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10.08.2010

Vom wachsamen Holzauge und vom Weichkochen

Vom wachsamen Holzauge und vom Weichkochen
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Was diese Ritter auf der Harburg "im Schilde führten", ist offensichtlich. Einst hatte jeder Ritter sein Wappen oder das seines Ordens auf dem Schild. So ließen sich in der Schlacht Freund und Feind auseinanderhalten. Fotos: Widemann (6), Lembeck (1)

Harburg So ein Ritter hatte es wahrlich nicht leicht. Zum einen musste er eine schwere Rüstung und ein wenig handliches Schwert mit sich herumtragen. Zum anderen war - wenn es dann wirklich einmal ernst wurde, sprich: eine Schlacht anstand - erst einmal Lernen angesagt. Grund: Im Kampfgetümmel war es gar nicht so leicht, Freund und Feind auseinander zu halten. Wer auf wessen Seite stand, ließ sich am besten am Schild des jeweiligen Ritters ablesen. Da war ein gutes Gedächtnis von Vorteil, denn die Vielfalt an Wappen war enorm. Kreuze und Tiermotive waren beliebt. Aber auch ganz alltägliche Dinge, die einen Namen symbolisierten, prangten auf den Schilden. "Die Ritter mussten alle Motive auswendig lernen", erzählt Wilma Färber mit einem Schmunzeln, wenn sie auf dem Wehrgang der Harburg vor einer ganzen Galerie von bunten Erkennungszeichen dieser Art steht. Was die Edelmänner einst beschäftigte, ist bis heute als Redewendung in der deutschen Sprache verankert - wenn es heißt, jemand "führt etwas im Schilde".

In der großen Burg stößt man an vielen Stellen auf historische Gegenstände, Einrichtungen oder Gegebenheiten, die auch Jahrhunderte später als Spruch präsent sind. Freilich wissen viele Menschen nicht mehr, woher diese Bezeichnungen stammen. Hier klären die Burgführer Wilma Färber und Johannes Hafner bei einem Rundgang mit der DZ auf. Eine kleine Auswahl:

"Holzauge sei wachsam!"

Auf den Wehrgängen fallen sofort Holzkugeln auf, die in die Mauer eingelassen sind. Die Kugeln aus Eichenholz sind beweglich und haben mittendurch ein rundes Loch. Durch dieses konnten die Ritter oder Soldaten einst Angreifer beobachten oder auf diese schießen. Oder die Kugel einfach ein Stück weit drehen, damit die Öffnung geschlossen war. "Dann war man sicher", erklärt Wilma Färber. Weil die Konstruktion einem Auge gleicht, hieß es: "Holzauge sei wachsam!" Auch heute noch kennt man diesen Spruch. Auf der Harburg sind fast alle diese aufwendig gearbeiteten Kugeln aus Eichenholz samt Lager noch vorhanden, manche sogar im Original aus dem 16. Jahrhundert.

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"Von der Pike auf lernen"

Wenn jemand etwas "von der Pike auf" gelernt hat, dann fing er ganz unten an. Zwei Piken - schätzungsweise 600 bis 700 Jahr alt - hängen auf der Harburg im Weißen Turm an der Wand. Die sogenannten Pikoniere, die einst mit den bis zu sechs Meter langen Lanzen mit einfacher Eisenspitze in den Kampf zogen, hatten ein hartes Los, wie Wilma Färber erläutert: "Das waren Soldaten im niedrigsten Rang, die sich hochdienen mussten." Wenn sie überhaupt so weit kamen. "In einer Schlacht mussten sie ganz vorne marschieren und auf die gegnerischen Reihen losstürmen", so Johannes Hafner. Die Verluste seien entsprechend hoch gewesen.

"In den Schwitzkasten nehmen" "Jemandem kräftig einheizen"

Wenig Vergnügen bereitet es auch, "in den Schwitzkasten genommen" beziehungsweise "weichgekocht" zu werden. Früher widerfuhr dieses Schicksal so mancher Person in der Folterkammer der Burg. Im Bergfried, auch Diebsturm genannt, befindet sich hinter einer dicken Holztür die Schwitzkammer. Der etwa vier Quadratmeter große Raum konnte über einen Ofen derart aufgeheizt werden, dass der Insasse wohl gerne plauderte - erst recht, wenn er ganz nahe an die glühende Ofenplatte gekettet war. Daher stamme auch die Redewendung "jemandem kräftig einheizen", schildert Wilma Färber. Die Schwitzkammer hatte sogar eine Wärmedämmung, die noch heute sichtbar ist: eine Schicht aus einer Lehm-Stroh-Mischung über der Decke.

"Den Löffel abgeben"

Aus heutiger Sicht fällt dem Betrachter auf der prächtigen Festtafel im Fürstenbau nichts besonderes auf. Die Metalllöffel, die neben den Tellern liegen, waren einst freilich eine Kostbarkeit. "Die meisten Leute konnten sich nur Holzlöffel leisten", klärt Wilma Färber auf. Einen Löffel benötigte jeder, denn die Nahrung bestand hauptsächlich aus Suppe und Hirsebrei.

Wer ein Metallbesteck besaß, bestimmte der Burgführerin zufolge vor seinem Tod, auf wen es übergehen sollte. Wenn der Besitzer dann starb, gab er im wahrsten Sinne des Wortes "den Löffel ab" - an den Erben.

"Sich die ersten Sporen verdienen"

In einer Vitrine sind auf der Harburg kunstvoll gearbeitete Reitersporen ausgestellt. Die banden sich die Reiter an die Stiefel. "Wurde ein Knappe zum Ritter geschlagen, bekam er seine ersten Sporen", so die Burgführer. Soll heißen: Man muss sich erst einmal seine Sporen verdienen. Das ist im übertragenen Sinne auch heute noch so. Die kunstvoll geschmiedeten, wenn auch rostigen Sporen in der Burg wurden in Harburg und Umgebung gefunden und sind bis zu 500 Jahre alt.

"Auf den Hund gekommen"

Selbstverständlich spielte bereits in früheren Jahrhunderten das Geld eine große Rolle. Im ehemaligen Gerichtssaal auf der Harburg stehen einige prächtige Schatztruhen, in denen die Münzen sicher verwahrt wurden. Eine der Truhen ist geöffnet und man blickt zwischen dem Geld auf einen Hundekopf. Solche Vierbeiner waren in derartigen Behältnissen auf den Boden gemalt oder in Holz eingelegt, wissen Wilma Färber und Hafner. War kein Geld mehr in der Kasse, ist jemand folglich "auf den Hund gekommen". Überliefert sei dieser Brauch auch aus Bergwerken und von Mehltruhen.

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