Newsticker
Ämter melden 15.974 Corona-Neuinfektionen und 1148 neue Todesfälle in Deutschland

DZ-Adventskalender

10.12.2020

Türchen 10: Der kleine Lord

AZ-Grafik

Öffnen Sie das zehnten Türchen in unserem digitalen Adventskalender. Das Thema 2020: Weihnachtsfilme. Heute: Der kleine Lord

Earl’s Lane, der „Grafenweg“ ist trotz des hochtrabenden Namens die übelste Ecke des Dorfes Erleboro. Nur selten begeben sich Angehörige der oberen Klassen dorthin. Es stinkt, in der Mitte des Weges fließt ein dreckiges Rinnsal. Überall liegt Müll herum. Die Menschen, die hier leben, sind von Armut, Hunger und Krankheit gezeichnet. Schweigend reiten der Earl of Dorincourt und sein Enkel Cedric an den Hütten vorbei, in dem die Pächter des Aristokraten dahinvegetieren. Seit über 20 Jahren hat der Earl diesen Ort nicht mehr besucht. Scheu und misstrauisch grüßen die Bewohner ihren Herren. „Wenn Du Earl sein wirst, sei verantwortungsvoller als ich es gewesen bin“, sagt der alte Mann zu seinem Enkel, als die beiden durch den unheilvollen Ort hindurchgeritten sind. Am nächsten Tag gibt der Earl die Anweisung, die Straßenzeile zu säubern und die Häuser wiederherzurichten. Er beabsichtige eine Wertsteigerung des Besitzes, so sagt er. In Wahrheit schämt er sich vor Cedric. Der fröhliche und gutherzige Junge hält seinen Großvater für den großzügigsten Menschen der Welt und ist überzeugt, dass der alte Mann Tag und Nacht darauf sinnt, anderen Gutes zu tun. Weil der Earl seinen Enkel liebt und dem Bild entsprechen will, dass sich dieser von ihm gemacht hat, wird aus dem verbitterten Menschenfeind nach und nach ein besserer Mensch.

Der „Kleine Lord“ von 1980 gehört, vor allem in Deutschland, zu den absoluten Klassikern unter den Weihnachtsfilmen. Als solcher war er von der britischen Rundfunkgesellschaft BBC auch geplant. Titelheld ist der amerikanische Junge Cedric Errol, der plötzlich erfährt, dass sein Großvater ein englischer Graf ist und er selbst dessen einziger Erbe. Sir Alec Guinness in der Rolles des alten Earl of Dorincourt und Ricky Schroder als Cedric spielen ihre Rollen so perfekt, dass Liebe des Alten für den kleinen Jungen und die Veränderung, die diese in ihm bewirkt, die ganze Zeit über glaubhaft und natürlich wirken.

Die Geschichte der englisch-amerikanischen Schriftstellerin Frances Hodgson Burnett hat eigentlich nichts mit Weihnachten zu tun. Zwar wurde „Little Lord Fauntleroy“ von 1885 bis 1886 zunächst als Fortsetzungsroman im „St. Nicholas Magazine“ veröffentlicht. Bei dieser Publikation handelte sich es um eine amerikanische Jugendzeitschrift, in der auch viele Weihnachtsgeschichten und Gedichte bekannter Autoren gedruckt wurden. Der Roman endet aber nicht, wie der BBC-Version von 1980, mit einem Festessen zum Weihnachtsfest, sondern mit Cedrics Geburtstag. Außerhalb Deutschlands gilt der „Kleine Lord“ darum nicht als Weihnachtserzählung. Hierzulande aber wird er seit 1982 regelmäßig zu den Feiertagen im Fernsehen ausgestrahlt.

Die Botschaft des Films passt schließlich auch zu gut zum Fest der Liebe: ein grimmiger, stolzer Alter wird von einem unschuldigen Kind aus seiner Einsamkeit erlöst – was könnte weihnachtlicher sein? Natürlich dauert es, bis das Herz des Earls auftaut und kurz vor dem Happy End gerät die glückliche Großvater-Enkel-Beziehung noch einmal ernstlich in Gefahr. Betrüger wollen sich das Erbe des Earls unter den Nagel reißen. Aber was wäre ein Familienfilm ohne ein bisschen Spannung? Jedes Mal zittert man wieder und wünscht, dass der treue Anwalt des Earls rechtzeitig die Beweise bringt, um die Bösewichte zu entlarven – obwohl man ja beim fünfundzwanzigsten Mal eigentlich schon weiß, wie es ausgeht.

