Newsticker

Biontech und Pfizer beantragen EU-Zulassung für Corona-Impfstoff
  1. Startseite
  2. Lokales (Donauwörth)
  3. Wie steht’s um die Integration?

Interview

16.04.2018

Wie steht’s um die Integration?

Ein Bild aus den Anfangstagen der Asyl-Erstaufnahme Donauwörth, als die Asylkrise auf ihrem Höhepunkt war. Nach wie vor sind zahlreiche Fragen ungeklärt in der Integrations- und Migrationspolitik.
Bild: Thomas Hilgendorf

Albert Riedelsheimer ist seit Jahrzehnten als Sozialarbeiter mit dem Thema „Asyl“ befasst. Ein kontroverses Gespräch, auch über die Lage in Donauwörth – und wie es weitergeht.

Den Herbst 2015 haben nicht nur die Freunde der Tagesschau noch vor Augen. Auch vielen Bürgern in den Kommunen des Landkreises sind die im Zuge der Asylkrise zu Matratzenlagern umgewandelten Turnhallen noch in Erinnerung – gleich ob es sich um Nothelfer, Asyl-Helferkreise, Feuerwehrleute oder Kritiker der aktuellen Asylpolitik handelt. Albert Riedelsheimer ist mit der Thematik schon seit Jahrzehnten hauptberuflich befasst. Aktuell arbeitet der Donauwörther Sozialpädagoge und Grünen-Stadtrat in der Erstaufnahme auf dem Schellenberg. Mit ihm führten wir ein kontroverses Interview zu einem gesellschaftlich ebenso umstrittenen Thema.

Als wir zuletzt über das Thema „Asyl“ im Rahmen eines Interviews sprachen, war die Zahl der Asylbewerber enorm. Sie ist nach wie vor hoch – aber die Busse mit neu ankommenden Asylbewerbern stehen nicht mehr tagtäglich vor dem Landratsamt. Damals stand die Nothilfe, vor allem für Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien, auf der Agenda – die Erstaufnahme war noch gar nicht eingerichtet. Was hat sich in Donauwörth seither verändert?

Riedelsheimer: Die Klientel in der Erstaufnahme hat sich geändert – zunächst hatten wir Familien mit hoher Anerkennungsquote, jetzt sind es allein Eingereiste mit niedriger Anerkennungsquote. Zudem hat sich die Stimmung in Deutschland geändert – und eben auch in Donauwörth: von einer Willkommenskultur zu einer Abschottungstendenz und Überfremdungsangst. Die Unterstützerkreise sind zusammengeschrumpft, was aber auch mit der Bürokratie zu tun hat, welche die Helfer zum Teil ernüchterte. Wenn etwa Praktikumsstellen nicht angetreten werden konnten, weil die Asylbewerber plötzlich abverlegt wurden. Und zum Teil herrscht auch fehlendes Verständnis – etwa darüber, warum jetzt plötzlich so viele Afrikaner hier sind.

Man hat das Gefühl, schier jeder in der Politik – überregional und regional – redet über „Integration“, aber kaum jemand benennt offen konkrete Ideen außer den üblichen Plattitüden über Spracherwerb, Grundgesetz und Relevanz der Arbeit. Wie ist es denn aus ihrer Praxiserfahrung heraus um eine etwaige gesellschaftliche Eingliederung bestellt?

Riedelsheimer: Man muss da unterscheiden. In den Erstaufnahmen, wo ja noch meist nicht über den Asylantrag entschieden wurde, ist eine weitgehende Integration ja gar nicht wirklich gewünscht. Ich kriege aber mit, wie die Menschen aus den Helferkreisen denken und auch die Bürger, die der Asylpolitik kritisch gegenüberstehen. Und in meiner Arbeit bekomme ich eben auch mit, wie die Flüchtlinge das Leben hier erleben. Ich kenne die Biografien, die Angst vor der Abschiebung und wie sie in der Psyche wirkt. Und da sehe ich die Not. Das alles zusammengefasst, bedeutet: Es ist ein langer, schwieriger Weg. Wirkliche Integration ist dann geschehen, wenn man Folgendes erleben kann: Alle sitzen an einem Tisch und keiner macht sich Gedanken, ob der andere dazugehört.

Zum Konkreten: Ist das schier legendäre „Wir schaffen das!“ eher ein sinnvoller Mutmacher der Kanzlerin gewesen oder nicht doch eine grandiose Selbstüberschätzung angesichts von jetzt 959000 Hartz-IV-Empfängern aus Asylländern im Jahr 2017?

Riedelsheimer: Was sollen die Leute denn sonst machen, außer in diesem System zu sein? Es geht darum, auf dem weiteren Weg aus dem Hartz-IV-System herauszukommen. Der Satz der Kanzlerin war einerseits schon eine gewisse Selbstüberschätzung. Ich würde sagen: „Wir schaffen das, aber es wird Mühe und Anstrengung kosten.“ Die gesetzliche Lage verhindert bei vielen Asylbewerbern auch eine gewisse Sozialisierung – und auch, dass es in den Erstaufnahmen faktisch kaum ehrenamtliche Arbeit gibt. Ehrenamtliche Arbeit außerhalb der Kaserne aufzunehmen, das scheitert an Dingen wie der Unklarheit darüber, wie die Fahrtkosten abzurechnen sind. Es fehlt zudem bei vielen Asylbewerbern jegliches soziales Netz, das sie auffängt. Es muss eine Kombination von klarer Anweisung, aber auch Motivation geben.

