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Donauwörth

20.02.2019

Wie schwerwiegend war der Missbrauch im Kinderheim?

In dem heute frisch sanierten Klostergebäude Heilig Kreuz war von 1917 bis 1977 ein Kinderheim untergebracht. Der ehemalige Leiter dieses Heimes, Prälat Max Auer, soll dort Kinder schwer misshandelt und sexuell missbraucht haben. Am Donnerstag stellt das Bistum Augsburg dazu seinen Abschlussbericht vor.
Bild: Helmut Bissinger

Plus Das Bistum legt seinen Abschlussbericht zu den Vorfällen in Donauwörth vor. Er soll öffentlich machen, welches Leid die Kinder ertragen mussten.

Heute erstrahlt das Gelände um den Klosterbau von Heilig Kreuz in Donauwörth in neuem Glanz. Das Areal hat einen Wandel vollzogen. Doch in dem jüngst frisch sanierten Gebäude mussten Kinder über Jahre hinweg grausames Leid ertragen. Sie lebten damals im Kinderheim Heilig Kreuz der Pädagogischen Stiftung Cassianeum. Heimleiter war Prälat Max Auer.

Dieser Geistliche und 1980 verstorbene Enkel des Pädagogen Ludwig Auer steht im Zentrum der Schilderungen der Opfer von damals. Er führte das Haus mit harter Hand, missachtete die Erziehungslehre der Liebe seines Großvaters auf schändliche Art, bestrafte die Kinder und schlug sie. Und er vergewaltigte und bedrängte wohl mindestens drei Kinder.

Das Leid der Kinder sah damals niemand und auch heute ist eine Recherche über das katholische Kinderheim der Pädagogischen Stiftung Cassianeum schwierig. In Archiven findet man fast nichts über das Heim, das eigentlich im Sinne von Ludwig Auer den Kindern Bildung ermöglichen sollte. Doch wie mehrere Opfer öffentlich und auch dem Missbrauchsbeauftragten des Bistum Augsburg schilderten, war dort seelische und körperliche Gewalt an der Tagesordnung. Sie mussten auf Holzscheiten und Kleiderbügeln knien, die Hände in die Höhe gestreckt. Sie mussten Erbrochenes essen. Sie bekamen wenig zu trinken und behalfen sich, indem sie aus der Toilette tranken. Wer sich daneben benahm oder die strengen Regeln nicht befolgte, wurde geschlagen. Wer angesichts dieses Alltags ins Bett nässte, musste weitere zwei Nächte in dieser Bettwäsche schlafen.

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Cassianeum: „Menschenverachtende Erziehungsmethoden“

Dass in dem Gebäude Schreckliches passiert ist, zweifelt niemand mehr an. Auf der Internetseite des Cassianeum heißt es. die Berichte der Opfer „lassen auf menschenverachtende Erziehungsmethoden in dem Heim und Fälle schwerer körperlicher Gewalt und sexuellen Missbrauchs schließen“. Am Donnerstag nun will das Bistum Augsburg das Ausmaß des Missbrauchs offenlegen. Eine dreiköpfige Projektgruppe hat sich fast ein Jahr lang mit den Schilderungen der Opfer befasst, mit diesen selbst gesprochen und versucht, historische Quellen aufzuspüren, die belegen, wie viele Kinder überhaupt in dem Haus einst lebten. Die Leitung der Gruppe hatte auf Veranlassung des Augsburger Bischofs Konrad Zdarsa der ehemalige Richter am Oberlandesgericht München, Manfred Prexl, übernommen. „Es ist nun genau ein Jahr her, dass die Geschehnisse in Donauwörth bekannt geworden sind. Wir lösen unser Versprechen ein, innerhalb dieser Jahresfrist die Ereignisse dort aufzuarbeiten“, sagt Peter Kosak, Vorsitzender der Pädagogischen Stiftung Cassianeum. Er will vorab nicht offenlegen, was genau der Abschlussbericht enthält, sagt nur soviel: „Das ganze schriftlich fixiert zu sehen, ist schrecklich und bedrückend.“

Opfer noch immer traumatisiert

An die Öffentlichkeit gekommen war alles durch zwei Schwestern, die nach 1965 lange Zeit in dem Heim leben mussten. Sie hatten in der eigenen Familie Gewalt erlitten und sollten in dem Kinderheim davor Schutz finden. Das Gegenteil war der Fall. Bis heute scheinen sie von den Ereignissen dort traumatisiert. Gegenüber dem Bayerischen Rundfunk berichten sie von Schlägen ins Gesicht, dass sie nachts stundenlang auf Bügeln knien mussten, und die Erzieherinnen sie an den Haaren zogen. Auch gegenüber unserer Redaktion offenbarte sich ein Opfer. Der Mann lebte zwischen 1955 und 1958 in dem Kinderheim und bestätigt die Vorwürfe der anderen Betroffenen. Er berichtet, dass Erzieherinnen „wie die Weltmeister“ geprügelt hätten.

Pater Anton Karg erinnert sich

Weitere Horrorgeschichten kamen ans Licht, als das Bistum Opfer im April 2018 zu einem Runden Tisch einlud. Damals sprach auch erstmals der Mann, der von Max Auer regelmäßig vergewaltigt worden sein soll. Er war von Auer zum „Privatministranten“ erkoren worden und musste täglich beim Gottesdienst helfen. Davor oder danach sei er vergewaltigt worden oder musste den Priester befriedigen. Dass es Gewalt in dem Heim gegeben hat, bestätigt auch der ehemalige Rektor der benachbarten Knaben-Realschule, Pater Anton Karg. Er habe mitbekommen, mit welch harter Hand Max Auer das Regiment in dem Kinderheim geführt hätte. „Die Misshandlungen sind einzig von Max Auer ausgegangen“, sagt Karg. Von schlimmen Verhältnissen in dem Heim in den 70ern berichtet eine Landkreisbewohnerin, die dort ein Praktikum im Rahmen ihrer Ausbildung zur Erzieherin absolvierte. Das Heim sei überfüllt gewesen, Kinder hätten auf dem Stuhl schlafen müssen. „Die Gesamtsituation war wirklich abschreckend“, sagte sie unserer Zeitung.

Aus diesen und weiteren einzelnen Schilderungen hat das Bistum nun einen Abschlussbericht verfasst.

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