Newsticker
Pfizer kann nicht so viel Impfstoff liefern wie zugesagt
  1. Startseite
  2. Lokales (Donauwörth)
  3. Adventskalender
  4. Türchen 16: Weihnachtsfilme aus Finnland

DZ-Adventskalender

16.12.2020

Türchen 16: Weihnachtsfilme aus Finnland

AZ-Grafik

Öffnen Sie das 16. Türchen in unserem digitalen Adventskalender. Das Thema 2020: Weihnachtsfilme. Heute: Weihnachtssfilme aus Finnland.

Normalerweise werden hier Rentiere geschlachtet, aber jetzt liegt ein nackter, ausgemergelter, blutverschmierter, bärtiger Greis auf dem Tisch. Eben haben ihn die Männer aus einer Wolfsfalle gezogen. Sie dachten, er wäre tot und wollten ihn eigentlich unauffällig beiseiteschaffen, damit es keinen Ärger gibt. Schließlich ist heute der 24. Dezember, man hat ja noch anderes zu tun. Aber der Kerl atmet noch. Wenn der Pass, den sie bei ihm gefunden haben, ihm gehört, dann handelt es sich um Brian Greene, Mitarbeiter der Firma, die seit Wochen Sprengungen am Berg Korvatunturi vornimmt. Pietari, der Sohn des Rentiermetzgers Rauno, hat eine andere Vermutung. Der Korvatunturi, ein Berg in Lappland im Grenzstreifen zwischen Finnland und Russland, gilt als Wohnsitz des Weihnachtsmanns. Die Sprengungen der Fremden haben etwas zu Tage gefördert, was besser tief unter den Steinmassen verborgen geblieben wäre. Und der schmutzige Alte mit den bösen Augen und dem weißen Bart, der soeben Piiparinen ein Ohr abgebissen hat, das ist niemand anderes als eben dieser Weihnachtsmann! Der Joulupukki, um genau zu sein, seine finnische Ausgabe. Und was der mit unartigen Kindern macht, darüber hat Pietari sich genau informiert: er verschont nicht einmal ihre Skelette!


Die Finnen sind bekannt für höchst skurrile Filme. „Rare Exports“, die Weihnachtsgeschichte des Regisseurs Jalmari Helander aus dem Jahr 2010, gilt als Geheimtipp für Freunde des schwarzen Humors in seiner finnischen Vollendung. Vorausgegangen waren der Horrorkomödie zwei Kurzfilme, aufgemacht als Selbstdarstellung des fiktiven Unternehmens „Rare Exports“. Eine Firma, die echte finnische Weihnachtsmänner in alle Welt verkauft.

„Rare Exports – Eine Weihnachtsgeschichte“ (Originaltitel „Rare Exports“), Finnland 2010, Regie: Jalmari Helander, Hauptdarsteller: Onni Tommila (Pietari), Dauer: 84 Minuten, FSK 16

Vertreter dieser Spezies leben in Lappland, sind stärker als Bären und überaus aggressiv. Erfahrene Jäger aus der Region fangen sie unter Lebensgefahr ein und dressieren sie mittels brutaler Gewalt so lange, bis sie auf Kinder losgelassen werden können. Aber wehe wenn jemand in ihrer Nähe raucht, trinkt oder flucht. Dann werden sie wieder zum Tier und zerfleischen den Übeltäter. Der Langfilm erzählt, wie es dazu kam, dass drei Hillbillys aus Lappland plötzlich mit dem Export von Weihnachtsmännern reich wurden.

Wohnt der Weihnachtsmann in Finnland?

