiner den Ernst der Situation tatsächlich überrissen. Im Rückblick erst fügen sich die einzelnen Puzzleteilchen zu einem klareren Bild: Der 39-jährige Sohn eines Monheimer Ehepaars, der seine Eltern mit einer Machete malträtiert hat, war eine tickende Zeitbombe.

Nachdem er seine Psychopharmaka abgesetzt hatte, veränderte sich der als schizophren eingestufte Mann dramatisch. Wurde er früher als friedfertig, freundlich und hilfsbereit geschildert, so trat er zunehmend aggressiv schreiend auf, beleidigte andere übel und sein Leben entglitt ihm zusehends.

Ex-Freundin sah sich nur noch in der „Betreuer-Funktion“

Am gestrigen dritten Verhandlungstag am Landgericht Augsburg wegen versuchten Doppelmordes beschrieben Zeugen aus dem privaten Umfeld den Angeklagten. Sie erzählten, was ihnen in der Zeit vor dem Angriff des 39-Jährigen am 9. Januar auf seine Eltern aufgefallen war. Unter anderem schilderte die 50-jährige Ex-Freundin, was ihr in der Beziehung zwischen 2012 und 2018 widerfahren war.

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Seine psychischen Einschränkungen waren ihr von Anfang an bekannt. „Das war für mich ganz normal, er musste seine Medikamente nehmen und war ein umgänglicher Mensch“, sagte sie dem Gericht. In den letzten beiden Jahren ihres Zusammenlebens aber fühlte sie sich zunehmend belastet. „Ich hab mich nur noch in der Betreuer-Funktion gesehen, mich darum gekümmert, dass er seine Medikamente nahm, aber die Basis war nicht mehr Liebe.“ Man habe sich freundschaftlich getrennt und sogar noch zusammen in einem Haus gewohnt, wenn auch in weitgehend unterschiedlichen Räumen. Ab diesem Zeitpunkt war er selbst für die Einnahme seiner Psychopharmaka verantwortlich.

Mann greift seine Ex-Freundin an

Dann kam der Tag – es muss im August 2018 gewesen sein –, an dem die Ex-Lebensgefährtin Angst vor ihm bekam. „Er führte Selbstgespräche, hatte Zuckungen im Gesicht und mit den Augen gerollt und immer wieder gesagt, ich solle das Fenster zumachen. Das war mir unheimlich. Er war nicht mehr er selbst.“ Sie rief seine Eltern zur Hilfe, ebenso die Polizei, die den Aggressiven in die Psychiatrie brachte. In Absprache mit der Mutter ihres Ex-Freundes löste die 50-Jährige den Hausstand des 39-Jährigen auf und brachte dessen Eigentum ins Elternhaus nach Monheim.

Im Oktober 2018 stand der Mann plötzlich vor der Tür seiner früheren Lebensgefährtin, packte sie am Hals und rief: „Du Drecksau, ich bring dich um.“ Sie schaltete erneut die Polizei ein. Auch sonst hat es immer wieder Vorfälle gegeben: Telefonate, nicht bestellte Pizza-Lieferungen, Rechnungen für Reisen, die sie nie gebucht hatte und andere Formen von Stalking machten der Frau zu schaffen. „Er hat überall versucht, mein Leben zu zerstören“, sagte sie gestern dem Gericht.

Auch eine andere Freundin, die den Angeklagten seit 2005 kennt, hat eine drastische Wesensveränderung im Sommer/Herbst 2018 wahrgenommen. „Er war früher ein angenehmer, freundlicher Mensch“, erinnert sie sich. „Dann war er ein paar Tage in Berlin und als er zurück kam, hab ich nicht mehr kapiert, was mit ihm los war. Er war hippelig, irgendwie durchgedreht und hat nicht mehr vernünftig reden können.“

39-Jähriger arbeitete in Donau-Ries-Werkstätten

Der 39-Jährige hatte zuletzt in den Donau-Ries-Werkstätten gearbeitet. Sein Vorgesetzter sprach von einem sehr einvernehmlichen Kontakt zwischen ihnen beiden. „Bis August 2018 war er ein sehr guter, sehr selbstständiger und hilfsbereiter Mitarbeiter.“ Ab August aber sei er wie ausgewechselt gewesen, sehr überdreht, habe den ganzen Tag vor sich hin gesprochen und geschimpft. „Er hatte keine Lust mehr auf seine Arbeit. Nach diversen verbalen Ausrastern gegen andere hab ich ihn im Oktober meiner Gruppe verwiesen.“ Mehrfach hat dieser Vorgesetzte den jetzt Angeklagten die Drohung aussprechen hören, er werde seinen Vater – zu dem er von jeher ein schlechtes Verhältnis habe – umbringen. „Eigentlich sollte man etwas unternehmen, hab ich mir gedacht“, sagte der Zeuge gestern.

Lesen Sie hierzu auch: Hätten Behörden den blutigen Macheten-Angriff verhindern können?

Stichte, Schnitte und Hiebe hätten leicht tödlich ausgehen können

Tatsächlich stand eine neue Begutachtung des 39-Jährigen an. Er bekam Post vom Betreuungsgericht, in der ihm der Termin mitgeteilt wurde. Seine Betreuerin hatte noch vor Weihnachten einen Antrag auf Unterbringung gestellt. Doch noch ehe die Behörden reagieren konnten, passierte der Macheten-Angriff auf Vater und Mutter. Beide trugen keine unmittelbar lebensgefährlichen Verletzungen davon, jedoch hätten die Stiche, Schnitte und Hiebe mit der Waffe leicht tödlich ausgehen können, wie ein Sachverständiger Mediziner gestern in seinem Gutachten ausführte. Er geht davon aus, das wohl beide bleibende Schäden davontragen werden.

Mindestens sechs Mal hat der Sohn auf den Vater eingestochen. Der wird – nach jetzigem Stand der Dinge – wohl taube Finger zurückbehalten. „Es steht zu befürchten, dass das bleibt“, so der Gutachter.

Macheten-Angriff: Mutter erlitt schwere Gesichtsverletzungen

Die Mutter hat mindestens zehn Hiebe abbekommen. Besonders schwer ist die Verletzung im Gesicht, wo ihr die Klinge einen tiefen Schnitt vom rechten Augenlid bis zum Kinn und zahlreiche Knochenfrakturen zugefügt hat. Es werden laut dem Mediziner Narben zurückbleiben wie wohl auch ein Taubheitsgefühl an Backe und im Mundwinkel. –

Am heutigen Donnerstag wird der Prozess fortgesetzt. Dann wird unter anderem ein Gutachter über die Verfassung des Angeklagten und seine Schuldfähigkeit Auskunft geben.

Mehr zum Thema: Eltern mit Machete attackiert: Monheimer steht vor Gericht , Mann verletzt Eltern mit Machete: Der Prozess beginnt , Angriff mit Machete: Mann in Psychiatrie

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