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Kaisheim

29.06.2020

Verweigerte ein Arzt einem Häftling die Behandlung?

Plus Gefangener wird vom Vorwurf der „falschen Verdächtigung“ freigesprochen. Er hatte den Mediziner angezeigt.

Hat ein Anstaltsarzt im Gefängnis in Kaisheim einem an Hepatitis C (Leberentzündung) erkrankten Gefangenen, 42, die Behandlung verweigert? Bei einem Prozess vor dem Augsburger Amtsgericht stand diese Frage im Mittelpunkt. Sie konnte jedoch nicht eindeutig beantwortet werden. Angeklagt in dem Verfahren war nicht der Mediziner, sondern der Gefangene. Die Staatsanwaltschaft warf ihm „falsche Verdächtigung und Verleumdung“ vor, nachdem er den Arzt im August 2019 wegen „Körperverletzung durch Unterlassen“ angezeigt hatte.

Arzt hatte sich gegen den Vorwurf zur Wehr gesetzt

Gegen den Vorwurf hatte sich der JVA-Arzt seinerseits durch eine Anzeige zur Wehr gesetzt. Das Gericht sprach den Gefangenen am Ende frei, da sich der Mediziner als Zeuge in mehrere Widersprüche verwickelt hatte.

Der 42-Jährige war im Februar 2018 aus Essen in die JVA Kaisheim verlegt worden. In einer Klinik der JVA Essen war bei dem Häftling Hepatitis C mit hohen Leberwerten diagnostiziert und ihm eine Behandlung dringend empfohlen worden. Die Leberentzündung wird durch Blut übertragen, häufig bei Drogenkranken durch unsaubere Spritzen.

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Gefangener fühlte sich übergangen

Jetzt im Prozess gab der Gefangene an, er habe schon damals bei der Eingangsuntersuchung in Kaisheim auf seine Erkrankung hingewiesen und um Behandlung gebeten. „Doch nichts ist passiert“. Immer wieder, so der Angeklagte, habe er bei Arztterminen nachgefragt, doch er sei vertröstet worden. Er müsse erst drogenfrei werden, habe es geheißen. Oder die Behandlung sei zu teuer. „Ich fühlte mich einfach nicht ernst genommen“, schilderte der Gefangene sein Gefühl. Nachdem eineinhalb Jahre nichts geschah, entschloss sich der 42-Jährige, den Anstaltsarzt im August 2019 anzuzeigen. „Ich wollte ihm persönlich nichts. Es war ein Hilferuf, ich wollte einfach nur behandelt werden“.

Behandlung wurde genehmigt

Fakt ist, dass dem erkrankten Häftling dann tatsächlich eine Behandlung genehmigt wurde, nachdem ebenfalls im August bei einem Labortest hohe Leberwerte festgestellt worden waren. Anfang Januar 2020 begann die Therapie bei dem 42-Jährigen. Er gab sich im Prozess überzeugt: „Nach meiner Anzeige lief es plötzlich“.

Als Zeuge bestritt der Anstaltsarzt, 64, dass der Häftling schon bei der Eingangsuntersuchung um eine Therapie gebeten habe. Der Häftling sei dann danach lediglich zweimal bei ihm gewesen, einmal wegen einer Erkältung und einmal wegen Durchfalls. Grundsätzlich gab der Zeuge zu Protokoll, rund 70 Prozent aller Häftlinge litten an Hepatitis C.

Man müsse das erst beobachten, die Häftlinge müssten drogenfrei sein, sonst könne man sie nicht behandeln. Eine Therapie koste rund 100000 Euro. Etliche Nachfragen von Richterin Sandra Dumberger, der Staatsanwältin und von Verteidigerin Christine Graebsch konnte der Arzt nicht zufriedenstellend beantworten. Die Verteidigerin des Häftlings war am Ende der Ansicht, der Arzt habe die Behandlung „offensichtlich verweigert“. Dass ihr Mandant den Mediziner angezeigt habe, sei nachvollziehbar.

„Was hätte er denn sonst machen sollen?“ Sie forderte Freispruch für den Häftling, wie es zuvor schon die Anklägerin getan hatte. Auch das Gericht war am Ende dieser Meinung. Richterin Dumberger: „Die Aussage des Arztes konnte mich nicht überzeugen. Vieles ist im Dunkeln geblieben.“

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