Zu den Bedenken hinsichtlich der aktuellen deutschen Asyl- und Migrationspolitik zählt auch die wohl kaum einfach abzutuende Angst vieler Bürger vor einem radikalen Islam, der mit einer freiheitlichen, auf den einzelnen Menschen ausgerichteten christlich-abendländischen Prägung doch irgendwie nur schwer unter einen Hut zu bringen scheint, oder?

Riedelsheimer: Das kann ein Thema sein, das einem Angst macht, ja. Aber man kann auch etwas Positives sehen an der Migration aus diesen Regionen: Der Wert der Familie ist dort sehr hoch. Es ist vielleicht ein langer und harter Weg. Die zugewanderten Menschen müssen sich anpassen und an grundsätzliche Regeln halten, aber auch die Menschen von hier müssen anständig gegenüber Fremden auftreten. Hinsichtlich des christlichen Abendlandes sehe ich die Bedrohung eher von innen als von außen: Etwa wenn das Christliche in dieser Gesellschaft nicht mehr echt gelebt wird, wenn sich die Menschen ihrer Wurzeln gar nicht mehr bewusst sind.

Gerade in Donauwörth hat die Erstaufnahme in den vergangenen Monaten allerdings nicht nur mit positiven Nachrichten über gelungene Integration auf sich aufmerksam gemacht. Es gab wütende Proteste seitens schwarzafrikanischer Gruppen, angegriffene Polizisten, eingeschüchterte Mitarbeiter in der Kaserne. Wie ist die Lage in der Erstaufnahme momentan?

Riedelsheimer: Momentan ist die Situation entspannt. Aber die Erstaufnahme hat ein Problem: Sie war anfangs gedacht für einen Aufenthalt von 14 Tagen. Dann wurde es auf ein halbes Jahr verlängert – momentan wurde das ausgedehnt auf bis zu 18 Monate. Das betrifft ja viele Bereiche des Lebens: etwa die medizinische Versorgung, aber auch ganz normale Freiheitsansprüche.

Denken Sie, dass dieser Widerspruch nicht gewisse Konflikte bringt: hierzulande beziehungsweise in der aktuellen westlichen Welt Vereinzelungstendenzen, die zunehmende Entfernung von den eigenen Wurzeln – demografische Schieflage, Entkirchlichung, und, und, und. Und gleichzeitig fremder Zuzug im großen Maßstab, vor allem aus Regionen, wo Familienbande und ein teils sehr traditioneller Islam eine entscheidende Rolle spielen?

Riedelsheimer: Das soziale Engagement insgesamt geht zurück hierzulande, das stimmt. Und es geht bei der Integration in der Tat eben auch stark um die Frage: Was bekommt der Fremde hier vorgelebt? In Sachen Islam gibt es ja durchaus Unterschiede – und eben nicht nur den radikalen Islam. Das merkt man übrigens auch bei den Bewohnern in der Kaserne. Nicht jeder Moslem lebt dort streng religiös.

Es sind in puncto Migration nun zumeist weniger die Hungrigsten und Ärmsten, die sich die Überfahrt nach Europa mittels Schleppern leisten können – oft sind es junge Männer, die hier ihr Glück suchen. Müssten hier nicht andere Signale gesetzt werden? Etwa durch Entwicklungspolitik von Region zu Region – die diesbezüglichen Aktionen von Landrat Stefan Rößle (Schulbau-Projekte in Afrika) haben es ja mittlerweile zu bundesweiter Bekanntschaft geschafft. Europa und letztlich auch nicht die deutschen Regionen und Kommunen können doch zum Beispiel kaum alleine die Verdoppelung der Bevölkerung Afrikas bis zum Jahr 2050 auffangen?

Riedelsheimer: Das ist völlig richtig. Es gibt Grenzen. Und es kann nicht jeder rein. Das ganze Thema „Migration“ erstreckt sich aber über viele Felder, die man für sich sehen sollte. Da gibt es diejenigen, die eben hier sind. Dann gibt es Regionen, denen man helfen müsste bei einer guten Entwicklung. Dann gibt es die Kriegsgebiete. Und dann gibt es die Länder, die es bald nicht mehr gibt, weil der Meeresspiegel steigt. Das Ganze muss global und zugleich lokal angepackt werden. Wir brauchen ein starkes internationales Konfliktmanagement. Ohne zivile Krisenprävention geht es nicht. Wir können nur Lösungsansätze versuchen zu entwickeln – aber das sollten wir dann auch wirklich tun.

Trotz aller Beteuerungen der Regierung: Wird es nach Ende 2019 weiterhin eine Erstaufnahme in Donauwörth geben, beispielsweise unter anderem Namen an einem anderen Platz?

Riedelsheimer: Als Stadtrat gehe ich davon aus, dass die Staatsregierung zu ihrem Wort stehen wird.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren