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Spektakel

17.11.2018

Wo schwarze Beulen aufgeschnitten werden

Gruselige Gesellschaft: Die Mimengruppe um Julia Reichenbacher (Mitte) auf der Harburg in voller Aufmachung. Die Darsteller waren Teil einer mystisch-schaurigen Führung, die nichts für schwache Nerven war.
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Gruselige Gesellschaft: Die Mimengruppe um Julia Reichenbacher (Mitte) auf der Harburg in voller Aufmachung. Die Darsteller waren Teil einer mystisch-schaurigen Führung, die nichts für schwache Nerven war.

Mystisch-schaurige Führung auf der Harburg ist nichts für schwache Nerven. Darsteller aus ganz Deutschland

„Ein solches Gesindel will beim Grafen vorgelassen werden?“ Ein rauer Ton herrschte bei der spektakulären Sonderführung, welche die Fürstlich Oettingen-Wallersteinsche Kulturstiftung auf der Harburg anbot. Stilecht kostümierte und fantasievoll geschminkte Burgführerinnen und Schauspieler erweckten die Burg zu nächtlichem Leben, und die Besucher wurden zu Teilnehmern eines am Mittelalter orientierten Fantasy-Live-Rollenspiels. Dafür bot die alte Stauferfeste einen authentischen Rahmen, und die „Spielhandlung“ orientierte sich locker an Sagen, Legenden sowie historisch belegten Figuren und Gegebenheiten.

Wir schließen uns einer Gruppe von „Vorgeladenen“ an, welche von einer „verarmten Adeligen“ zum „Herrn Graf“ gebracht werden; zuvor scheucht man uns auf einem Rundgang durch die Burg, damit wir gleich erfahren, wie es hier zugeht. Erste Station: Das „Unholdenloch“ an der Außenwand der Kirche. Seine einstige Funktion als wirklich schauerliches Verlies ist historisch belegt und auch, dass einem Eingekerkerten tatsächlich die Flucht daraus gelang. Für uns wird die Suche nach einem „Fluchthelfer“ theatralisch in Szene gesetzt; schnell vergeht uns die Heiterkeit, denn der Komplize verbirgt sich in unserer Gruppe, wird „entlarvt“ und ohne viel Federlesen am Gebälk der Aussichtsplattform gehenkt.

Nach diesem lautstarken Spektakel eine mystische Atmosphäre in der Schlosskirche St. Michael: Kerzenschein und leises Orgelspiel empfangen die Besucher; der zarte Gesang einer Frauenstimme lenkt die Aufmerksamkeit auf die Kirchenrückwand. Dort erwacht die lebensgroße Halbplastik am Grabmal der Gräfin Elisabeth, geborene Landgräfin zu Leuchtenberg, zu geisterhaftem Leben. Sie spielt die Legende vom „Karabfräulein“: Einst verirrte sich die Gräfin in der Karab, einem Wald zwischen Harburg und Donauwörth, und fand nur durch den Klang der Kirchenglocken wieder heraus. Zum Dank habe sie den Wald den Bürgern von Harburg geschenkt. Historisch belegt ist, dass sie im 16. Jahrhundert auf der Burg wohnte und 1559 ein Jahr vor ihrem Tod die Armen von Harburg testamentarisch mit einer Stiftung von 1000 Gulden bedachte.

Weiter führt der Rundgang in den Glockenturm zum mittelalterlichen Bader. Er schert nicht nur Bart und Haare, sondern ist auch wild entschlossen, zusammen mit seiner Gehilfin allerlei Gebrechen zu kurieren, die er bei seinen Besuchern vermutet. Besonders das Aufschneiden von Beulen, die mit „schwarzer Galle“ gefüllt seien, hat es ihm angetan.

Glücklich entkommen landen wir im Kastenbau vor dem gestrengen Richter, der sogleich Hühnerdiebe, Schafdiebe und Unzüchtige unter den Vorgeführten ins strenge Verhör nimmt. Die Unzüchtigen erkennt er daran, dass Mann und Frau in aller Öffentlichkeit Händchen halten, beide jedoch keine Eheringe vorweisen können. Die Halsgeige dient als milde Strafe. Die anderen Übeltäter werden in die Folterkammer verwiesen.

Diese ist im Diebsturm eingerichtet, bevölkert mit dem furchterregenden Personal des Henkers; zum Glück für uns begnügen sie sich mit dem Vorzeigen und Androhen von Streckbank, Daumenschrauben und Zangen.

Letzte Station im Fürstensaal: Hier wartet keine heitere Mozart- oder Rosetti-Serenade auf die Besucher, sondern bei Flackerlicht drehen sich vier schaurig-schöne Geisterdamen in Barockkleidern. Der „Tanz der Vampire“ lässt grüßen. Was wohl aus den Kavalieren geworden ist, die sie sich zum Reigen holen? Beim Abgang aus dem Saal ist nur noch grässliches Geschrei zu hören…

Den Herrn Grafen bekommen wir nicht zu sehen, bevor wir hinausgejagt werden; dafür haben wir uns wirklich zu schlecht benommen, sogar gelacht…

Fazit: Eine großartige, aufwendige Inszenierung; beeindruckend die schauspielerische Leistung der vielen Mimen, von denen ein großer Teil Live-Rollenspieler aus ganz Deutschland sind. Eine von ihnen ist die Harburgerin Julia Reichenbacher, zugleich Burgführerin und hauptberuflich Doktorandin der Rechtswissenschaft. Sie vor allem steht hinter dem Konzept der Führung.

Wer „Fantasy“ liebt, einen Sinn für „schwarze Romantik“ besitzt und über starke Nerven verfügt, hat seinen Spaß bei diesem Spektakel; für andere, mehr an den historischen Fakten interessierte Besucher gibt es immer noch die traditionellen Burgführungen.

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