Die Bürde, ein Kinderstar zu sein

In der englischsprachigen Welt ist nicht der BBC-Film, sondern die Version des Produzenten David O. Selznick von 1936 die populärste Version des „Kleinen Lords“. Die Titelrolle spielte Freddie Bartholomew, damals mit einer wöchentlichen Gage von 2.500 Dollar der bestbezahlte Kinderstar Hollywoods. Als Schuhputzer Dick bekam der damals noch junge Mickey Rooney eine Nebenrolle, eine Konstellation, die sich noch öfters wiederholen sollte. Mit der Zeit wurde Rooney immer erfolgreicher und beliebter. Er gehört zu den Stars mit der am längsten andauernden Filmkarriere, während Bartholomew in Vergessenheit geriet. Den alten Earl spielt der ehemalige englische Cricketspieler Charles Aubrey Smith, der in Hollywood auf englische Aristokraten und Offiziere abonniert war.

In beiden Filmen spielen hervorragende Schauspieler ihrer Zeit. Welche ist besser? Die Version von 1936 hält sich recht lange mit Cedrics Leben in den USA auf und darum weniger Zeit hat für die Beziehung zwischen ihm und seinem Großvater. Kaum hat der kleine Amerikaner ein paar Minuten mit den Alten geplaudert ist, der verknöcherte Aristokrat auch schon verzaubert. Am nächsten Tag spielt er auf dem Fußboden Murmeln mit seinem Liebling. Sir Alec Guinness ist da deutlich reservierter, darum ist das Ergebnis dieser vorsichtigen Annäherung auch viel überzeugender. Näher dran am Roman ist allerding die Hollywood-Version von 1936. 1980 wurde einiges dazu erfunden, was zwar nicht im Buch steht, aber durchaus dem Geist der Erzählung entspricht.

Ein Erfolg wie „Harry Potter

Die Schriftstellerin Polly Horvath hat Little Lord Fauntleroy mit Harry Potter und Frances Hodgson Burnett mit Joanne K. Rowling verglichen – wegen des riesigen, auch kommerziellen Erfolges. Die Kinder warteten Ende des 19. Jahrhunderts auf die neuen Fortsetzungen im „St. Nicholas Magazine“ genauso sehnsüchtig wie die Harry-Potter-Fans auf einen neuen Band. Spielzeug mit Fauntleroy-Motiven kamen auf den Markt, der Samtanzug mit Spitzenkragen, den Cedric trägt, wurde als „Fauntleroy-Suit“ ein fester Bestandteil der Kindermode. Um die zwanzig Mal wurde die Geschichte verfilmt, darunter in Brasilien, Russland und auch in Japan, als Anime. Eine deutsch-italienische Version mit Mario Adorf als reichem deutschem Brauereibesitzer in der Rolle des zu bekehrenden Alten wurde im Wesentlichen verrissen. 2012 kam in Österreich auch eine kleine Lady mit Christine Hörbiger als stolzer Gräfin auf den Markt. Kuriosität am Rande: der Deutsche Filmverleih vermarktete einen weiteren Film mit Freddie Bartholomew aus dem Jahr 1938 als „Der kleine Lord 2 – Die Entführung“, obwohl die Geschichte nichts mit Frances Hodgson Burnetts Helden zu tun hatte.

Ricky Schroder, der blonde kleine Cedric von 1980, hatte wie sein Vorgänger Freddie Bartholomew als Erwachsener wenig Erfolg vor der Kamera. Obwohl er es konsequent versuchte, kam er nie von seinem Wonneproppen-Image weg. Er spielte in Western, produzierte Horrorfilme, kam mit dem Gesetz in Konflikt und tauchte als Stargast bei Wrestling-Veranstaltungen auf. Mehr Glück hatte der Darsteller des Stallmeisters Wilkins, der Cedric das Reiten beibringt. Patrick Stewart wurde später als Captain Jean Luc Picard in „Star Trek“ berühmt. 1999 spielte er den Geizkragen Ebenezer Scrooge in einer der unzähligen Verfilmungen der Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens. Es ist eine erstaunliche Parallele, dass die holden Knaben, die anderen die Erlösung bringen, selbst einer tragischen Zukunft entgegengingen. Die beiden Knaben aus den Filmen, versteht sich.

Morgen: Die läuternde Kraft des Slapstick macht den Weihnachtsstress erträglich

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren