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DZ-Adventskalender

11.12.2020

Türchen 11: Slapstick unterm Tannenbaum

Öffnen Sie das elfte Türchen in unserem digitalen Adventskalender. Das Thema 2020: Weihnachtsfilme. Heute: Slapstick bei "Schöne Bescherung"

Gleich wird es erstrahlen, das Haus. 25.000 Glühbirnen hat Clark Griswold mühevoll und begleitet von zahlreichen Unfällen an den Wänden und auf dem Dach angebracht. Dieses Weihnachtsfest möchte er mit seinen Verwandten auf traditionelle Weise feiern und dazu gehören in Amerika natürlich Lichterketten – so viele wie nur möglich. Clark Griswold hat die ganze Familie in den nächtlichen Garten gerufen: Seine Frau Ellen, die beiden Kinder und die Großeltern. Die stehen nun bibbernd in ihren Schlafanzügen und warten auf den großen Moment. Um dem stolzen Familienvater einen Gefallen zu tun, imitieren sie mit ihren Lippen einen Trommelwirbel. Die Spannung steigt. Endlich, nach ein paar feierlichen Worten, steckt Clark die Kabel zusammen. Es passiert – nichts. Alles bleibt dunkel.

Kenner der Filmreihe um die Familie Griswold hätten vielleicht vermutet, dass ein Kurzschluss das Haus in Flammen aufgehen lässt, aber dafür ist es noch zu früh. Doch keine Angst, das Werk der Zerstörung nimmt seinen Lauf, Explosionen, Brände und Stromschläge entfalten schließlich noch ihr humoristisches Potential. Es ist daher nicht einfach, eine typische Szene aus „Schöne Bescherungvon 1989 auszuwählen. Typisch sind sie nämlich alle. Egal, ob Clark Griswold (Chevy Chase) Auto fährt, auf eine Leiter steigt oder auf dem Dachboden herumstöbert – immer geschieht ein Unglück. Die Griswold-Filme der Gag-Fabrik „National Lampoon“ sind Slapstick pur. Wer dieses Genre mag, ist hier richtig, wer es hasst, sollte die Finger davon lassen. Das Weihnachtsfest bietet sich natürlich an als Rahmen für so eine Parade der Missgeschicke, denn auch im richtigen Leben geht bekanntlich so manches schief in der schönsten Zeit des Jahres. Welcher Familienvater hat sich nicht schon über verknotete Lichterketten geärgert und das Problem so wie Griswold gelöst, in dem er einfach den Nachwuchs beauftragt hat, den Kabelsalat zu entwirren? Du kannst das doch so gut! Wer über den Pechvogel Clark lachen kann, kann auch über die eigenen Fehler lachen – oder aber hält sich selbst für unfehlbar.

Wer Slapstick liebt, liebt auch die Griswolds

Eigentlich ist er ja ein netter Kerl, dieser Durchschnittsamerikaner Clark W. Griswold – Familienvater, kleiner Angestellter, etwas spießig vielleicht aber kein Haustyrann. Trotz ständiger Rückschläge ist er ein unverbesserlicher Optimist und neigt dazu, sich und seine Fähigkeiten zu überschätzen. Obwohl Clark gelegentlich anderen Frauen hinterherschaut, ist er Familienmensch und will nichts anderes, als seinen Lieben Freude bereiten. Leider bewirkt er meist das Gegenteil und erstaunlicherweise kommt er dabei stets mit einem blauen Auge davon. Seine ebenso attraktive wie gutmütige Frau Ellen (Beverly d’Angelo) und die Kinder Audrey (Juliette Lewis) und Rusty (Johnny Galecki) beweisen eine unwahrscheinliche Geduld in Bezug auf die absurden Einfälle des Familienoberhaupts und die daraus resultierenden Unannehmlichkeiten für sie selbst.

Trailer: Eine schöne Bescherung

Auch in „Schöne Bescherung“ müssen die Griswolds einiges erdulden, denn Clark will ihnen ein perfektes, altmodisches Weihnachtsfest bereiten. Es beginnt mit einer stundenlangen Wanderung durch den Wald, um den richtigen Christbaum für daheim zu suchen. Früher, da waren die Menschen nämlich noch nicht so verweichlicht und haben ihren Baum nicht einfach an der nächsten Ecke gekauft, sondern selbst im Wald geschlagen. Ist das nicht wundervoll?

Tochter Audrey erfriert fast beim Stapfen durch den kniehohen Schnee und als Papa endlich den geeigneten Baum gefunden hat, fällt ihm ein, dass er die Säge zu Hause vergessen hat. Wie die Griswolds den Riesenbaum samt Wurzeln ausbuddeln, wird nicht gezeigt. In diesem Sinne geht es dann Sketch um Sketch weiter. Am Ende des Films ist das Haus der Griswolds ziemlich ramponiert, aber alle sind glücklich. Clark hat seiner Familie, wie versprochen, ein unvergessliches Fest beschert.