Tatsächlich bezeichnen finnische Tourismusfirmen die Region um den Korvatunturi, wo auch Rentiere leben, als den „offiziellen Sitz des Weihnachtsmanns“. Die Idee, den legendären Kinderfreund dort anzusiedeln stammt von dem finnischen Rundfunksprecher Markus Rautio, der in den 1920er Jahren Märchen über den Gabenbringer und seine Helfer erfand. Korvatunturi heißt Ohrenberg und die Form des Gesteins soll dem prominenten Bewohner helfen, die Wünsche aller Kinder zu hören. Weil der Berg selbst in einer Sperrzone liegt, wurde in der Nähe der Stadt Rovaniemi ein pittoreskes „Weihnachtsdorf“ eingerichtet, wo Besucher im „Postamt“ den alten Herren treffen und sich mit ihm fotografieren lassen können. (Ein Abzug kostet dann zwischen 25 – 40 Euro.)

Das Dorf wird zwar weltweit als „Santa Claus Village“ vermarktet, allerdings ist der finnische Joulupukki nicht identisch mit dem amerikanischen Vetter, auch wenn er ihm äußerlich immer ähnlicher wird. Das Wort Pukki ist mit dem deutschen Wort Bock verwandt und Joulu mit dem skandinavischen „Jul“, dem Wort für Weihnachten. Tatsächlich leitet der finnische Weihnachtsmann seine Identität von einer sagenhaften Bocksgestalt ab. In den nordischen Ländern gehörten solche gehörnten Gesellen früher zum winterlichen Brauchtum. Junge Männer, gekleidet in Ziegenfelle und mit Hörnern auf dem Kopf zogen von Haus zu Haus, forderten Speis und Trank und erschreckten auch schon mal die kleinen Kinder. Manche Volkskundler vermuten dahinter heidnische Bräuche und stellen eine Verbindung zum den Böcken her, die den Wagen des germanischen Gottes Thor zogen. Zum Gabenbringer mutierte der Jul-Bock erst im 19. Jahrhundert, als in vielen Ländern Europas Weihnachten endgültig zum Kinderfest wurde und überall neue Weihnachtsmann-Figuren gebraucht wurden. Seine Bock-Identität blieb dabei auf der Strecke, in Finnland erinnert nur noch der Name an seine alte Natur.

Eine Weihnachtsgeschichte als Horrorkomödie

Jalmari Helander erschafft aus diesen Legenden einen strafwütigen Superbock, der mit seinen Helfern nichts anders im Sinn hat als Kinder zu quälen und dafür buchstäblich über Leichen geht. Obwohl diese „Weihnachtsgeschichte“ – so der Untertitel – eine Horrorkomödie ist, erliegt der nicht der Versuchung, diese mit einer Mischung von Slapstick und Gemetzel zu realisieren. Seine Finnen agieren todernst, die Komik entsteht allein durch die Absurdität des Geschehens, die Spannung durch das langsame Aufbauen der Bedrohung, nicht durch Schockeffekte. Obwohl am Ende ausgerechnet der kleine Pietari (Onni Tommila) es schafft, der Gefahr Herr zu werden – was nicht allen Horror-Fans gefällt – sollten Kinder, die noch an den Weihnachtsmann glauben, den Film besser nicht sehen.

„Wunder einer Winternacht – Die Weihnachtsgeschichte“ (Originaltitel „Joulutarina“) Finnland 2007 Regie: Juha Wuolijoki, Hauptdarsteller: Hannu-Pekka Björkman (Nikolas), Kari Väänänen (Iisakki), Dauer: 77 Minuten, FSK 6

Wer keinen Bock auf solche schwarzen Fantasien hat, für den gibt es ebenfalls einen passenden Film aus Finnland. In „Wunder einer Winternacht“ (2007) erzählt Juha Wuolijoki die Geschichte des Weihnachtsmanns ganz anders. Hier ist er kein gehörnter Bösewicht, sondern zunächst einmal ein kleiner, verängstigter Waisenjunge. Ja, auch der Weihnachtsmann war einmal ein Kind, und ein sehr armes dazu. Die Bewohner eines Dorfes in Lappland ziehen Nikolas (Jonas Rinne als Kind, Otto Gustavsson als Jugendlicher, Hannu-Pekka Björkman als Erwachsener) gemeinsam auf. Jedes Jahr an Heiligabend kommt er in eine andere Familie. Er bedankt sich dafür mit Holzspielzeug, das er über das Jahr schnitzt und am Weihnachtsabend heimlich vor die Tür legt. Auch seiner kleinen Schwester Ada, die einst mit den Eltern in einem Eisloch ertrunken ist, fertigt er jedes Jahr ein Weihnachtsgeschenk an. Schließlich wird die Armut im Dorf aber so drückend, dass keine Familie es sich mehr leisten kann, den Jungen aufzunehmen. Der Tischler Iisakki (Kari Väänänen), ein verbitterter Eigenbrötler, will Nikolas daraufhin als Lehrling einstellen. Derselbe Iisakki, der den Dorfbewohnern früher geraten hatte, den Jungen einfach ins Wasser zu schmeißen anstatt ihn durchzufüttern.

„Schmeißt den unnützen Esser doch ins Wasser“

Die Fahrt zu der Behausung des Lehrherren gehört zu den bedrückendsten Szenen des Films. Was wird Nikolas bei dem schroffen Kerl erwarten? Zunächst nur böse Worte, barsche Befehle und harte Arbeit. Bald aber erkennt der Meister die Begabung seines Schülers und fördert ihn. An Heiligabend hilft er ihm sogar dabei, die Geschenke auszuliefern, an die Bewohner des Dorfes und an seine verstorbene Schwester. Mit der Zeit wird Nikolas wie ein Sohn für den einsamen Iisakki, der ihm schließlich seine Werkstatt und sein beachtliches Vermögen vermacht. Nikolas nutzt den Reichtum auf seine Weise. Er fertigt das ganze Jahr über Spielzeug, dass er dann zu Weihnachten verteilt. Sein bester Freund Eemeli (Mikko Kouki) unterstützt ihn dabei, später dessen Tochter und ihre Familie.

Mit der Zeit wird Nikolas alt, sein langer Bart wird weiß. Da sein Wirkungskreis immer größer wird, legt er sich einen Rentierschlitten zu. Auf Anraten einer erfahrenen Züchterin zieht er bei seinen Fahrten rote Kleidung an, Hose, Mantel und Mütze, natürlich gut gefüttert und mit Pelz besetzt, denn in Lappland ist es kalt. Die Tiere hören nur auf ihn, wenn er diese rote Kleidung trägt. Mit anderen Worten: er wird nach und nach zum Weihnachtsmann. Und so stirbt Nikolas auch am Ende nicht, sondern lebt ewig weiter als der freundliche Gabenbringer, den die Welt heute kennt. Aber auch die von Nikolas beschenkten Menschen tragen die Tradition der Weihnachtsgeschenke hinaus in die Welt. „Wunder einer Winternacht“ ist nicht der einzige Film, der das Werden des Weihnachtsmanns erzählt, aber sicher bietet er eine besonders liebevolle Variante dieser Geschichte.

Der Joulupukki gibt sich die Ehre – im Weihnachtsdorf bei Rovaniemi können Besucher Santa Claus ganz nahe kommen.
Bild: Steve Parsons/PA Wire, dpa

Zwei Filme, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, und doch haben sie einiges gemeinsam. Beide Geschichten entwickeln sich langsam und haben einen ganz eigenen, ruhigen Blick auf das schon so oft abgehandelte Thema Weihnachten. Beide Filme zeigen spektakuläre Bilder der Natur in der Nähe des Polarkreises. Und, auch das ist wahr, beide bekräftigen die Vorstellungen von den Finnen als wortkarge aber tatkräftigen Menschen, die so leicht nichts aus der Bahn wirft. In diesem Sinne – „hyvää joulua!”

Morgen: Ein charmanter Himmelsbote läutert einen ehrgeizigen Bischof


Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren