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DZ-Adventskalender

17.12.2020

Türchen 17: Jede Frau braucht einen Engel

AZ-Grafik

Öffnen Sie das 17. Türchen in unserem digitalen Adventskalender. Das Thema 2020: Weihnachtsfilme. Heute: Jede Frau braucht einen Engel

Unruhig sitzt Bischof Henry Brougham in seinem Arbeitszimmer. Schon wieder ist seine Frau Julia mit diesem Schönling namens Dudley unterwegs. Der Bischof hatte den Herren um Hilfe angerufen und plötzlich stand dieser Mann vor seinem Schreibtisch, als ob er vom Himmel gefallen wäre. Ein Engel Gottes sei er, sagt er. Doch anstatt dem Bischof dabei zu helfen, Spenden für seine Kathedralen-Projekt einzuwerben, treibt sich der Himmelsbote lieber mit Broughams Gattin herum. Dabei kommt ihm zugute, dass der Kirchenmann so furchtbar eingespannt ist, dass er sich kaum noch um seine Familie kümmert. Ständig muss er reichen, aber geizigen Honoratioren hinterherlaufen um sie um Gaben für den Bau des Gotteshauses anzubetteln. Insbesondere die schwerreiche Witwe Agnes Hamilton macht ihm mit ihren extravaganten Vorstellungen sehr zu schaffen. Sie verlangt, die Kathedrale zu einem Tempel für ihren verstorbenen Gatten zu machen. Ansonsten fließt kein Geld. Wie kann Brougham an ihre Millionen kommen, ohne den Launen der Mäzenin allzu sehr nachgeben zu müssen? Da, der Bischof hört, wie sich die Eingangstür seiner feudalen Residenz öffnet. Julia und Dudley kommen nach Hause. Sie lachen, offensichtlich haben sie sich mal wieder blendend amüsiert.

Wenn sich plötzlich ein anderer um die vernachlässigte Ehefrau kümmert, wird jeder Mann nervös. Erst recht, wenn dieser andere so gut aussehend und charmant ist wie Cary Grant.

Hollywoods Traummann der goldenen Ära spielt als Engel Dudley alle seine Trümpfe aus. Er ist nicht nur attraktiv, sondern klug, verständnisvoll und hilft allen Mitmenschen auf wunderbare Weise, ihr Leben in der Griff zu kriegen – nur Bischof Brougham (David Niven) nicht. Zumindest scheint es so. Dabei hatte dieser doch um himmlischen Beistand gebeten. Der deutsche Titel des Films, „Jede Frau braucht einen Engel“ führt in die Irre. Es ist nicht Julia (Loretta Young), die Hilfe nötig hat. Zwar genießt sie die Aufmerksamkeit, die Dudley ihr entgegenbringt. Aber als ihr der Engel schließlich gesteht, dass er sich zu ihr hingezogen fühlt, trifft sie ohne zu zögern ihre Entscheidung. Der Bischof hingegen hat sich in sein Bauprojekt verrannt, dass er nicht nur seine familiären, sondern auch seine geistlichen Pflichten vernachlässigt. Er denkt nicht mehr an seine Schäfchen, sondern nur noch an das steinerne Denkmal seiner eigenen Größe. Wenn jemand einen Engel braucht, dann er. Im Original heißt der Film von 1947 ganz neutral „The Bishop’s Wife“, die Frau des Bischofs.

Hollywoods goldenes Zeitalter

„Jeder Mann will so sein wie Cary Grant – ich auch“ – dieses Bonmot wird dem 1904 in England geborenen Schauspieler zugeschrieben. Es illustriert nicht nur seinen Ruf als Herzensbrecher, sondern auch seinen Hang zur Selbstironie. Auf der Leinwand gab Grant stets den lässigen Gentleman: nobel, aber nicht versnobt, weltmännisch und voller hintergründigem Humor. Als Anfang der 1960er Jahre der erste James-Bond Film gedreht wurde, lehnte er die Hauptrolle darin ab. Sicher hätte er den blasierten Geheimagenten verkörpern können, aber seine Figuren waren wesentlich vielschichtiger. Kein Wunder, das Bischof Brougham hin und wieder der Verdacht beschleicht, dass der seltsame Bote nicht von oben gesandt wurde, sondern der Hölle entstiegen ist. Schließlich beginnt er aber doch, die Lektion zu lernen, die Dudley ihm erteilt. Am Weihnachtsabend schließlich ist alles wieder im Lot. Der Bischof hat verstanden, was in seinem Leben als Mann und als Geistlicher wirklich zählt.

„Jede Frau braucht einen Engel“ wurde für fünf Oskars nominiert und erhielt einen, die Darsteller gehörten zu Hollywoods erster Garde. Doch anders als „Ist das Leben nicht schön“ oder „Das Wunder von Manhattan“ gehört der Film heute nicht zu den populärsten Weihnachtsklassikern. Er ist schon eher ein Geheimtipp für Freunde alter Schwarz-Weiß-Komödien. Dabei hat er alles, was zum Genre gehört: Viel Schnee, festliche Lieder, ein paar kleine Wunder, vor allem aber eine Botschaft der Nächstenliebe. Schon als der Film in Amerika in die Kinos kam, enttäuschte er die Erwartungen des Produzenten Samuel Goldwyn.

