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DZ-Adventskalender

04.12.2020

Türchen 4: "Der Grinch" - Die Erlösung des Weihnachtsanarchisten

Bild: AZ-Grafik

Öffnen Sie das vierte Türchen in unserem digitalen Adventskalender. Das Thema 2020: Weihnachtsfilme. Begeben Sie sich mit der DZ jeden Tag auf eine cineastische Reise durch die Vorweihnachtszeit. Heute geht es um den Grinch.

Der giftgrüne Zottelmann im knallroten Santa-Kostüm ist auf dem Kriegspfad. Er klettert durch Kamine, steigt durch Fenster und räumt ab. Unter den Christbäumen, in den Kühlschränken, die Strümpfe an den Kaminen müssen mit. Auch die Bäume selbst plündert er. Nichts darf übrig bleiben, was an Weihnachten erinnert. Aus Schrott hat er eine gigantische Maschine gebaut, die mit ihrem Riesenrüssel alle Geschenke in einen roten Sack saugt. Schließlich lässt er noch alle Lichterketten der Stadt verlöschen. Weihnachten wird dieses Jahr ausfallen, so will es der Grinch.

Der Grinch hasst Weihnachten

Der Grinch hasst Weihnachten, er hasst die Bewohner von Whoville und er hasst sich selbst. Er ist einsam und unglücklich und darum soll auch niemand anderes fröhlich sein. Jetzt aber hüpft und kreischt er vor Vergnügen – Weihnachten stehlen, zertrümmern, vernichten, das ist sein Triumph. Einen ganz besonderen Auftritt gönnt er sich im Haus des Bürgermeisters. Der liegt im Bett und träumt von seiner Angebeteten. „Martha, hast Du je einen Mann geküsst, der zwei Mandeloperationen hatte?“ brummelt er im Schlaf. „Nein, Trottelchen, aber es ist doch etwas, nachdem es mich schon immer verlangt hat“ flötet es zurück. Allerdings ist es nicht Martha, die antwortet. Es ist der Grinch und er hält dem schlafenden Lustmolch das Hinterteil seines Hundes zum Kuss vor’s Gesicht. Weihnachten, das ist die Stunde der Rache!

Der Grinch, Jim Carrey, 2000, Weihnachtsfilm
Bild: dpa (Archiv)

Die Whos, die Bewohner des Städtchens Whoville, sind echte Amerikaner, auch wenn sie winzig klein sind und ihr Reich in einer Schneeflocke Platz hat. Sie lieben es bunt und grell, Weihnachten begehen sie als eine große Konsum- und Dekorationsorgie, sie sind oberflächlich und leicht zu beeinflussen. Im Grunde sind sie jedoch gesellig, gutherzig und bereit, jedem eine zweite Chance zu geben. Ausgedacht hat sich diese seltsamen Kreaturen mit ihren Schnuten und den komplizierten Frisuren der amerikanische Schriftsteller und Zeichner Theodor Geisel alias Dr. Seuss. Geisel, Spross einer deutschstämmigen Brauerdynastie, ist hierzulande kaum bekannt. In den USA ist er eine literarische Institution. Er schrieb über 60 Kinderbücher über phantastische Wesen wie die Whos, den Grinch und die Katze mit dem Hut, voller surrealer Bilder und humorvoller Verse. Das Adjektv „seussy“ bedeutet im amerikanischen Englisch so viel wie skurril, bizarr – ähnlich wie im Deutschen „kafkaesk“, nur mit einem weit fröhlicheren Klang.

Der Grinch-Erfinder ist Dr. Seuss – ein amerikanischer Autor mit deutschen Wurzeln

1957 erschien „Wie der Grinch Weihnachten gestohlen hat“ als Buch. Es wurde gleichzeitig in neun Sprachen veröffentlicht, darunter auch Latein („Quomodo Invidiosulus Nomine Grinchus Christi Natalem Abrogaverit“). Eine deutschsprachige Ausgabe gab es erst im Jahr 2000. Der Grinch, das ist ein Giftpilz, ein verbitterter Einzelgänger, der in einer Höhle in dem Berg Crumpit haust und die nahegelegene Stadt Whoville und ihre unbeschwerten Bürger verabscheut. Warum er Weihnachten nicht leiden kann, das weiß niemand genau, Dr. Seuss vermutet aber, dass sein Herz vielleicht zwei Nummern zu klein ist. Eines Tages beschließt der Grinch, den Whos die Freude zu verderben, indem er ihnen die Geschenke klaut.

Doch die lassen sich ihr Fest nicht nehmen. 1966 entstand ein Zeichentrickfilm, der sich getreu an die Handlung des Buches hält. Frankenstein-Star Boris Karloff lieh dem grünen Weihnachts-Anarchisten seine Grabesstimme. Zwei bemerkenswerte Songs aus dem Film sind zum musikalischen Markenzeichen der Geschichte geworden: „You’re a Mean One, Mister Grinch“, die Hymne, die die Bosheit des Weihnachtshassers in immer exaltierteren Metaphern beschreibt und „Fahoo Fores, Dahoo Dores“, das Nonsens-Weihnachtslied der Whos. Der 25minütige Film wurde zu Weihnachts-Klassiker, der jedes Jahr im amerikanischen Fernsehen ausgestrahlt wird. Die Whos sind in dieser Version einfach nur liebenswerte kleine Kerlchen, die gerne feiern und dazu nicht unbedingt Geschenke brauchen.

Die kleine Cindy-Lou Who lehrt den pelzigen, grünen Grinch, wie schön Weihnachten doch ist.
Bild: Universal Picture

Etwas anders liegt die Sache in dem Spielfilm aus dem Jahr 2000. Dieser breitet die Erzählung über 105 Minuten aus und bietet eine Erklärung dafür, warum der Grinch Weihnachten verabscheut. Dazu mussten sich Regisseur Ron Howard und sein Team eine Rahmenhandlung ausdenken, die weit über die Vorlage von Theodor Geisel hinausgeht. Dessen Witwe Audrey ließ sich die Erlaubnis dazu mit fünf Millionen Dollar plus einem Anteil aller Einnahmen aus dem Film bezahlen. Das Ergebnis ist durchaus „seussy“. Die Whos sind in diesem Film vor allem an der materiellen Seite des Festes interessiert und überbieten sich gegenseitig in der Dekoration ihrer Häuser. Die einzige, die noch nach dem tieferen Sinn von Weihnachten fragt, ist die kleine Cindy Lou Who (Taylor Momsen in einer ihrer ersten großen Rollen).

Warum der grüne Grinch auch als Sexsymbol gefeiert wird

Und der Grinch? Der, gespielt von dem Grimassen- und Verrenkungsspezialisten Jim Carrey, entpuppt sich als Opfer der rechtschaffenen Whos. Wie Cindy Lou nach und nach herausfindet, wurde er als Kind gemobbt, weil er anders war. Besonders tat sich dabei Augustus May Who (Ben Bookbinder als Junge/Jeffrey Tambor als Erwachsener) hervor. Er und der Grinch konkurrierten um die Gunst der schönen Martha May Whovier (Landry Allbright/Christine Baranski). Nach einer verkorksten Weihnachtsfeier, die ihn endgültig zum Gespött macht, flieht der Grinch in die Berge. Augustus wird später Bürgermeister, sein Nebenbuhler ein verfemter Eremit. Martha allerdings vergisst ihren haarigen Verehrer nie, noch als erwachsene Frau schwärmt sie von seinen Muskeln.

Der Grinch mag Weihnachten eigentlich nicht.
Bild: Eduardo Munoz Alvarez/AP (dpa)

Da ist sie offenbar nicht die einzige. Englischsprachige Medien berichten, dass der Antiheld im Netz als Sexsymbol gefeiert wird, ob wohl er nicht nur ein gemeiner Kerl ist, sondern unangenehm riecht. Vielleicht liegt das an Jim Carreys überzeugender Schauspielkunst, vor allem aber an seiner Körperbeherrschung. Zweieinhalb Stunden soll es gedauert haben, ihm das Kostüm und die Maske anzulegen. Aber es hat sich gelohnt. Carreys Grinch ist fast so beweglich und hat die gleiche unglaubliche Mimik wie sein Vorbild aus dem Zeichentrickfilm von 1966. Seine Sprüche und Posen aber erinnern bisweilen an James Bond. Doch Grinch-Fetischistinnen und -fetischisten seien gewarnt. Der vermeintlich so harte Knochen wird zum weinerlichen Häufchen Elend, sobald er alleine ist. Da wir aber schon beim Thema Erotik sind: der Film, obwohl hauptsächlich für Kinder gedacht, steckt voller mehr oder weniger gut maskierter Zweideutigkeiten, die erwachsene Zuschauer entschlüsseln können, während die Kleinen sich über die Slapstick-Einlagen schlapplachen.

Hauptsächlich aber geht es nicht um Sex, sondern um Weihnachten, genauer um die Bedeutung des Festes. Der liegt nicht im Konsum, sondern in familiärer Geselligkeit – das jedenfalls findet Cindy Lou. Sie will auch den Grinch an diesem besonderen Tag nicht einsam wissen und besteht einige gefährliche Abenteuer, um ihn von seinem traurigen Schicksal zu erlösen. Das tapfere Mädchen schafft es schließlich, ihre Mitbürger und den Außenseiter miteinander zu versöhnen.

Der Grinch - sein Name ist das Symbol für den Hass auf Weihnachten

2018 gab es noch einen Computer-Animationsfilm zum selben Thema mit einer neuen Version der Grinchogenese. Im Original sprach Benedict Cumberbatch den Grünling, im Deutschen Otto Waalkes. Kritiker reagierten zurückhaltend und sprachen von einer weichgespülten Variante.

Auch wenn der Grinch am Ende jedes Mal geläutert wird, so ist sein Name doch zum Symbol für den Hass auf Weihnachten geworden. Seine Kritik an Kommerz und Heuchelei kommt jedoch vor allem daher, dass er selbst nie das bekommen hat, was er wollte. In seinem Falle vor allem Zuneigung. Wenn Weihnachtsmuffel sich heutzutage als „Grinch“ outen, senden sie damit vielleicht ein verstecktes Signal aus: hab mich lieb, erlöse mich – ich bin ein sexy Weihnachtsanarchist.

Lesen Sie morgen: Eine schreckliche Familie wird durch einen Weihnachts-Alptraum geläutert

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