Der Weihnachtsfilm ist in den USA so populär, dass es sogar Deko mit Szenen daraus zu kaufen gibt

Slapstick ist eine Kunstform. Es ist nicht lustig, wenn jemand die Treppe herunterfällt. Erst die Persönlichkeit, die da stolpert, verleiht dem Ganzen die Komik. Was Charlie Chaplin oder Stan und Ollie durchmachen, ist deshalb so grandios, weil sie mit Stil scheitern. Die Art und Weise, wie sie sich einem Hindernis nähern, wie sie damit kämpfen und schließlich unterliegen, wie sie danach wieder aufstehen, ihre Mimik und Gestik bei dieser Prozedur, das macht den Unfall für die Zuschauer zum Genuss. Auch Chevy Chase hat mit Clark Griswold so eine Figur mit Wiedererkennungswert entwickelt. Das unerschütterliche Selbstvertrauen dieses netten Mannes von nebenan, sein Strahlen und Augenrollen veredeln seinen ansonsten eher abgedroschenen Klamauk. Der Weihnachtsfilm mit den Griswolds ist in den USA so populär, dass es sogar Weihnachtsdeko zu kaufen gibt, die die schönsten Szenen nachstellt. Wer will, kann sich die Figuren in klein anstatt einer Krippe unter den Baum oder in Lebensgröße in den Vorgarten stellen – beziehungsweise an die Regenrinne hängen, so wie Clark Griswold, der gerade beim Anbringen der Lichterketten abgerutscht ist.

In Deutschland ist die Familie Griswold auch unter dem dümmlichen Etikett „Die schrillen Vier“ bekannt, in den USA läuft die Reihe unter der Marke „National Lampoon’s Vacation“. Die späteren Filme der Reihe, zum Teil schon ohne Chevy Chase, setzten noch stärker auf pubertären Humor und gelten auch bei Fans als billiger Abklatsch der auch schon nicht gerade feinsinnigen Originale. Das Überraschende daran ist, dass National Lampoon, ursprünglich ein Satiremagazin, seine Wurzeln in der elitären Harvard-Universität hatte. Womit mal wieder bewiesen wäre, dass sich auch Akademiker gerne mal unter ihrem Niveau amüsieren.

Deutscher Humor – nicht so schlecht, wie sein Ruf

Apropos Niveau: Deutscher Humor gilt ja international als eher drittklassig. Ein Vorurteil? Jedenfalls Grund genug, einmal zu testen, ob deutscher Weihnachts-Slapstick wirklich so viel platter ist als der made in USA. Zum Beispiel anhand des Films „Zwei Weihnachtsmänner“ mit Christoph Maria Herbst und Bastian Pastewka. Er wurde 2008 von Brainpool produziert – der Firma, die mit der Serie Stromberg die Kritiker überzeugte. Die beiden herausragenden Comedians spielen zwei grundverschiedene Typen, die kurz vor Weihnachten in Bratislava gestrandet sind und nun gemeinsam verzweifelt versuchen, noch rechtzeitig zum Fest zu Hause zu sein.


Trailer: Zwei Weihnachtsmänner

Pastewka ist der erfolglose, aber sympathische Poolnudel-Vertreter Hilmar Kess, Herbst der zynische und arrogante Wirtschaftsanwalt Tillmann Dilling. Die beiden kämpfen sich durch die verschneiten Wälder Osteuropas und bekommen es mit Wildschweinen, Drogenkurieren und der Polizei zu tun. Sie rasen in einem Gummiboot einen Berghang hinab, fliehen in grotesker Verkleidung vor einem Mafia-Killer und werden auf dem Straßenstrich kurz vor der deutsch-tschechischen Grenze wegen homosexueller Fetisch-Spiele verhaftet – in Wahrheit hatte Dilling seinem Partner im Schneemannkostüm nur beim Pinkeln geholfen. Was Tempo und absurde Gags angeht, sind Herbst und Pastweka den Griswolds ebenbürtig, wenn nicht sogar voraus. Zwischendrin bieten sie darüber hinaus ebenso intelligente wie lustige Dialoge, die aus dem Zweiteiler mehr machen als nur eine Aneinanderreihung von Sketchen.

Zwei Schauspieler, die ihr Handwerk beherrschen

Selbst dort, wo es flach oder kitschig wird, kriegen die beiden immer die Kurve, einfach weil sie ihr Handwerk beherrschen. Wie schon gesagt, guter Slapstick erfordert Stil, und den haben die beiden. Zwar ist die Grundidee zu dem Film nicht neu – zwei gegensätzliche Menschen, die sich zunächst nicht ausstehen können, müssen gemeinsam eine Reise mit Hindernissen überstehen. Das gab es schon in „Ein Ticket für zwei“ mit Steve Martin und John Candy. Die Läuterung der beiden Charaktere ist so vorhersehbar wie das Happy End. Aber hey, es ist eben ein Weihnachtsfilm. Darum ist es auch nur folgerichtig, dass die beiden am Ende einander auch noch helfen, ihre beruflichen und privaten Probleme wieder in den Griff zu bekommen.

Ein Witz in dieser Weihnachtsgeschichte ist sogar zum Totlachen komisch: der Hamster-Witz. Jedes Mal, wenn Kess ihn erzählt, stirbt jemand vor Lachen. Zugegeben, diese Idee stammt ursprünglich von der Komikertruppe Monty Python, den Göttern des englischen Humors. Mit dem „lustigsten Witz der Welt“ besiegen die britischen Truppen Nazideutschland, weil die Soldaten sich totlachen. Zwar versucht die Wehrmacht, den Gegner mit einem Vergeltungswitz in die Knie zu zwingen, jedoch ohne Erfolg. Deutsche an der Witzfront also rettungslos unterlegen? Im Weihnachtsduell Chevy Chase contra Herbst & Pastewka sicherlich nicht.

Morgen: Frontsoldaten werden durch das Erlebnis des Weihnachtsfriedens geläutert – aber schon bald müssen sie wieder aufeinander schießen.




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    Bild: ARD Degeto
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