Szene aus Wim Wenders' «Der Himmel über Berlin» im Pariser Grand Palais.
Bild: Nicolas Krief/Rmn - Grand Palais (dpa)

Seine Markforscher fanden heraus, dass die Kinogänger vermuteten, es handle sich um einen religiösen Film. „Die Frau des Bischofs“ – das klingt werde besonders romantisch noch weihnachtlich. Um das Interesse an seinem neuesten Projekt zu steigern, ließ Goldwyn neue Plakate drucken. Bei einigen wurde der Titel in „Cary und die Frau des Bischofs“ abgeändert, andere bekamen einen schwarzen Kasten mit der Klatschbasen-Frage „Haben sie schon von Cary und der Frau des Bischofs gehört?“ Auch diese Tricks konnten den Film nicht dauerhaft in die Liga der Christmas-Evergreens katapultieren. Dennoch gab es 1996 ein Remake mit Denzel Washington als Engel Dudley und Whitney Houston als vernachlässigte Frau eines Baptisten-Predigers. Kritiker bemängelten, dass der Film in erster Linie als Rahmenhandlung für Gesangsnummern der Diva diene. Andere meinten, Washington und Houston gäben ein so ein schönes Paar ab, dass unklar bleibe, warum die frustrierte Ehefrau schließlich doch zu ihrem irdischen Mann zurückkehrt. Über Grant und Young ließe sich das gleiche sagen. Aber echte Liebe ist eben stärker als eine vorübergehende Schwärmerei.

Verliebte Engel sind ein beliebtes Filmmotiv. Etliche Hollywood-Streifen handeln davon und Wim Wenders griff das Motiv in seinem Klassiker „Der Himmel über Berlin“ auf. Die Idee einer solchen Verbindung klingt nach einer modernen Phantasie. Schon im 1. Buch Mose wird allerdings berichtet, dass „die Kinder Gottes“, vermutlich engelsgleiche Wesen, sich die Töchter der Menschen zu Weiber nahmen und mit ihnen Kinder zeugten. Es entstand ein Geschlecht von Riesen, die Nephilim, die noch heute fröhlich in der Fantasy-Literatur und in Esoterik-Kreisen herumgeistern.


„Rendezvous mit einem Engel“ (Originaltitel: „The Preacher’s Wife“) USA 1996, Regie: Penny Marshal, Hauptdarsteller Denzel Washington (Engel Dudley), Courtney B. Vance (Henry Biggs), Whitney Houston (Julia Biggs), Dauer 119 Minuten, Trailer

Engel spielen im Alten wie im Neuen Testament eine wichtige Rolle, häufig als Abgesandte Gottes. In der Weihnachtsgeschichte nach Lukas verkündet der Engel Gabriel Maria, dass sie einen Sohn gebären wird. Die Hirten auf dem Feld erfahren durch den „Engel des Herren“ von der Geburt des Heilands. Bei Matthäus warnt ein Engel Joseph vor der Verfolgung durch Herodes und rät zur Flucht nach Ägypten. So häufig in der Bibel aber von Gottes Dienern die Rede ist, so wenig erfährt man über ihr Wesen. Im Mittelalter versuchte man daher, Ordnung in die Welt der Engel zu bringen und spekulierte über die himmlischen Heerscharen und ihre Hierarchie. Die berühmte Frage, wie viele von ihnen auf einer Nadelspitze Platz fänden, wurde dabei wohl nicht debattiert. Das ist eine Verleumdung aus späteren Jahrhunderten, als man bemüht war, das Mittelalter als abergläubisch und intellektuell minderwertig darzustellen.

Cary Grant und Denzel Washington spielen Engel mit Stil und Würde

Je rationaler der Glaube wurde, umso weniger Platz war für darin für Engel, und so wanderten sie ab in die Gefilde der Kultur. Zunächst fanden sie in sakraler Kunst und gehobener Lyrik ein neues Zuhause. Später eroberten sie Kinderbücher und Kitschpostkarten. Mit der Zeit wurden aus erhabenen Geistwesen, die dem Sterblichen Ehrfurcht, ja Angst einflößen pausbäckige Puttchen mit Stummelflügeln oder elfenhafte Mädchengestalten wie das Christkind. „Es hat sich halt eröffnet das himmlische Tor“, heißt es in einem Tiroler Weihnachtslied aus dem späten 18. Jahrhundert, „die Engelan, die kugelan ganz haufenweis hervor. Die Büabalan, die Madalan, die machn Purzigagalan“. Süß, aber nicht unbedingt standesgemäß. Im Vergleich dazu sind Cary Grant und Denzel Washington, trotz kleiner menschlicher Schwächen, Engel mit Stil und Würde.


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